In den vergangenen Jahren gab es in den USA viele Fälle von offenbar willkürlicher Gewalt weißer Polizisten gegen Schwarze. Dass die Täter oft unbestraft bleiben oder nur milde Strafen bekommen, sorgte immer wieder für wütende Proteste und Ausschreitungen. Während einer Anti-Rassismus-Demonstration in Dallas wurden nun erstmals gezielt Polizisten angegriffen und erschossen. Ob dieser Angriff in direktem Zusammenhang mit der Polizeigewalt steht, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Wir dokumentieren die bekanntesten Fällen von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner der vergangenen Jahre, die in den meisten Fällen erst durch Amateurvideos als solche erkannt wurden. 

Juli 2016: In Falcon Heights im Bundesstaat Minnesota stirbt der 32-jährige Philando Castile durch die Schüsse eines Polizisten, nachdem er und seine Freundin wegen eines defekten Rücklichts angehalten wurden. Nach Angaben der Frau hätten die Polizisten ohne ersichtlichen Grund mehrere Schüsse auf den Arm ihres Freundes abgegeben, noch bevor er seine Fahrzeugpapiere habe zeigen können und nachdem er ihnen mitgeteilt habe, dass auch er eine Pistole dabei hat, für die er eine Lizenz besitzt. Castiles Freundin hält den Vorfall live auf Video fest und macht damit einen weiteren Fall von anscheinend übertriebener Polizeigewalt publik.

Juli 2016: In Baton Rouge in Louisiana zwingen zwei Polizisten den 37-jährigen Alton Sterling auf einem Parkplatz zu Boden und erschießen ihn aus nächster Nähe. Die Einsatzkräfte waren angerückt, nachdem ein Anrufer berichtet hatte, er werde von einem Mann mit einer Waffe bedroht. Das Justizministerium hat Ermittlungen zu möglichen Verstößen gegen Bürgerrechte eingeleitet.
Im Anschluss an diese beiden jüngsten Fälle äußern sich Präsident Obama und die voraussichtliche demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zu Wort und fordern Reformen. Von Clintons republikanischen Gegenpart Donald Trump, der sonst um keinen Kommentar verlegen ist, gab es dazu bislang nichts.

Juli 2015: Die 28-jährige schwarze Sandra Bland wird in Texas wegen eines nicht gesetzten Blinkers von einem Polizisten kontrolliert. Es kommt zum Streit, in der Folge wird Bland inhaftiert. Später wird sie in ihrer Zelle tot aufgefunden. Ein Gerichtsmediziner kommt zu dem Schluss, dass Bland sich erhängt hat. Die Familie zweifelt das Ergebnis an. Die Ergebnisse einer zweiten unabhängigen Autopsie werden nicht veröffentlicht. Der Polizist wurde wegen einer falschen Vorgehensweise bei der Kontrolle zunächst suspendiert und später wegen Meineids entlassen.

Juli 2015: In Cincinnati im Bundesstaat Ohio erschießt ein Polizist bei einer Verkehrskontrolle den 43-jährigen Samuel Dubose. Dessen Auto hatte vorne kein Nummernschild, Beamter und Fahrer geraten in eine Diskussion darüber, ob Dubose seinen Führerschein dabei hat oder nicht. Die Situation eskaliert, der Polizist schießt Dubose in den Kopf. Später sagt er aus, er habe sich verteidigen müssen, Dubose habe ihn überfahren wollen. Laut Anklage ist dies Unsinn, der Staatsanwalt bezeichnet das Verhalten des Polizisten als das Dümmste, was er je von einem Polizisten gesehen habe, und klagt ihn des Mordes an. Das Verfahren steht noch aus.

April 2015: In Charleston im Bundesstaat South Carolina gerät Walter Scott wegen eines defekten Bremslichts in eine Verkehrskontrolle. Es kommt zu einem kurzen Gerangel, Scott rennt weg, der Polizist feuert daraufhin acht tödliche Schüsse ab. Der Beamte erklärt, er habe in "Todesangst" gehandelt, Scott habe versucht, ihn zu überwältigen und ihm seine Elektroschock-Waffe zu entreißen. Auf einem später aufgetauchten Video ist jedoch zu sehen, dass der Polizist den 50-jährigen Familienvater mehrere Male in den Rücken schießt, als dieser zu fliehen versucht. Danach legt der Beamte dem Sterbenden Handschellen an, erste Hilfe leistet er ihm nicht. Nachdem das Video bekannt wird, wird er schließlich wegen Mordes angeklagt.

April 2015:  In Baltimore im Bundesstaat Maryland wird der 25-jährige Freddie Gray festgenommen, weil er ein verbotenes Messer bei sich gehabt hat. Gray wird gefesselt, aber nicht gesichert in einen Polizeitransporter gehievt. Bei der Ankunft am Zielort atmet er nicht mehr, seine Wirbelsäule ist gebrochen, er stirbt eine Woche später. Nach Bekanntwerden des Falls kommt es zu heftigen Protesten, zu Plünderungen und Brandstiftungen. Der Gouverneur verhängt den Notstand und entsendet die Nationalgarde nach Baltimore. Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen sechs Polizisten Mordanklage.

Februar 2015: In Pasco im Bundesstaat Washington wird der 35-jährige Antonio Zambrano Montes beschuldigt, Steine auf einen Streifenwagen und drei Polizisten geworfen zu haben. Einer der Beamten sagt aus, er habe Angst um sein Leben gehabt und deshalb das Feuer eröffnet. Ein Video zeigt, wie Zambrano Montes vor den Polizisten davonläuft. Als er sich zu ihnen umdreht, eröffnen sie das Feuer. Es ist unklar, ob Zambrano Montes im Moment seines Todes noch einen Stein in der Hand hat. Die Beamten schießen zwölfmal auf ihn.

Dezember 2014: In Phoenix im Bundesstaat Arizona wird der 34-jährige Rumain Brisbon nach einer Polizeikontrolle erschossen. Die Polizeibeamten geben an, sie hätten den Mann wegen Drogenhandels verdächtigt und durchsuchen wollen. Als er aufgefordert wurde, seine Arme zu heben, habe er stattdessen an seinen Gürtel gefasst; die Polizisten vermuteten eine Waffe in seiner Tasche und feuerten schließlich zwei Schüsse ab. In der Tasche des vierfachen Familienvaters ist eine Packung mit Medikamenten, die auch als Aufputschmittel benutzt werden können.

November 2014: In Cleveland im Bundesstaat Ohio wird der 12-jährige Tamir Rice von einem Polizisten erschossen. Der Junge hatte auf einem Gehweg mit einer Waffenattrappe gespielt und im Spiel auf einen Passanten gefeuert. Ein Anwohner alarmierte die Polizei, sprach allerdings auch von einer vermutlich unechten Waffe in den Händen des Kindes. Diese Angaben wurden den eintreffenden Polizisten offenbar nicht übermittelt, Videoaufnahmen zeigen, dass ein Polizist nach der Ankunft binnen Sekunden schoss. Laut Polizei habe die Waffenattrappe täuschend echt ausgesehen und Rice hätte seine Hände auch trotz mehrmaliger Aufforderung nicht gehoben. Anwohner, die das Geschehen beobachteten, sagten aus, es sei offensichtlich gewesen, dass es sich um eine Spielzeugpistole gehandelt habe.

August 2014: In Ferguson im Bundesstaat Missouri wird der 18-jährige Michael Brown von dem Polizisten Darren Wilson erschossen. Zum Tathergang gibt es widersprüchliche Angaben: Einige Zeugen sagten aus, der Teenager habe seine Hände erhoben, als Wilson plötzlich das Feuer eröffnete. Wilson und andere Zeugen behaupten hingegen, Brown habe sich in bedrohlicher Haltung auf den Beamten zubewegt. Der Polizist gibt zwölf Schüsse ab, Brown wird von sechs Kugeln getroffen und stirbt noch am Tatort. Sein Leichnam bleibt stundenlang auf der Straße liegen.
Wilson muss nicht vor Gericht, nach dieser Entscheidung einer Jury gibt es Proteste, es kommt zu schweren Unruhen und Plünderungen, es herrscht Angst vor landesweiten Rassenunruhen. Der Gouverneur verhängt den Ausnahmezustand über die Stadt und verordnet den Einsatz der Nationalgarde. Später tritt der Polizeichef von Ferguson zurück – nach einem Bericht des Justizministeriums über weit verbreiteten Rassismus bei der örtlichen Polizei.

Juli 2014:  Der 43-jährige Familienvater Eric Garner stirbt bei einem Polizeieinsatz in New York an den Folgen eines Würgegriffs, er wurde des illegalen Zigarettenverkaufs verdächtigt. "Ich kann nicht atmen", stieß der an Asthma leidende Mann als letzte Worte hervor, wie später auf einem Amateurvideo zu sehen war. Eine sogenannte Grand Jury entschied, keine Anklage gegen den weißen Polizisten Daniel Pantaleo zu erheben – obwohl der Würgegriff der New Yorker Polizei untersagt ist. Zudem unternehmen die Polizisten keine Wiederbelebungsversuche.

Februar 2012: In Sanford im Bundesstaat Florida wird der 17-jährige Trayvon Martin erschossen. Schütze war der 29-jährige George Zimmerman, der als Mitglied einer privat organisierten Nachbarschaftswache auf Patrouille unterwegs war. Offenbar hielt er den unbewaffneten Teenager für einen Einbrecher. Zimmermann sagte aus, er habe aus Notwehr gehandelt, nachdem ihn Martin mit der Faust zu Boden gestreckt und seinen Kopf auf den Bürgersteig geschlagen habe. Die Gegenseite warf ihm vor, den mit einem Kapuzenpulli bekleiden Jugendlichen "kaltblütig" ermordet zu haben. Diese Version stützt auch ein später veröffentlichtes Video. Darauf ist Zimmermann zu sehen, wie er am Abend des Vorfalls in Handschellen in der Garage der Polizeistation aus dem Streifenwagen steigt. Dabei sind keine Anzeichen für eine schwerere Verletzung des damals 28-Jährigen zu sehen. Gleichwohl glaubte ein Geschworenengericht seine Version und sprach ihn frei.
Der Fall löste eine landesweite Kontroverse um Rassismus und laxe Waffengesetze aus. Polizei und Justizbehörden gerieten wegen der zurückhaltenden Ermittlungen in die Kritik. Auch Präsident Barack Obama schaltete sich ein und solidarisierte sich mit dem Opfer: "Das hätte ich vor 35 Jahren sein können."

März 1991: Vier Autobahnpolizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Die Tat wird durch ein Amateurvideo weltweit bekannt. Der Freispruch für die Polizisten löst in Los Angeles Unruhen mit Dutzenden Toten aus. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Das Opfer erhält eine millionenschwere Entschädigung.