Zehntausende Briten demonstrierten in London gegen den Brexit. Beim March for Europe spazierten sie vom Hyde Park bis zum Parlamentsgebäude. Die Veranstalter sprachen von 40.000 Teilnehmern. Zu derselben Zahl an Demonstranten kam die BBC bei einer Schätzung.

Menschen sangen, "Wir lieben dich, EU" und schwenkten die Fahnen der Union. Auf Schildern hatten sie ihre wichtigste Forderung geschrieben, das Votum der vorvergangenen Woche rückgängig zu machen und ein Teil der Europäischen Union zu bleiben.

"Ich denke, die Leave-Kampagne hat die Menschen in die Irre geführt", sagte eine Demonstrantin, die gelbe und blaue Blumen in den Haaren trug – die Farben der EU-Flagge. "Ich möchte die EU nicht verlassen." Ein anderer Demonstrant, der ebenfalls in gelb und blau gekleidet war, sagte: "Wir können noch etwas tun, solange Artikel 50 noch nicht aktiviert ist."

Artikel 50 des Vertrags von Lissabon regelt, wie Mitgliedsländer die Europäische Union verlassen können. Danach muss die Regierung des austrittswilligen Landes zunächst die EU offiziell über ihre Absicht informieren und so Artikel 50 aktivieren. Das hat die britische Regierung bisher nicht getan. Er wolle es seinem Nachfolger überlassen, den Austrittsantrag zu stellen, hatte Premier David Cameron kurz nach dem Referendum gesagt.

Ist die EU informiert, hätte diese und Großbritannien zwei Jahre Zeit, sich auf Bedingungen zu einigen, unter denen der Austritt vollzogen werden soll. Doch Camerons Nachfolger könnte erst Anfang September feststehen. Dann wollen die Konservativen den neuen Premier benennen. Somit würde auch erst dann der Artikel 50 aktiviert werden.

Unter anderem der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt hatte deshalb gefordert, dass die EU bereits vor dem offiziellen Austrittsantrag mit Großbritannien verhandeln solle. Doch auf ihrem Gipfeln am Dienstag legten die anderen 27 Staats- und Regierungschefs fest: Es wird erst verhandelt, wenn Artikel 50 aktiviert ist.

Bis dies geschehen ist, wollen viele Briten auf die Straße gehen. "Wir können den Brexit verhindern, indem wir das Referendum nicht als das letzte Wort akzeptieren und den Finger vom Selbstzerstörungsknopf nehmen", sagte der Organisator des Marsches, Kieran McDermott.

Einige der Demonstranten waren wütend, einige ängstlich. "Ich bin zutiefst verunsichert über meine Zukunft", sagte ein 25-Jähriger. "Ich akzeptiere das Ergebnis, aber das hier soll zeigen, dass wir es nicht stillschweigend hinnehmen."

Am 23. Juni hatten 51,9 Prozent der Briten für den Brexit gestimmt, also dafür, dass ihr Land die Europäische Union verlässt. Großbritannien wäre das erste Land, das die Staatengemeinschaft verlässt. Eine kleine Ausnahme gibt es: Aufgrund seiner Zugehörigkeit zu Dänemark gehörte auch Grönland zur Europäischen Gemeinschaft. 1982 gab es eine Volksabstimmung über den Austritt aus der EG. Dieser wurde 1985 vollzogen.