ZEIT ONLINE: Herr Heisbourg, in Frankreich gilt seit Monaten der Ausnahmezustand, die Attacke von Nizza konnte trotzdem nicht verhindert werden. Was bedeutet das?

François Heisbourg: Es zeigt sich, dass ein dauerhafter Ausnahmezustand, wie Frankreich ihn seit November erlebt, nicht effektiv gegen diese Art von Angriffen ist. Ein Ausnahmezustand ist für Ausnahmen gedacht, nicht auf Dauer. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Bericht, den ein Untersuchungsausschuss des Parlaments vergangene Woche vorgelegt hat. Aber offensichtlich führt das nicht zu entsprechenden politischen Entscheidungen.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nach einem Angriff wie in Nizza nicht gerechtfertigt, den Ausnahmezustand zu verlängern?

Heisbourg: Es herrschte ja schon Ausnahmezustand, als der Angriff passierte, und das hat ihn nicht verhindert. Deshalb habe ich keine Hoffnung, dass das bei künftigen Angriffen anders sein könnte.

ZEIT ONLINE: Warum schützt der Ausnahmezustand nicht?

Heisbourg: Man kann nicht die gesamte Polizei und das gesamte Militär rund um die Uhr mobilisieren, die Gesetze einschränken und dann erwarten, dass man business as usual machen kann. Das Militär ist ausgebrannt, und hat außerdem eine schwer verständliche Mission: Es soll die Polizei unterstützen, aber sein Spezialwissen und seine Feuerkraft werden nicht eingesetzt. Und die Polizei ist in einem Zustand großer Erschöpfung.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn sinnvoll?

Heisbourg: Man müsste das Militär im Inland durch neu angeworbene Polizeikräfte ersetzen, es ist ja eigentlich ihr Job. Und man müsste den Rechtsstaat wieder in seinen Normalzustand versetzen.

ZEIT ONLINE: Würde man so Attacken wie die in Nizza verhindern?

Heisbourg: Natürlich nicht! Die bloße Abschaffung des Ausnahmezustands verhindert Attacken wie diese ebenso wenig wie der Ausnahmezustand selbst.

ZEIT ONLINE: Was dann?

Heisbourg: Verhindern kann man solche Angriffe nur mit sehr guter Geheimdienstarbeit und einer Portion Glück. Und es ist sehr viel besser, wenn das unter rechtsstaatlichen Bedingungen geschieht.

Karte - So lief der Anschlag in Nizza ab