Würzburg - Extremistenmiliz IS beansprucht Zugangriff für sich Die IS-nahe Nachrichtenagentur Amaq hat den Angriff auf Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg dem IS zugeschrieben. Ermittler haben in der Wohnung des Würzburger Angreifers Hinweise auf seine Radikalisierung gefunden.

Was wir sicher wissen

  • Die Regionalbahn RB 58130 war am Montagabend auf dem Weg von Treuchtlingen nach Würzburg, als ab 21.13 Uhr mehrere Notrufe bei der Polizei eingingen. Ein Jugendlicher hatte Fahrgäste angriffen. Er war laut Polizei mit einer Axt und einem Messer bewaffnet. Der Zug wurde im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld durch das Ziehen der Notbremse gestoppt.
  • Der Angreifer verletzte vier Menschen schwer, eine weitere Person wurde leicht verletzt, wie die Staatsanwaltschaft Unterfranken mitteilte. 14 Menschen erlitten einen Schock. Vier der Verletzten waren Zugreisende aus Hongkong. Eine Spaziergängerin wurde laut Staatsanwaltschaft von dem Jugendlichen noch nach dessen Flucht aus dem Zug mit der Axt angegriffen.
  • Der Täter konnte zunächst zu Fuß fliehen. Nach Angaben der Polizei nahm ein Sondereinsatzkommando die Verfolgung des Jugendlichen auf und erschoss ihn.
  • Im Zimmer des Flüchtlings wurde laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann eine "handgemalte IS-Flagge" gefunden und ein Text, der auf Paschtu verfasst sei.
  • Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bamberg ist auf einem aufgezeichneten Notruf aus dem Regionalexpress ein "Allahu Akbar"-Ruf des Täters deutlich hörbar.
  • Die dem IS nahestehende Plattform Amaq veröffentlichte ein Video, in dem der Täter zu sehen sein soll und in dem er Gewalttaten ankündigt. Wie das bayerische Innenministerium bestätigte, handelt es sich wirklich um den Täter.

Was wir nicht sicher wissen

  • Zunächst war angenommen worden, bei dem Täter handle es sich um einen 17-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. Das hatte Herrmann am Tag nach der Tat mitgeteilt und sich dabei offenbar auf Angaben bezogen, die der Täter selbst bei seiner Einreise gemacht hatte. Demnach war er im Juni 2015 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland eingereist und wurde in Passau registriert. Inzwischen gibt es Zweifel an dieser Darstellung: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte dem ZDF, es sprächen gute Gründe dafür, dass er sich unter einer anderen Identität gemeldet habe.
  • Im Zimmer des Flüchtlings wurde nach ZDF-Informationen ein pakistanisches Dokument gefunden, zudem hätten Sprachexperten festgestellt, dass der junge Mann in seinem Bekennervideo die Sprache Pashtu mit pakistanischer Aussprache spreche. Nach pakistanischen Regierungsangaben haben Pakistaner deutlich schlechtere Chancen auf Asyl, weil in ihrem Heimatland kein Krieg herrscht. Da in den Nachbarländern teilweise die gleiche Sprache gesprochen wird, sei es relativ leicht für Pakistaner, sich als Afghanen auszugeben, um ihre Chancen auf Asyl zu erhöhen.
  • Seit März 2016 lebte der Täter im Landkreis Würzburg – zunächst in einem Heim in Ochsenfurt, seit zwei Wochen bei einer Pflegefamilie. Der Jugendliche machte nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums ein Praktikum mit der Aussicht auf eine Lehrstelle.
  • Bislang gibt es keine endgültig gesicherten Erkenntnisse über die Motive des Jugendlichen. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass die Tat politisch motiviert ist und von einem Einzeltäter verübt wurde. Inzwischen hat auch die Bundesanwaltschaft Ermittlungen übernommen. Es bestehe der Verdacht, "dass der Attentäter die Tat als Mitglied des sogenannten Islamischen Staats zielgerichtet begangen hat", teilte die Behörde mit.
  • Die Terrormiliz "Islamischer Staat" beansprucht die Tat laut der ihm nahestehenden Plattform Amaq für sich. Ein Bekennerschreiben gibt es aber nicht.
  • Unklar ist auch, wie das Video, in dem der Jugendliche ankündigt, Gewalttaten zu begehen, zu der IS-nahen Plattform Amaq gelangte.
  • Nach Angaben der Ermittler soll der Jugendliche am Wochenende vom Tod eines Freundes in Afghanistan erfahren haben. Die Nachricht habe ihn sehr bewegt. Sie könnte der Auslöser gewesen sein.
  • Laut Bayerns Innenminister Herrmann deutet einiges darauf hin, dass es sich bei dem 17-Jährigen "um jemanden handeln könnte, der sich in letzter Zeit selbst radikalisiert hat". Die Ermittler fanden einen Brief, der nach erster Durchsicht als "Abschiedstext an den Vater" interpretiert werden könne. Nach Angaben des Landeskriminalamts München kündigte der Angreifer in diesem Brief eine Racheaktion an den "Ungläubigen" an: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann und dass ich in den Himmel komme."
  • Landesinnenminister Herrmann teilte mit, im Umfeld des Teenagers habe es keine Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung gegeben. Der Jugendliche sei als gläubiger Muslim wahrgenommen worden, aber keinesfalls radikal oder fanatisch erschienen, berichtete Herrmann von ersten Zeugenaussagen. Er sei als "eher ruhiger, ausgeglichener Mensch" beschrieben worden.
  • Der Angreifer war den Sicherheitsbehörden auch nicht wegen extremistischer Aktivitäten bekannt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz habe keine Hinweise ihn gehabt, sagte eine Behördensprecherin der Nachrichtenagentur AFP.
  • Die Staatsanwaltschaft Würzburg untersucht außerdem routinemäßig die Schüsse der Polizei auf den Täter. Sie wertete den Schusswaffeneinsatz in einer ersten Einschätzung am Dienstag als gerechtfertigte Notwehr. Auch Bayerns Innenminister Herrmann verteidigte den tödlichen Polizeieinsatz: "Es gibt aus meiner Sicht an der Richtigkeit des Einsatzes nicht den geringsten Zweifel".
  • Am Mittwoch nannte der leitende Oberstaatsanwalt Bardo Backert das Verhalten der zwei Beamten "aller Wahrscheinlichkeit nach gerechtfertigt". Die Polizisten hätten keine Möglichkeit zum Ausweichen gehabt, laut Bundesanwaltschaft hatte der flüchtende Täter sie aus nächster Nähe mit der Axt angegriffen. Backert sprach von einem "dynamischen Geschehen". Seine Behörde werde das Geschehen jedoch im Detail überprüfen.