Ich gentrifiziere, was das Zeug hält. Ich bin der Albtraum jedes Linksautonomen: Guter Job und in einem Alter, in dem man am meisten konsumiert, Vermögen aufbaut und auch seine Wohnverhältnisse verbessert. Noch nicht alt genug für ein Reihenhaus im Vorort, also lebe ich mitten in der Stadt in einem Viertel, das man gemeinhin als "hip" bezeichnen würde. Seit dieser Tage in Berlin wieder mehr Autos brennen und Polizisten und Linksautonome sich gegenseitig verletzen, weil in der Rigaer Straße ein linkes Wohnprojekt zum Teil geräumt wurde, ist mir das wieder klar geworden. Als Jugendliche hätte ich wahrscheinlich zu der Gruppe gehört, für die diese Leute vorgeben, auf die Straße zu gehen, die Opfer von Gentrifizierung: Arme, Arbeiter, Alte, Ausländer.

Jetzt klebt da seit einigen Tagen, ob ein Zusammenhang mit den Berliner Ereignissen vorliegt oder es sich um einen Zufall handelt, ein kleiner Sticker an unserer Eingangstür. Darauf ist das Bild eines Vermummten zu sehen, der, so kann man es an seiner Körperhaltung erkennen, wohl gerade einen Stein geworfen hat. Daneben der Satz: "Das Viertel bleibt dreckig", und wenn man sich so die Fassade unseres Hauses anschaut, brauchte es diese Feststellung eigentlich gar nicht. "Auf die Straße gegen Gentrifizierung", steht da auch noch.

Über die Aussage auf dem Sticker, den man auf Seiten bestellen kann, die Namen haben wie Anarchia-Versand (10 Stück 1 Euro) oder Black Mosquito (hier etwas günstiger), habe ich mir den Kopf zerbrochen. Jeden Tag gehe ich durch die Tür in meine scheiß Yuppie-Wohnung, in der sonst eine zehnköpfige arme Migrantenfamilie wohnen könnte, wenn es nicht so herzlose Menschen wie mich geben würde: Was, nur was hat Dreckigmachen und Kaputtmachen mit Linkssein zu tun?

Oder auf Berlin gemünzt: Wer weiß schon, wie hart einer gearbeitet hat, dessen Mini sie in Brand stecken? Vielleicht würde einer der Polizisten, die während der Ausschreitungen in der Berliner Rigaer Straße verletzt worden sind, auch gern in so einem schönen zentralen Stadtteil wohnen?

Seit bald zehn Jahren wohne ich auf St. Pauli, ziemlich zentral, in einem Haus, dessen Besitzer das Hamburger Abendblatt vor einigen Jahren einmal als "Herr Leerstand" bezeichnete. In einen Stadtteil, über den Rocko Schamoni (dessen Fan ich mich dank meines älteren Bruders nennen kann, seit ich zwölf war) sagte: "Alles was dumm und scheiße ist, findet hier statt." Ich denke mal, dass er damit all jene Vergnügungen meinte, auf die er keinen Bock hat oder uncool findet. Das dürfte sich in etwa mit den Veranstaltungen decken, die die Stickerkleber uncool finden. Schlagermove, Dom, Musicals, Motorradgottesdienste beim Michel, so Zeugs halt. Ich kenne viele Menschen, die gern zu diesen Veranstaltungen gehen. Reiche sind nicht darunter, eher sind sie das Gegenteil.

Wäre der Protest nur nicht so selbstgerecht

Hinter dem Satz und dem Sticker verbirgt sich aber eine legitime Kritik an immer höheren Mieten in zentralen Stadtteilen größerer Städte wie Hamburg und Berlin, an Verdrängung von ärmeren Menschen, von Migranten, Gardinen-Eck-Kneipen oder Einzelhandel. Ich wäre dafür, dass die Bundes- und Landesregierungen mehr dafür tun, den einen oder anderen Investor zu disziplinieren oder den einen oder anderen Vermieter an so etwas wie soziale Verantwortung erinnern könnten, auch wenn es kein Anrecht auf Nichtveränderung in Städten gibt.

Wäre doch nur der Geist des Protests, der sich anhand der beiden Beispiele entfaltet, nicht immer so autoritär und selbstgerecht. So – total. Künstler gegen Kapital, finanzstarke Yuppies gegen arme Alteingesessene – diese Klischees eignen sich wenig, um Gentrifizierung zu bewerten. Dass sich das Thema nicht mit gängigen Schablonen bemessen lässt, hat zuletzt das Beispiel von Ikea im Hamburger Stadtteil Altona gezeigt. Die erste Ikeafiliale in einer Fußgängerzone. Die Gegner riefen: Verkehr! Lärm! Gentrifizierung! Die Befürworter, unter ihnen viele Geschäftsinhaber in der sterbenden Großen Bergstraße, wo die Filiale nun steht, hofften auf eine Wiederbelebung dieser etwas heruntergekommenen Einkaufsmeile mit morbidem Charme. Wenn man heute mit Anwohnern spricht, die auch gegen Ikea waren, sagen viele: Im Großen und Ganzen hat es dem Viertel gut getan. Es ist nicht zu mehr Verkehr gekommen. Auch ehemalige Ikeagegner kaufen ihre Kerzen und Servietten nun dort. Der schwedische Möbelriese scheint auch einiges richtig gemacht zu haben.

Zurück nach St. Pauli, dem Sticker und der Frage, was Dreckigsein- oder -machen mit Linkssein oder Systemkritik zu tun hat. Es stimmt, es ist dreckig hier. Egal, gecornert wird trotzdem, solange es nicht vor einer Gardinen-Eck-Kneipe passiert, ist es ja auch ziemlich lässig, nicht wahr. Und wer da nun mit seinem scheiß Spießerauto langfahren muss, um seine Kinder von A nach B zu bringen oder seinen spießigen Einkauf, nun, der hat selbst Schuld. Irgendwo muss das Bier dann ja auch hin, also bleibt "er" draußen nicht drin, wie eine Hamburger Kampagne vor Jahren mal verzweifelt forderte, sondern wird entblößt in Ecken, Hecken, Parks, Häusereingängen. Und die, die das machen, sind nicht Besucher des Schlagermoves, zumindest nicht nur, den einen oder anderen mit The North Face-Regenjacke durfte ich auch schon darauf aufmerksam machen, dass das Grün vor unserer Haustür nicht für seine Bedürfnisse gedacht ist.

Viele der Wohnungen in dem Haus, in dem ich lebe, sind schön saniert, die Außenfassade aber sieht aus wie Sau. Graffiti-Schmierereien und tausende Schichten von Plakaten, so unendlich viele Plakate, die auf Partys und Konzerte hinweisen, die natürlich um einiges cooler sind als so Veranstaltungen, die dumm und scheiße sind, wie Rocko Schamoni sagte. Neulich stand da wieder ein junger Mann, Typ Schluffi. Ein Eimer mit Leim neben sich, er klebte und klebte.

Ich: "Euch ist aber schon klar, dass wir Mieter die Kosten für die Säuberung eurer Plakate zahlen müssen, oder?

Er: "Wieso, zahlt doch der Vermieter."

Ich: "Ne, der legt das auf die Betriebskosten um."

Er: "Scheiß Vermieter."

Und klebte weiter. Wenigstens hat er mir nicht in den Hauseingang gepinkelt. Glaube ich zumindest.