Rechtsextremisten haben in der AfD eine politische Heimat gefunden. Auch unter den Anhängern von Pegida sind rechtsextremistische Einstellungen stark ausgeprägt, hier sammeln sich Islamfeinde, Verschwörungstheoretiker und Menschen, die sich von den politisch Verantwortlichen nicht mehr verstanden fühlen. Was sich bisher nur in der öffentlichen Wahrnehmung zeigte, ist jetzt auch durch eine aufwändige Studie der Universität Leipzig belegt.

Die Forschungsarbeit Die enthemmte Mitte – autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland zeigt: Im Vergleich zu vor zwei Jahren hat das Entstehen der AfD die Wählerpräferenzen drastisch verändert. Denn die am heutigen Mittwoch präsentierten Daten wurde nach jener Zeit erhoben, in der die rechtspopulistische Partei erstarkt war, die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte und die islamfeindliche Bewegung Pegida in Dresden Zehntausende auf die Straßen zog. Waren 2014 noch SPD und CDU/CSU Sammelbecken von Rechtsextremen, ist es seitdem die AfD. Sie wird von 35 Prozent der Rechtsextremisten gewählt.

Vor zwei Jahren zog die SPD noch ein Viertel der rechtsextremistischen Wähler an, die Union 21 Prozent. Derzeit sind es nur noch 15 beziehungsweise 11 Prozent. Nach wie vor bleibt aber etwa ein Viertel der Rechtsextremisten den Wahlen völlig fern. 

Das geht konform mit der Erkenntnis, dass die Ablehnung von Muslimen bei AfD-Wählern am stärksten verankert ist. Der Aussage "Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" stimmen 86 Prozent der AfD-Wähler zu. Die zweitgrößte Gruppe, die das so sieht, sind die Nichtwähler, gefolgt von den Menschen ohne klare Wahlabsicht. Erst dann folgen die Anhänger der SPD mit 48 Prozent, dann die der Union und der FDP. Die Furcht vor der sogenannten Überfremdung der Bundesrepublik ist ähnlich verteilt: Sie wird vor allem von AfD- und Nichtwählern geteilt.

Im Schnitt der Gesamtbevölkerung ist die Ablehnung von Muslimen seit 2014 deutlich gestiegen. Waren 2014 noch 37 Prozent der Befragten "voll und ganz" beziehungsweise "eher" der Meinung, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden, sind es 2016 schon mehr als 41 Prozent. Der Anteil derer, die sich fremd im eigenen Land fühlen, stieg von 43 auf 50 Prozent. Die Forscher beobachteten zudem, dass die Deutschen Muslimen, Sinti und Roma und Asylsuchenden mit der Forderung entgegentreten, sich unterzuordnen.   

Auch die Gewaltbereitschaft hat zugenommen. Im Vergleich zu 2006 zeigen die Diagramme der Forscher jetzt eine kleine gesellschaftliche Gruppe, die nicht mehr nur bereit ist, Gewalt zu akzeptieren, sondern auch selbst anzuwenden. Diese Gruppe ordnen die Forscher dem "ethnozentrisch-autoritären Milieu" und dem "rebellsich-autoritären Milieu" zu. Mit der Gewaltbereitschaft wächst bei diesen Menschen das Misstrauen gegen die Verfassungsorgane, also die Politik und die Justiz. Auch in den Statistiken der Polizei zeigt sich das: 2015 nahm die Zahl der Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte und Ausländer drastisch zu. Nach Recherchen von ZEIT und ZEIT ONLINE wurden in 222 Fällen Unterkünfte angezündet, mit Brandsätzen beworfen, beschossen oder unter Wasser gesetzt. Die Vielzahl der ausländerfeindlichen Schmierereien und Beleidigungen ist hier gar nicht mitgezählt.

Interessant ist, dass zugleich eine Gegenbewegung stattfindet. Zeitgleich wuchs der Teil der Bevölkerung, der Gewalt ablehnt und den Verfassungsorganen stärker als bisher vertraut. Das trifft auf weniger autoritär denkende Milieus zu, die der Demokratie bereits nahe stehen. Die Forscher führen die Gegenbewegung auf die abstoßende Wirkung der Gewalt zurück und auf die sichtbare Bereitschaft, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Das lasse das Vertrauen in demokratische Institutionen weiter wachsen.

Die Arbeit der Forscher zeigt aber auch, dass rechtsextremistische Einstellungen insgesamt nicht zugenommen haben, sie verteilen sich nur anders unter den Parteien. Aus den Daten geht jedoch erneut hervor, dass im Osten der Anteil junger Erwachsener mit einer rechtsextremistischen Einstellung besonders hoch ist. 

Die Universität Leipzig erforscht im Auftrag mehrere Parteistiftungen seit 2002, wie stark rechtsextremistische Einstellungen und Verhaltensweisen in der Bevölkerung verankert sind. Die beauftragten Demoskopen des Meinungsforschungsinstitutes Usuma führten die Interviews persönlich mit den Befragten anhand standardisierter Fragebögen. Die sogenannten Mitte-Studien zeigen immer wieder, dass Rechtsextremismus kein Phänomen unter kleinen Randgruppen ist, sondern in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Das Team um die Sozialforscher Elmar Brähler, Johannes Kiess und  Oliver Decker veröffentlichte bisher alle zwei Jahre die Ergebnisse seiner Langzeitstudie. In Westdeutschland befragten sie fast 2.000 repräsentativ ausgewählte Menschen, im Osten etwa 500.

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