Zu den größten Merkwürdigkeiten der Brexit-Kampagne gehört die Geschichte der 350 Millionen Pfund. Diese Summe sende Großbritannien jede Woche an die EU, hatten die Ausstiegsbefürworter erklärt. Die Kampagnenmacher klebten das als riesengroßen Slogan auf einen knallroten Werbebus, mit dem sie durchs Land fuhren. Dabei stimmte die Zahl nicht. Wenn man den britischen Beitragsrabatt abzieht und auch das Geld, das Brüssel zurück auf die Insel schickt, liegt die Summe eher bei 136 Millionen Pfund, nicht einmal der Hälfte. Aber der Bus fuhr einfach weiter.

Die wenigen Ausstiegsbefürworter, die überhaupt auf die Kritik an der Rechnung reagierten, passten die Zahl nur leicht an. Sie sprachen dann von 50 Millionen Pfund am Tag. Es war die gleiche, alte Unwahrheit in neuen Schläuchen.

Wie kann es sein, dass diese und viele weitere Unwahrheiten der Kampagne offenbar nicht geschadet haben? Die Antwort darauf ist nicht etwa deshalb interessant, weil sich damit das Brexit-Votum hinreichend erklären ließe. Es gab viele und gute Gründe, für den Austritt zu stimmen. Es wäre falsch,  den Ja-Sagern zu unterstellen, sie seien zu dumm gewesen, um das Richtige zu wählen. Das würde den Dünkel liberaler EU-Profiteure nur wiederholen, der die Wut auf die EU erst hat wachsen lassen. Nein, es kann nicht darum gehen, die Ausstiegsbefürworter nachträglich zu entmündigen. Es sollte darum gehen, zu verstehen, warum Lügen Politikern nicht mehr schaden.

Interessant ist die Antwort, weil sich die Frage nicht nur in Großbritannien stellt, sondern auch in den USA, in Deutschland und in eigentlich allen Ländern, die sich lange viel auf ihre demokratische Vernunft eingebildet haben.

Bekömmliche Unwahrheiten

Donald Trump hat große Teile seines Präsidentschaftswahlkampfs aus falschen Aussagen gebaut. Die Kriminalität steigt, Hillary Clinton will alle Gefangenen entlassen, die USA zahlt Milliarden an die Nato, die US-Regierung hilft illegalen Einwanderern ins Land, Barack Obama lädt 250.000 Syrer ein. Diese Aussagen sind nachweislich falsch, die meisten sogar dramatisch falsch. Aber es schadet Trump nicht. Ebenso wenig schadet es der AfD, wenn sie eine ganze Kampagne auf der falschen Aussage aufbaut, die Bundesregierung wolle das Bargeld abschaffen.

All diesen Aussagen ist gemein, dass sie die Erwartungen der Menschen bestätigen, die als Wähler gewonnen werden sollen. Und Menschen lieben es, bestätigt zu werden. Wer aus Brüssel ohnehin nur Böses befürchtet, dem gehen neue Anschuldigungen runter wie Öl. Ihre geistige Bekömmlichkeit macht die Unwahrheiten erfolgreich.

Kampfbegriff Wahrheit

Interessanterweise sind es dieselben Akteure, die am lautesten behaupten,  nur sie sagten die Wahrheit und alle anderen lögen."Mut zur Wahrheit" ist der Slogan der AfD, "Lyin' Ted", lügender Ted, nannte Trump seinen Mitbewerber Ted Cruz, der wiederum seiner Autobiografie den Titel A Time for Truth gab.

Wahrheit ist so zum Kampfbegriff geworden, und Fakten sind nicht mehr der Goldstandard in öffentlichen Debatten. Es scheint damit eine Epoche zu Ende zu gehen, die seit der Aufklärung spätestens angedauert hat und deren Paradigma schon im Mittelalter entstanden ist: Das Zeitalter der Fakten ist vorbei.

Früher gab es keine Fakten, nur Gott

Wie hat es begonnen? Es lohnt sich, daran zu erinnern, wie die Herrschaft der Fakten begann. Die Harvard-Historikerin Jill Lepore und der politische Ökonom Will Davies haben dazu jeweils einen lesenswerten Text geschrieben.

Lepore erinnert daran, wie die Menschen diskutiert und gestritten haben, bevor Fakten entscheidend wurden: mit ihren Körpern und mit Waffen. Erst in sogenannten Gerichtskämpfen, später in Duellen, traten sie gegeneinander an, und wer gewann, der hatte recht. Das Ergebnis begründete nachträglich das Urteil. Die höhere Instanz war Gott, etwas Metaphysisches, das entschied, welcher Sterbliche gewinnen sollte.

Fakten müssen für alle gleich sein

Dann wollten die Menschen selbst entscheiden. Im Jahr 1215 schaffte die Kirche den Gerichtskampf ab und England führte durch die Magna Carta das "gesetzliche Urteil" ein. Statt des mysteriösen göttlichen Urteils zählte nun durch Menschen beobachtbare Realität, Evidenz. Die Regel verkehrte sich: Nicht mehr wer gewann, hatte recht. Sondern wer recht hatte, gewann. Menschen wurden auf der Grundlage bewiesener Taten verurteilt und Debatten auf der Grundlage von Fakten geführt.

Ein Fakt ist alles, was beobachtet werden kann und eindeutig ist. Fakten müssen, damit sie als Grundlage für Debatten funktionieren, für alle gleich sein.

Dazu braucht es zwei Dinge. Erstens neutrale Institutionen, die nach einheitlichen Maßstäben arbeiten und die Fakten liefern, was lange die Statistikbehörden und die Universitäten waren. Und was noch wichtiger ist: Das Zeitalter der Fakten braucht zweitens Menschen, die sich ihrer  Vernunft bedienen. Im Zweifel muss jeder in der Lage und willens sein, Aussagen auf ihre Plausibilität zu prüfen. Stehen sie im Widerspruch zu anderen plausiblen Aussagen oder zu dem, was ich mit meinen Sinnen als Realität wahrnehme?

Diese Herrschaft der Fakten war natürlich immer ein Ideal, ganz verwirklicht wurde sie nie. Politiker, wie alle anderen Menschen auch, verdrehten Fakten zu ihrem Vorteil, und manchmal logen sie sogar. Aber sie durften sich nicht erwischen lassen. Das Pentagon hat im Jahr 2003 großen Aufwand betrieben, um zu verschleiern, dass die vermeintlichen Fakten, die den Irak-Krieg begründeten, keine Fakten waren. US-Außenminister Colin Powell, der diese Lügen der UN vortrug, wurde überführt, seine politische Karriere war damit vorbei. 

"Calling Bullshit"

Heute scheint das Lügen folgenloser zu sein. Die Huffington Post zählte in einer einstündigen Rede Trumps 71 Faktenfehler. Diese abstrus hohe Zahl weist darauf hin, dass Trump, anders als Powell, gar nicht mehr den Anspruch hat, bei den Fakten zu bleiben. Und es ist ihm egal, wenn er erwischt wird.

Calling Bullshit nennen die Amerikaner das: den Unsinn als solchen benennen. Bei Politifact und Politico, aber auch bei der Washington Post und der New York Times arbeiten Journalisten daran, Aussagen von Politikern zu überprüfen. Sie sind die Putzkolonnen, die den öffentlichen Diskurs vom Dreck der Halbwahrheiten und Komplettlügen zu reinigen versuchen. 

Niemand hört noch auf die Kontrolleure

Es ist ein undankbarer Job. Zum einen, weil es so viel einfacher ist, den Dreck zu schmeißen, als ihn wegzuptzen. Und zum anderen, weil die Faktenchecker mit ihren ehrenwerten Besserwissereien kaum durchdringen. Sind attraktive Unwahrheiten einmal in der Welt, sind sie fast nicht mehr zu vertreiben. Die Faktenchecker von Politico zum Beispiel sagen über ihre Arbeit: "Niemand außer Politikfanatikern achtet besonders darauf."

Das ist in Deutschland ähnlich. Das beste Beispiel sind die Gerüchte über Flüchtlinge der vergangenen Monate. Vergewaltigungen, Morde, Diebstähle: Geschichten über kriminelle Flüchtlinge verbreiteten sich vor allem in der heftigsten Phase der Krise im vergangenen Herbst schnell – auch wenn in sehr vielen Fällen wenig bis gar nichts dran war an ihnen. Machten sich Lokalzeitungen oder das Internetprojekt mimikama die Mühe der Überprüfung, bekamen sie für ihre korrigierenden Artikel nur noch einen Bruchteil der Aufmerksamkeit. Denn bei Flüchtlingsgegnern kommt die Widerlegung von Gerüchten oft nicht mehr an, weil ihnen die Algorithmen immer nur mehr von dem geben, was sie bereits angeklickt haben: mehr Gerüchte über Flüchtlinge.

Die Fakten selbst sind jetzt politisiert

Nicht nur dezidierte Populisten bei der AfD, auch andere Politiker nehmen es mit den Fakten nicht mehr so genau. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte im vergangenen Jahr, 30 Prozent der vermeintlichen Syrer in Deutschland stammten gar nicht aus Syrien. Belegen konnte sein Ministerium diese Zahl nie.

Offenbar sind die Säulen, auf denen die Herrschaft der Fakten ruhte, ins Wanken geraten. Zum einen die Institutionen, die für die Fakten zuständig sind. Diese seien politisiert worden, kritisiert der Ökonom Davies. Wenn Zahlen und Fakten der Goldstandard in öffentlichen Debatten sind, wollen Politiker und Interessengruppen, dass diese Fakten sie bestätigen. Jede Seite hält sich eigene Faktenlieferanten und versucht mit deren Hilfe, ihrer Position die Aura wissenschaftlicher Unanfechtbarkeit zu verleihen.

Am bequemsten ist Alternativlosigkeit

Am Ende sieht Politik aus wie eine "wissenschaftliche Übung", schreibt Davies: Eine ständige Abfolge von Problemszenarien, für die es jeweils eine optimale Lösung gibt; man muss sie nur finden und braucht dafür möglichst viele Informationen. Von hier aus ist es nicht mehr weit zur Vorstellung einer "alternativlosen" Politik, wie Angela Merkel sie berühmt gemacht hat.

So habe die Politik die Wissenschaft politisiert und diese geschwächt, argumentiert Davies. "Evidenzbasierte Politik ist schon zu lange im Spiel, um noch gutgläubig hingenommen zu werden, Menschen verstehen, dass es oft eine Menge politikbasierte Evidenz beinhaltet."

Nun war die Wissenschaft nie unschuldig. Schon die Nationalsozialisten missbrauchten wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Erkenntnisse, um ihre Vernichtungen zu begründen.

Neu ist, dass jetzt schon die Wissenschaftler so diskreditiert zu sein scheinen, dass viele ihnen prinzipiell nicht mehr glauben. 

Ökonomen gelten als parteiisch

In der Brexit-Debatte wurde das für die Remain-Kampagne zum Problem. "Als sie mit ihren Fakten, Vorhersagen und Modellen ankamen, hofften sie, dass diese als etwas aufgenommen würden, das außerhalb der politischen Rangeleien steht", schreibt Davies. Sie hofften noch auf die überparteiliche Autorität der Fakten.

Gerade die Ökonomie aber, das Gebiet, auf dem die EU-Befürworter die vermeintlich deutlichsten Vorteile hatten, gilt kaum noch als unpolitische Wissenschaft. Wer sich heute auf den IWF beruft, wie es auch die Remain-Kampagne tat, verortet sich vor allem politisch im Lager des globalen Finanzliberalismus.

So wurde aus den Fakten der Remain-Kampagne in der Wahrnehmung vieler Wähler eine weitere parteiische Erzählung: Ebenso wahr wie jene der Gegenseite, nur eben dröger – und belehrender außerdem. Michael Gove, einer der wichtigsten Brexit-Befürworter, brachte es so auf den Punkt: "Das britische Volk hat es jetzt satt, von 'Experten' zu hören."

Den Niedergang der Fakten haben zwei entgegengesetzte geistige Trends der vergangenen Jahrzehnte begünstigt. Auf der einen Seite der religiöse Fundamentalismus, für den Wahrheit nur von Gott kommen kann. Und auf der anderen Seite der akademische Postmodernismus, laut dem es so etwas wie objektive Wahrheiten ohnehin nicht gibt, weil Realität erst durch Sprache hergestellt wird. So waren sich religiöse Fundamentalisten und linke Akademiker darin einig, "dass Empirie ein Irrtum ist", wie Lepore es formuliert.

Das Zeitalter der Daten beginnt

Dann kam das Internet. Nein, das Netz ist nicht schuld am Brexit. Es erleichtert nur die Verbreitung des Bullshits und erschwert die Kontrolle. Im Netz verbreiten sich die lautesten, emotionalsten Beiträge am schnellsten, und zwar unabhängig davon, ob ihre Aussage stimmt. Dabei steht jeder Post für sich allein, und ob seine Aussage anderswo widerlegt wurde, ist egal, weil es das Publikum nicht erreicht. Sascha Lobo schreibt: "Strukturell betrachtet hat die vernetzte Öffentlichkeit in der Jetzt-Form kein Gedächtnis, sondern lässt sich von emotionalen Sofortreaktionen leiten. Damit fehlt der Abgleich mit Fakten oder früheren Äußerungen."

Außerdem, so argumentiert Lepore, haben wir uns so sehr daran gewöhnt, fertiges Wissen aus dem Netz einfach herunterzuladen (Wikipedia!), dass wir verlernen, die Aussagen auf Plausibilität zu prüfen.

So gerät die zweite Säule ins Wanken: Die Praxis der Vernunft. 

Medien, die auf Buchmacher starren

Lepore und Davies rufen deshalb ein neues Zeitalter aus, das der Daten. Diese unterscheiden sich von Fakten dadurch, dass sie sowohl richtig als auch falsch sein können. Diese Daten schwirren durchs Netz. Sie werden nicht mehr nach einheitlichen Standards überprüft, sondern von Computern gesammelt und verfügbar gemacht. Den Computern ist egal, was ihre Daten über die Realität aussagen – und ihren Benutzern, also uns, mittlerweile auch.

Wieder ist der Brexit ein gutes Beispiel: In den Tagen vor der Abstimmung schaute die Öffentlichkeit auf die Daten der Währungsmärkte und Buchmacher, um eine vermeintliche Abstimmungsrealität zu erkennen. Dabei bildeten sie etwas ganz anderes ab: Die Wettquoten sagten aus, für wie gut die Wettenden die Einschätzungen der Meinungsumfragen vor der Abstimmung hielten. Und die Währungskurse zeigten lediglich, was die Anleger darüber dachten, wie die Briten dachten. Es waren nicht Fakten, sondern Meinungen über Meinungen. Über Finanzmärkte und Buchmacher schreibt Davies: "Ihr Geschäft ist es nicht, die Wahrheit zu zeigen, sondern Stimmungen zu protokollieren." 

Wenn diese datengetriebenen Stimmungsprotokolle selbst ins Zentrum der Öffentlichkeit rücken, bekommt die Öffentlichkeit ein Problem. Denn dann ist die Öffentlichkeit mehr mit ihren Meinungen und Deutungen der Realität beschäftigt als mit den Fakten, die diese Realität ausmachen.

Kindische Fernsehduelle

Bei den Duellen im Vorwahlkampf in den USA ließ sich dieses Phänomen noch besser beobachten. Während die Kandidaten noch auf der Bühne standen, ließ sich online und im Fernsehen darüber abstimmen, wer gewonnen habe. Diese Abstimmungsergebnisse, diese Meinungen also, wurden nach den Duellen selbst zur bestimmenden Nachricht. Wer die Umfragen gewonnen hatte, hatte das Duell gewonnen. Die Frage, wer recht hatte, wurde zweitrangig. Ganz ähnlich wie in den Gerichtskämpfen im Mittelalter oder bei Rangeleien um Schaufeln im Sandkasten. "Das ist es, was die Leute meinen, wenn sie sagen, diese Debatten seien kindisch", schreibt Lepore.

In Großbritannien hat das Brexit-Lager den Kampf gewonnen. Was fängt es nun damit an? Es schert sich nicht mehr um sein Geschwätz von gestern. Am Morgen nach der Wahl fragte eine Fernsehjournalistin nach den ominösen 350 Millionen Pfund. Die Brexit-Kampagne hatte versprochen, das Geld ins nationale Gesundheitssystem zu stecken. Nun aber wollte Nigel Farage nichts mehr davon wissen: "Das war einer der Fehler, die die Leave-Kampagne gemacht hat", sagte er. Ein Fehler, der ihm offenbar erst nach der Wahl aufgefallen war. Und sein Mitstreiter Iain Duncan Smith sagte zur 350-Millionen-Ankündigung: "Wir sind nie Verpflichtungen eingegangen. Wir haben nur eine Reihe von Versprechungen gemacht, die Möglichkeiten waren."

So werden Ankündigungen geschmeidig zurückgenommen und statt Fakten und Realitäten gibt es nur noch unverbindliche Statements. Alles stimmt, oder auch nicht.

Neben den erwähnten Texten von Jill Lepore und Will Davies auch interessant: Essays über den Einfluss von Big Data auf die Politik und die Bedeutung des Internets für den Aufstieg des Populismus, ebenfalls von Lepore. In der "Washington Post" schreibt Anne Applebaum über die Post-Fact-World, und bei "Spiegel Online"erklärt Sascha Lobo den Bullshit 9.0. Der Philosoph Michael Patrick Lynch schreibt seit Jahren über die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Wahrheit und Fakten, hier beispielsweise ein Artikel über "Democracy as a space of reason" (nach Anmeldung kostenlos verfügbar).