Es war der 24. Februar 2011, als Ahmed al-Basheers zweites Leben begann. Al-Basheer, zu der Zeit Reporter für das irakische Fernsehen und Radio, stand an diesem Donnerstag im Kulturzentrum seiner Heimatstadt Ramadi, rund 100 Kilometer westlich von Bagdad. Er wollte über die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten Mohammed berichten, als plötzlich ein Mann auf ihn zu gerannt kam. "Allahu Akbar" rief der noch, bevor er den Sprengstoffgürtel zündete. Zwölf Menschen wurden bei dem Selbstmordanschlag getötet. Ahmed al-Basheer kannte sieben von ihnen, es waren seine Kollegen, Nachbarn und Freunde.

Als al-Basheer zwischen den Toten und mehr als 24 Verletzten stand, sein Hemd blutbefleckt, fragte er sich: Wer würde sich an mich erinnern, wenn ich jetzt tot wäre? Was habe ich für mein Land und meine Mitmenschen getan? Heute sagt er: "Ich wusste plötzlich, dass ich etwas im Denken und Verhalten der Menschen verändern wollte." Kurz darauf startete er seine Albasheer Show. Sie ist heute eine der erfolgreichsten Comedy-Shows in der arabischen Welt. Und die radikalste.

Al-Basheer, den viele nur den "irakischen Jon Stewart nennen", macht sich über alles lustig, was die irakische Gesellschaft zerstört: Korruption, Sektierertum, Terror, Fundamentalismus. Er macht Scherze über profitgierige Beamte, selbst ernannte Dschihad-Kämpfer, religiöse Fanatiker und Milizen.

Ahmed al-Basheer vor dem Kongresszentrum in Bonn © Andrea Backhaus

Ahmed al-Basheer, 32 Jahre, groß, breite Schultern, steht im Garten des Kongresszentrums in Bonn, zündet sich eine Zigarette an, atmet kurz durch. Gerade ist er zu Gast bei der Deutschen Welle, mit der er neuerdings kooperiert. Seit Mitte April strahlen die Deutsche Welle und ihr jordanischer Partnersender Al Sumaria jeden Freitagabend die Albasheer Show aus. Für die Gruppe der 25 Künstler, alle irakische Flüchtlinge, die mit Al-Basheer an der Show arbeiten, ist das eine gewichtige mentale Unterstützung: Davor lief die Albasheer Show nur im Internet. Denn kein Fernsehsender hatte sich getraut, die Sendung, die die Mächtigen der Region herausfordert, auszustrahlen.

Im Sommer 2014 begann die erste Staffel, seitdem wird die aus eigenen Mitteln finanzierte Show jede Woche in einer Wohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman aufgezeichnet. Amman, diese vier Millionen Einwohner zählende Finanzmetropole, erscheint inmitten der regionalen Konflikte wie ein beschauliches Eiland: Im Nachbarland Syrien herrscht seit mehr als fünf Jahren ein komplizierter Krieg mit unzähligen Fronten, in dem mehr als 250.000 Menschen gestorben sind. Und der Irak zerfällt zunehmend, es gibt Dutzende verfeindete Lager und ethnische Spaltungen, er wird unregierbar, von Terror und Korruption durchzogen.

Der Irak ist ein großes Gefängnis

Al-Basheer ist 2012 in die jordanische Hauptstadt gezogen. "Ich wollte aus diesem großen Gefängnis fliehen, das der Irak in diesen Jahren ist", sagt er. Jeder, der sich kritisch zu den politischen Entwicklungen äußere, werde bedroht, verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Al-Basheers Vater wurde von Al-Kaida, sein Bruder von schiitischen Milizen ermordet. "Ich wollte das nicht auf mich nehmen", sagt er. "Ich wollte am Leben bleiben, so lange es geht."

Gerade Journalisten sind im Irak in ständiger Gefahr, entführt, ermordet oder durch eine Explosion getötet zu werden. Al-Basheer kennt diese Normalität des Krieges, dieses fragile Dasein zwischen den Fronten, gefangen in den Kämpfen Dutzender bewaffneter Gruppen, zwischen Sunniten und Schiiten, den Milizen und Islamisten. Vor allem seit dem Einmarsch der US-Amerikaner 2003 beherrschen Krieg, Explosionen, Straßenkämpfe und Entführungen den Alltag der meisten Iraker. Al-Basheer war selbst 40 Tage in Geiselhaft, einmal wurde er während eines Reportereinsatzes angeschossen. Deshalb ist er nach Amman geflohen. Dort kann er die zerrüttete Wirklichkeit zur kritischen Parodie umdeuten.

Vorlagen gibt es viele. Einmal blendet Al-Basheer die Fernsehbilder vom Auftritt des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi vor der UN-Generalversammlung in New York ein. Al-Abadi beschwert sich darüber, dass sich die Terroristen des IS "nicht an das Gesetz halten". Al-Basheer kommentiert süffisant: "Ehrlich? Die Terroristen haben keinen Respekt vor dem Gesetz? Der Chef der Terrorgruppe, Al-Bagdadi, respektiert nicht das Gesetz? Er legt keinen Gurt beim Autofahren an?" Kurze Pause: "Er legt eben lieber einen Gurt mit Sprengstoff an." Im Hintergrund sieht man eine Fotomontage: Al-Bagdadi auf dem Fahrersitz eines Autos. Das Publikum grölt.

Oder die allmächtigen Anführer der schiitischen Milizen, von denen Al-Basheer sagt, dass sie nicht weniger gefährlich seien als der IS. "Sie stehen als Irreguläre außerhalb des Gesetzes. Das heißt: Wenn sie jemanden umbringen, werden sie nicht zur Verantwortung gezogen." Wie der IS verböten sie viele Dinge im Alltag. Erst kürzlich hätten sie Alkohol-Läden als illegal erklärt. Auch würfen sie jeden, der während des Ramadan nicht faste, ins Gefängnis. "Ich versuche mich in die Lage der Anführer zu versetzen und ihre Figuren zu überzeichnen. Daraus machen wir Comedy", sagt Al-Basheer. So zeigt ein Sketch, wie Al-Basheer entführt und mit Stromschlägen gefoltert wird, nur weil der Milizenführer von ihm wissen will, wo er sich seine Hosen kauft. Als Al-Basheer ihm das sagt, tritt der ihm nochmals kräftig ins Gesicht, das Bild wird schwarz.