Ali S. hat seine Tat geplant – und er hatte Vorbilder. Der Amokläufer von München hatte ein Manifest verfasst und die Tatorte des Amoklaufs von Winnenden besucht, gaben die Münchner Ermittler am Nachmittag auf einer Pressekonferenz bekannt.

Der 18-jährige Schüler hatte am Freitagabend beim Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen und dann sich selbst erschossen. Fünf Tote wurden in einem Schnellrestaurant gefunden, zwei weitere davor und ein Toter im Einkaufszentrum. Vor einem Elektrogeschäft wurde ein weiterer Toter gefunden.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei handelte es sich um den Amoklauf eines Einzeltäters. Er soll unter Depressionen gelitten haben. Am Abend teilte die Polizei mit, dass ein Freund des Täters als mutmaßlicher Mitwisser festgenommen wurde. Gegen den 16-Jährigen werde wegen Nichtanzeigens einer Straftat ermittelt, teilte die Polizei mit. Der Jugendliche habe sich nach der Tat vom Freitagabend bei der Polizei gemeldet. Bei einer erneuten Vernehmung habe er sich in Widersprüche verwickelt. Die Münchner Polizei prüfe auch, inwieweit der Festgenommene für einen Facebook-Aufruf zu einem Treffen in einem Kino in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs verantwortlich sei.

Den Ermittlern zufolge hatte der Vater des Täters seinen Sohn schon kurz nach der Tat auf einem Video erkannt, das im Internet kursierte. Der Vater sei dann in eine Polizeiinspektion gegangen und habe dort den Verdacht geäußert, dass der Amokläufer sein Sohn sei, sagte LKA-Präsident Robert Heimberger vor Journalisten. Die Eltern des Täters seien noch nicht vernehmungsfähig, sagten die Ermittler.

Reaktivierte Theaterwaffe

Seine Waffe hatte der Amokläufer nach Erkenntnissen der Ermittler im Darknet beschafft. Der Begriff Darknet bezeichnet dabei ein in sich geschlossenes Netzwerk, über das Informationen verschlüsselt weitergereicht werden.

Die Tatwaffe ist nach Angaben der Ermittler eine Glock 17 mit Prüfzeichen aus der Slowakei. Es soll sich um eine reaktivierte Theaterwaffe handeln, die keine Seriennummer mehr hatte. Ali S. hatte insgesamt 300 Schuss Munition in seinem Rucksack. Am Tatort fand die Polizei 58 Patronenhülsen, von denen bis auf eine alle aus der Tatwaffe stammen sollen.

Ob der 18-Jährige über besondere Fähigkeiten an der Waffe verfügt habe, sei unklar, sagte Heimberger. Vermutlich habe der Todesschütze bei seinem Aufenthalt auf dem Parkdeck nachgeladen. Dafür sprächen dort entdeckte Patronen.

Erst am "Ende seiner Amoktat" sei der Täter auf das Dach des Parkhauses gegangen, auf dem es zu einem Wortwechsel mit einem Anwohner gekommen sei. Danach habe es wohl keine Opfer mehr gegeben, sagte Heimberger.

Fotos in Winnenden

Den Ermittlern zufolge soll sich Ali S. bei seiner Tat stärker an dem Amokläufer von Winnenden orientiert haben, als bisher angenommen. In der baden-württembergischen Stadt Winnenden tötete ein 17-Jähriger im Jahr 2009 15 Menschen, bevor er in einem Schusswechsel mit der Polizei selbst starb. Der Münchener Amokschütze sei selbst nach Winnenden gefahren, um sich am Ort des Schauplatzes des Amoklaufs umzusehen, wie die Ermittler sagten. Er soll dort auch Fotos gemacht haben.

Seit dem letzten Sommer soll Ali S. seine Tat geplant und ein eigenes Manifest verfasst haben. Berichte, wonach auf dem Rechner des 18-Jährigen auch das Manifest des norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik entdeckt worden sein soll, bestätigten die Ermittler nicht. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hatte zuvor den Fund eines Textes des Norwegers auf dem Computer von Ali S. behauptet. Breivik tötete bei einem Bombenanschlag in Oslo und einem Massaker auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen.

Angststörung nach Mobbing

Es habe sich zudem bestätigt, dass der 18-Jährige bis vor wenigen Wochen wegen einer psychiatrischen Erkrankung behandelt wurde, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. In der Wohnung habe man ärztliche Behandlungsunterlagen gefunden, die auf eine Angststörung und Depressionen hindeuteten. Er habe sich sowohl in stationärer als auch ambulanter Behandlung befunden. Zudem habe man Medikamente gefunden.

Der Amokläufer sei im Jahr 2012 von Mitschülern gemobbt worden, sagte Steinkraus-Koch. 2015 sei er zwei Monate in einer stationären Einrichtung gewesen. Steinkraus-Koch sprach von "sozialen Phobien" und Angstzuständen, "wenn er mit anderen Personen in Kontakt kommt".

Opfer waren vermutlich zufällig

Nach Angaben der Ermittler hat Ali S. seine Opfer nicht gezielt ausgesucht. Dass mehrere Jugendliche mit Migrationshintergrund zu den Todesopfern gehören, bewertet die Polizei als Zufall. Die McDonald's-Filiale am Einkaufszentrum werde oft von Migrantenkindern besucht, sagte LKA-Präsident Heimberger.

Mit einem Fake-Account bei Facebook habe der Täter angekündigt, dass er bei McDonald's eine Runde spendieren werde. "Das war wohl der Versuch, Personen dorthin einzuladen", sagte Heimberger. Nach bisherigen Ermittlungen gehörten die Menschen, zu denen der Täter auf Facebook Kontakt hatte, nicht zu denen, die er später tötete.

Außer den zehn Toten hat die Polizei nun 35 Verletzte des Amoklaufs registriert, darunter 11 Schwerverletzte. Am Samstag hatte die Polizei noch von 10 Schwer- und 17 Leichtverletzten gesprochen. Hierbei sind auch Fälle berücksichtigt, die sich nicht am Anschlagsort, dem Olympia-Einkaufszentrum, sondern aufgrund von Panik in anderen Teilen der Stadt zugetragen hatten.