Einen Antrag auf Kirchenaustritt zu stellen, ist in Deutschland ein eher banaler Verwaltungsakt für all jene, die den Glauben verloren haben, sich enttäuscht von ihren Gemeinden abwenden oder einfach die Kirchensteuer sparen wollen. Für Ahmad Othman Adi war der Antrag eine Offenbarung. Seine deutschen Freunde erzählten ihm vor drei Jahren von dieser Möglichkeit. Damals ging er noch in Recklinghausen zur Schule. 2012 war er vor dem Krieg in seiner syrischen Heimat geflohen. "Ich fragte sie: Ihr könnt einfach so die Kirche verlassen und das war's?", sagt der heute 22-jährige Adi.

Ein Austritt aus dem Islam ist nicht vorgesehen

Der Islam hat gar keine Kirche, ein Austritt ist nicht vorgesehen. In der syrischen Stadt Hama wuchs Adi als sunnitischer Muslim auf. Doch als Jugendlicher begann er zu rebellieren. Er produzierte mit Freunden Hip-Hop-Beats und begann mit 14 Jahren am Islam zu zweifeln – und Fragen zu stellen. An seine Eltern, an seine Religionslehrer in der Schule. "Ich mochte es nicht, wie der Islam Sexismus verbreitet und Hass gegen Homosexuelle", sagt Adi, der seit vergangenem Jahr in Berlin lebt. "Auch diese ganzen Wundergeschichten aus dem Koran hatten irgendwann keinen Sinn mehr für mich. Etwa, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen. Oder dass der Prophet Mohammed mit seinem Pferd in nur einer Nacht von Arabien nach Palästina geritten sein soll. Wie kann man das ernsthaft glauben?"

Adi bezeichnet sich mittlerweile als Agnostiker. Wenn er sich mit anderen Flüchtlingen aus Syrien trifft, meidet er allerdings das Thema Religion. Bislang habe es immer zu unangenehmen Diskussionen geführt, sagt er. Denn Apostasie, der Abfall vom Glauben, gilt in der Rechtsdogmatik des Islam als Todsünde. Die Hinrichtung von Apostaten vollstrecken zwar nur wenige Länder wie Saudi-Arabien oder der Iran in Ausnahmefällen. In Ägypten, Jordanien oder in den palästinensischen Autonomiegebieten drohen ihnen aber Gefängnisstrafen oder der Verlust von Ehrenrechten wie etwa Erbansprüchen. Doch auch ohne drakonische Strafen müssen Nichtgläubige in muslimischen Communitys weltweit damit rechnen, abgelehnt oder sogar bedroht zu werden.

Es ist nicht bekannt, wie viele der fast eine Million Migranten, die 2015 vor allem aus islamisch geprägten Herkunftsländern nach Deutschland flüchteten und auf Asyl hoffen, Atheisten oder Agnostiker sind. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) teilte auf Anfrage mit, dass bekennende Glaubenslose unter den Antragsstellern statistisch nicht erfasst werden. Auch über diejenigen, die wegen Apostasie in ihrer Heimat verfolgt werden und deshalb Zuflucht in Deutschland suchen, gibt es keine Zahlen.