Mark David Chapman, Timothy McVeigh, Ted Kaczynski, Anders Behring Breivik, Omar Mateen. Fünf Namen. Fünf Terroristen. Fünf einsame Wölfe. Alle kamen sie wie aus dem Nichts und ermordeten viele Menschen. Niemand hatte sie kommen sehen. Ihre Taten werfen viele Fragen auf, Antworten finden sich wenige. So jedenfalls nimmt die Gesellschaft terroristische Einzeltäter wahr. Schon in der Bezeichnung lone wolfs schwingt die Angst mit, die sich mit ihren Attentaten verbindet: unvorhersehbare brutale Angriffe, nicht zu verhindern, denen jeder plötzlich und unerwartet zum Opfer fallen kann. Dreimal geschah das nun innerhalb einer Woche, in Orlando, bei der mörderischen Attacke eines Islamisten auf einen Polizisten und seine Frau nahe Paris und zuletzt mit dem Mord an der britischen Parlamentsabgeordneten Jo Cox in in der Ortschaft Birstall in der Nähe von Leeds.

Es ist der Alptraum für alle Sicherheitsbehörden. Doch wer genau hinsieht, findet auch bei Einzeltätern Muster, an denen man sie erkennen kann.

Oberflächlich betrachtet gibt es kein eindeutiges Profil des einsamen Wolfes. Manche, wie Omar Mateen in Orlando, suchen sich religiöse Rechtfertigungen für ihre Morde. Andere nutzen ideologische Begründungen und beziehen sich auf terroristische Gruppen von links bis rechts. Manche, wie Anders Breivik, schreiben ihre Überzeugungen in langen, komplexen Pamphleten nieder. Andere hinterlassen kein Wort oder nur wenige Hinweise auf ihre Denkgebäude. Manche sind psychisch krank und auffällig, andere leben bis zu ihrer Tat unauffällig. Manche schlagen in Schulen zu, in Einkaufszentren oder an ihrer Arbeitsstätte, andere suchen sich Prominente, Regierungsgebäude oder einen Club für LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) als Ziel.

Trotzdem gibt es Merkmale, die sich bei allen Tätern finden, die den Mord von vielen Menschen allein planen und ausführen. Und es gibt Merkmale, die Einzeltäter von jenen Terroristen unterscheiden, die Teil einer Gruppe oder Organisation sind.

Einzelgänger, aber nicht isoliert

Das offensichtlichste gemeinsame Moment ist, dass diese Täter allein handeln. Sie sind mehr oder weniger ausgeprägte Einzelgänger, während ihrer Taten genauso wie im restlichen Leben. Ein extremes Beispiel ist Ted Kaczynski, der sogenannte Unabomber. Er begann 1978 damit, in den USA Briefbomben zu verschicken. Obwohl er über Jahre bei 16 Attentaten und Attentatsversuchen viele Spuren hinterließ und das FBI viel Mühe aufwandt, konnte die Bundespolizei ihn nicht finden. Kaczynski lebte allein in einer selbstgebauten, abgelegenen Hütte ohne Strom und fließendes Wasser im Bundesstaat Montana. Erst als er sich 1995 mit einem "Unabomber Manifest" an Medien wandte, identifizierte ihn sein Bruder als den möglichen Attentäter und er wurde festgenommen.

Doch so isoliert sind längst nicht alle, schon gar nicht räumlich. Eine Untersuchung des International Centre For The Study Of Radicalisation (ICSR) von 2011 unterscheidet daher echte loner, also Einzelgänger, die wirklich allein handeln, von lone wolfs, die losen Kontakt zu radikalen Gruppen haben.

Gerade unter Islamisten scheint die soziale Isolierung nicht sehr ausgeprägt zu sein. Sie haben Freunde, Partner, Bekannte, Kollegen. Auch sind nicht alle verschwiegen, was ihre Ideen angeht. Im Nachhinein erinnern sich Menschen aus ihrem Umfeld oft an Äußerungen und Begebenheiten, die sie vorher nicht ernst nahmen, die nach der Tat jedoch in neuem Licht erscheinen. Mateen, so erzählen es frühere Klassenkameraden, äußerte beispielsweise mehrfach seine Sympathie für die Attentäter des 11. Septembers.

Die meisten der Täter, die in den vergangenen Jahren in den USA um sich schossen, waren den Behörden zuvor schon mit radikalen Äußerungen, kriminellen Handlungen oder psychischen Problemen aufgefallen, wie Recherchen der New York Times und der Washington Post zeigen. Ähnlich ist es in Europa. Die meisten Attentäter der vergangenen Jahre waren den Behörden oft mehrfach durchs Bild gelaufen.

Dass sie alleine handelten, zeugt also eher von bestimmten Strukturen ihrer Persönlichkeit, als dass sich daraus auf eine tatsächliche Isolation schließen ließe. Was auch heißt, dass es typische Verhaltensweisen und Spuren gibt, die Familie, Freunde oder Ermittler erkennen können.

Ein weiteres universelles Merkmal: Nur selten sind allein handelnde Attentäter Frauen. Sara Jane Moore, die 1975 in San Francisco auf den amerikanischen Präsidenten Gerald Ford schoss, ist eine von wenigen Ausnahmen. Die meisten Einzeltäter sind Männer.

Die Ideologie, der sie folgen, ist hingegen fast beliebig. Auch wenn nahezu alle Täter sich auf irgendeine Idee oder Religion beziehen, sind diese nicht der Auslöser ihrer Radikalisierung, wie Chris Jasparro 2010 in seiner Untersuchung für Jane's Intelligence Review schrieb. Radikal werden Einzeltäter lange bevor sie sich einen theoretischen Überbau suchen. Welche Ideologie sie wählen, hängt von ihrer Herkunft und ihrer Sozialisation ab. Dass sich Omar Mateen mit seinen afghanischen Wurzeln auf weiße Rassisten oder auf radikale Christen beziehen würde, war eher unwahrscheinlich. Der Islamismus als Rechtfertigung lag bei ihm dagegen nahe.