49 Tote und mindestens 50 Verletzte: Das Massaker im Club Pulse, der vor allem gern von der Community der Lesben, Schwulen, Bi- und Transgender (LGBT) besucht wurde, ist das schlimmste Schusswaffenmassaker in der jüngeren US-Geschichte und der schwerste Terroranschlag seit dem 11. September 2001. Über Stunden hinweg erschoss Omar Mateen Clubbesucher, verschanzte sich mit Geiseln, lieferte sich Schusswechsel mit der Polizei und wurde schließlich getötet. Seine Motive sind unklar.

Was wissen wir über den Attentäter?

Omar Mateen wurde 1986 in New York als Sohn afghanischer Einwanderer geboren. Er lebte in Fort Pierce, fast 200 Kilometer südlich von Orlando. Dort arbeitete er seit September 2007 als Sicherheitsmann für G4S, die weltweit größte Firma in diesem Bereich. Während seiner Dienste – er sollte straffällig gewordene Jugendliche beaufsichtigen – trug er stets eine Waffe, wie ein Sprecher des Unternehmens bestätigte. Seit mindestens 2011 verfügte er über eine eigene Waffenlizenz. Wenige Tage vor dem Massaker kaufte er sich eine Pistole und ein Sturmgewehr.

Freunde, Bekannte und Familienangehörige beschreiben den 29-Jährigen sehr widersprüchlich. "Er konnte von jetzt auf gleich durchdrehen", sagte seine Ex-Frau Sitora Yusufiy im TV-Sender ABC. Sie nannte ihn einen aufbrausenden, unberechenbaren Charakter, der auch gewalttätig wurde. "Er war psychisch instabil, psychisch krank", sagte sie. Das FBI versucht, die Angaben zu überprüfen. Mateen habe Steroide konsumiert, die bei falscher Dosierung Psychosen oder Paranoia auslösen können. 2011 sei sie nach kurzer Ehe von ihrer Familie aus "seinen Armen entrissen" und damit auch vor seinen gewalttätigen Übergriffen "gerettet" worden, sagte Yusufiy.

Gegen Omar Mateens aktuelle Ehefrau, Noor Salman, ermitteln die Behörden. Sie soll von den Plänen ihres Mannes gewusst haben. Berichten zufolge teilte sie den Ermittlern mit, sie habe versucht, ihren Mann von dem Attentat abzuhalten. Zugleich habe sie aber zugegeben, ihn im Vorfeld einmal zu dem Nachtclub gefahren zu haben. US-Senator Angus King, Mitglied des Geheimdienstausschusses des Senats, sagte dem Sender CNN, die Ehefrau könne offenbar wichtige Informationen liefern und sei kooperationsbereit.

Mateens Vater, Mir Seddique, ist in den afghanischen politischen Zirkeln in den USA eine kleine Berühmtheit. In der Durand Jirga Show macht er via YouTube Stimmung gegen die pakistanische Regierung. Gelegentlich ließ er einen überspannten Plan einfließen, er wolle afghanischer Präsident werden, auch gegen Homosexualität nahm er Stellung. Dass sein Sohn durch den Islam zu der Tat ermuntert worden sei, hält Seddique für ausgeschlossen: "Das hat nichts mit Religion zu tun", sagte er ABC. Er verweist vielmehr auf dessen Abneigung gegen Schwule und beschreibt eine Strandszene aus Miami, bei der sein Sohn über ein sich küssendes schwules Paar "sehr wütend" geworden sei.

Das meint auch Syed Shafeeq Rahman, der Imam des Islamischen Zentrums von Fort Pierce, das Mateen ab 2003 und zeitweise drei bis vier Mal pro Woche zum Abendgebet aufsuchte. Noch in der vergangenen Woche sei er mit seinem kleinen Sohn dort gewesen. So wie sein Vater und seine Ex-Frau wollte auch der Imam eventuelle Anzeichen einer Radikalisierung nicht erkannt haben. Moscheebesucher berichteten in US-Medien von einem zuletzt sehr traurig und in sich gekehrt wirkenden Mateen, der sonst aber gern über religiöse Fragen gesprochen hätte. Wenn er mit etwas nicht einverstanden gewesen sei, habe er es direkt gesagt, er habe furchteinflößend wirken können.

Beide, der Imam und der Vater, beschreiben Mateen als ruhig und beherrscht.

Was wusste das FBI vor der Tat über Mateen?

Bei der US-Bundespolizei war Omar Mateen kein Unbekannter, er wurde aber aktuell weder beobachtet noch stand er auf einer Terrorliste.

Anders 2013 und 2014: Damals ging das FBI zwei Verdachtsmomenten gegen Mateen nach. Es ging um angebliche hetzerische Reden bei seiner Arbeit und um Kontakte zu einem US-Bürger, der später ein Selbstmordattentat in Syrien verübte. Mateen wurde in dem Zusammenhang mehrfach vernommen. Die New York Times berichtet, er sei auch abgehört worden. Die Bundespolizei wertete seine Kontakte aber nicht als Bedrohung und stellte die Ermittlungen in beiden Fällen ein.

Welche Verbindungen hatte Mateen in die Islamistenszene?

Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass Mateen nicht im Auftrag von Dschihadisten, also zum Beispiel vom sogenannten Islamischen Staat (IS) gemordet hat. Seine Tat, so FBI-Direktor James Comey, sei nicht Teil eines größeren Terrorplans und sei auch von keinem internationalen Netzwerk unterstützt worden. Mateen habe keine Anweisungen bekommen, sondern hätte vielmehr als "einsamer Wolf" gehandelt.

Nach Angaben des FBI meldete sich Mateen insgesamt drei Mal beim Polizeiruf 911 und schwor in diesen Telefonaten IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi die Treue, bekannte sich aber auch zu den Attentätern des Boston-Marathons und zur Al-Nusra-Front. Bei den Befragungen von 2013 und 2014 hatte er zudem seine Sympathie mit der Hisbollah und mit Al-Kaida erklärt. Dazu FBI-Direktor Comey: "Das passt nicht zueinander. Die Organisationen rivalisieren und die Boston-Attentäter haben mit dem IS nichts zu tun."

All diese Bekenntnisse schreiben die Ermittler einer selbsttätigen Radikalisierung zu. Extremistische Botschaften im Internet, verbreitet von den verschiedensten Gruppierungen, hätten ihn möglicherweise inspiriert und angestachelt. Dies sei auch der Grund, warum kein Fahnder auf ihn aufmerksam geworden sei und die Tat somit nicht habe verhindern können. US-Präsident Barack Obama mahnte in diesem Zusammenhang eine umfassende Sicherheitsdebatte an. Islamistische und extremistische Onlinepropaganda müsse genauso bekämpft werden wie Terroristen im Ausland, sagte er. 

Was wissen wir über seine Haltung zu Homosexualität?

Nach Angaben des FBI ermitteln die Beamten auch, welche Rolle "homophober Fanatismus" bei dem Anschlag gespielt haben könnte. Zum einen wurde das Pulse vor allem von der LGBT-Community frequentiert, zum anderen bezieht sich das FBI dabei auf Mateens Vater, der davon ausgeht, dass sein Sohn womöglich von Hass auf Homosexuellen angetrieben worden war.

Allerdings gibt es inzwischen auch erhebliche Zweifel an der Integrität des Vaters als Zeugen. Im Interview mit ABC äußerte er Bestürzung über die Tat, dann aber verstörte er in einem auf seiner Facebook-Seite geteilten und inzwischen auch auf YouTube sichtbaren Video mit homophoben Äußerungen. "Es ist Sache Gottes, Homosexuelle zu bestrafen. Nicht die seiner Diener", sagt Omars Vater Seddique Mateen darin in der Sprache Dari.

Für Aufsehen sorgen nun Äußerungen von mehreren Augenzeugen, wonach Omar Mateen selbst oft Gast in dem Club gewesen sein soll. "Manchmal saß er in der Ecke und trank allein, und manchmal war er so betrunken, dass er laut und aggressiv wurde", zitiert die Lokalzeitung Orlando Sentinel einen von insgesamt vier Befragten. Andere Zeitungen wie beispielsweise die Los Angeles Times zitieren Männer, die über diverse einschlägige Dating-Apps teils lange Kontakt zu Mateen gehabt haben. Nach dem Anschlag meldete sich der Besitzer eines anderen LGBT-Clubs, zu dem Mateen angeblich Kontakt gesucht hatte.

Was genau ist in dem Club passiert?

Mit einem Mietwagen fuhr Mateen in der Nacht zum Sonntag 180 Kilometer von seinem Wohn- zum Tatort. Bewaffnet mit dem Gewehr Sig Sauer MCX, einer Handfeuerwaffe und großen Mengen Munition stürmt er gegen 2 Uhr nachts in den mit mehr als 300 Menschen gefüllten Club, ein recht verzweigtes Gebäude mit vielen Räumen. In der Nähe eines der Ausgänge gerät er in ein Feuergefecht mit einem Polizisten, der außerhalb seines Dienstes als Sicherheitsmann im Pulse arbeitet. Der Täter stürzt in das Innere des Clubs zurück.

Zahlreichen Menschen gelang die Flucht auf die Straße. Andere verstecken sich in den Toiletten, von wo aus sie per Anruf oder SMS um Hilfe rufen. Bald trafen weitere Polizisten zur Verstärkung ein. Sie stürmten in das Innere des Clubs und lieferten sich eine Schießerei mit dem Täter. Mateen flüchtet in eine Toilette, wo er Geiseln nahm, die Notrufnummer 911 wählte und sich als IS-Gefolgsmann bezeichnete.

Unterhändler der Polizei telefonierten mehrfach mit dem Täter. Mateen sagte nach Angaben der Polizei, dass er eine Sprengstoffweste trage und überall in dem Club Sprengstoff platziert sei. Die Polizei fürchtete um das Leben der Geiseln und beschloss deshalb, sie mit Gewalt zu befreien. Mittels einer "kontrollierten Sprengung" wollte die Polizei ein Loch in der Wand zu einem WC öffnen, das gegenüber jenem liegt, wo Mateen sich mit seinen Geiseln verschanzt hatte. In dieser zweiten Toilette versteckten sich 15 Menschen, die in telefonischem Kontakt zur Polizei standen.

Die Sprengung allerdings misslang. Stattdessen setzte das Kommando ein gepanzertes Fahrzeug ein, um die Mauer auf etwa einem Meter Breite einzureißen. Dutzende Menschen stürmten anschließend durch das Loch ins Freie. In dem Feuergefecht wird Mateen getötet.

Nach Informationen des US-Senats hat der Attentäter Omar Mateen vor und während des Massakers im Club Pulse offenbar mehrere Facebook-Postings geschrieben und Suchanfragen gestellt. Mateen prangerte demnach in einem Facebook-Post die "schmutzigen Wege des Westens" an und beschuldigte die USA, für den Tod unschuldiger Frauen und Kinder verantwortlich zu sein. Dem Senat zufolge suchte er außerdem nach den Begriffen "Pulse Orlando" und "Shooting". Wie bereits in einem Notruf bei der Polizei schwor der spätere Täter dem Senat zufolge in einem weiteren Post dem IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi seine Treue. Zur weiteren Aufklärung der Onlineaktivitäten bat der Senat Facebook in einem Brief um Hilfe.

Was macht diese Gewalttat so speziell?

Orlando geht als schlimmstes "mass shooting" in die Geschichte der USA ein. Nach dem Massaker entsponn sich eine Diskussion um die US-Waffengesetze und über die Akzeptanz von Schwulen, Lesben und anderen sexuellen Minderheiten in den USA. Auch im Wahlkampf spielt das Thema eine Rolle. Donald Trump forderte ein Einreiseverbot für Muslime, Präsident Barack Obama wies das scharf zurück.