Der Täter von Nizza war, soweit man es bisher weiß, ein prügelnder Ehemann und ein Kleinkrimineller. Seine Frau hatte ihn verlassen, er schlug sich durch als Lieferwagenfahrer. Ein Einwanderer, der sich große Hoffnungen gemacht hatte, in Frankreich etwas zu werden, und enttäuscht wurde. Öffentlich aufgefallen ist er durch Sachbeschädigung, Drogen, Diebstahl und Gewalt, nicht jedoch durch übermäßige Religiosität oder Verachtung für die säkulare Gesellschaft. Sein Vater behauptet, er habe unter Depressionen gelitten.

Der Mörder von Orlando sei aufbrausend und unberechenbar gewesen, sagt seine Frau, eher traurig und in sich gekehrt, sagen andere. Tötete er Schwule, weil er mit seiner eigenen Homosexualität nicht klarkam, oder weil der IS dazu aufrief? Und nun der junge Afghane, der mit Axt und Messer auf Zuggäste losgegangen ist und bei dem die Polizei eine selbst gemalte IS-Flagge fand: Obwohl alle diese Attentäter aus muslimischen Milieus stammen und sich tatsächlich auch radikalisiert haben, klingt das, was man von ihnen weiß, vor allem nach wütenden oder traurigen Menschen mit psychischen und sozialen Problemen. Nicht nach Terroristen, die für ihren Glauben töten und sterben. Soweit bekannt ist, hatten die Täter keinen direkten Kontakt zum IS und waren nicht in Ausbildungscamps.

Bedient sich der IS also an den Morden der Verzweifelten, um sie für ihre Propaganda zu nutzen und umgekehrt: Nutzen Amokläufer den Islamismus, um weltweit die größtmögliche Aufmerksamkeit für ihre letzte Rache zu erregen? Und welche Konsequenzen kann eine solche Erkenntnis für Prävention und Sicherheit haben?

Die Übergänge vom Amokläufer hin zum Terroristen sind fließend. Jens Hoffmann vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement sagt: "Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, was zuerst kam: der Gedanke, ich will ein Terrorist sein oder ich will meinen Frust loswerden."

Der IS dürfte jedenfalls als Zufluchtsort für unstabile Persönlichkeiten besonders attraktiv sein, die ihr als verkorkst empfundenes Leben für eine große Sache umdrehen und in ein heldenhaftes Ende münden lassen wollen. Ein Amoklauf ohne ideologischen Hintergrund würde längst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erregen wie ein islamistischer Terroranschlag.

"Lone actors" stecken oft in einer psychischen Krise

Hoffmann sagt, das gelte besonders für die lone actors (die man besser nicht mehr romantisierend als einsame Wölfe bezeichnet), also die Terroristen, die wie in Nizza, Orlando oder Bayern nicht größeren, gut organisierten Gruppen angehören. Er führte mit Kollegen mehrere Studien zu deutschen Einzeltätern durch. Er sagt, sie steckten oft in psychischen Krisen oder seien sogar psychisch krank. Ihr Lebensstil sei eher aggressiv als religiös. In der Radikalisierung sehen sie eine Möglichkeit, ihrem Leben einen Sinn zu geben, Öffentlichkeit zu erzeugen, endlich jemand zu sein – und je nach kulturellem Angebot oder auch durch Zufall wenden sie sich den Islamisten oder auch den Rechts- oder Linksradikalen zu. Manche waren vorher schon auf der Suche nach einem Rahmen – etwa als Punks.

Sie ähneln in ihrer psychischen Verfasstheit den sogenannten school shooters, die sich anders als erwachsene Amokläufer ebenfalls gerne öffentlich inszenieren. Die Schulattentäter verbindet in ihren Lebensläufen oft wenig. Sie waren nicht alle im Unterricht gescheitert, von den Eltern ungeliebt, computerspielsüchtig und sozial abgehängt, wie oft vermutet wurde. Sie haben aber fast alle psychische Probleme unterschiedlichster Natur, wie der Psychologe Peter Langman festgestellt hat. Er hat in Amok im Kopf die Biografien einiger Schul-Amokläufer genauer analysiert. Hoffmann sagt, manche Störungen ließen sich von Extremisten besonders gut instrumentalisieren, paranoide Wahnvorstellungen etwa. Langman hatte darüber hinaus festgestellt, dass die school shooter sich alle selbst als Außenseiter sahen und wenig empathisch waren, was sich manchmal gegenseitig bedingt. Mangelnde Empathie trainieren sich die Täter aber laut Hoffmann oft auch im Zuge der Radikalisierung erst an, indem sie Feinde entmenschlichen und mit Ekel belegen.

Was school shooters und lone actors oft noch verbindet, ist ihre Unfähigkeit, Niederlagen und Enttäuschungen gelassen hinzunehmen oder Fehler bei sich selbst zu suchen, wie Langman es bei den Schulattentätern festgestellt hatte. Stattdessen neigen sie dazu, anhaltend beleidigt und wütend zu sein. Am Ende versuchen sie, sich als grandiose Rächer zu inszenieren und möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Das Mittel der school shooters ist der Homizid-Suizid (früher erweiterter Suizid genannt). Sie gehen an den Ort, an dem sie beleidigt wurden, töten und sterben selbst.

Hier wiederum unterscheiden sich die lone actors von den reinen Amokläufern: Ihre Rache ist nicht mehr persönlich, sie richtet sich gegen alle "Ungläubigen" oder alle "Linken". Sie töten ideologisch aufgeheizt völlig unbekannte Menschen. An dieser Stelle werden sie dann doch zu Terroristen.