Lisa Myers ist auf dem Weg in die Mittagspause. Die Krankenschwester am Parkland Memorial Krankenhaus in Dallas hat nicht viel Zeit. Nur ein paar Minuten. In dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, wurden auch einige der Polizisten behandelt, die am Donnerstagabend während einer friedlichen Demonstration gegen Polizeigewalt von Micah J. angeschossen wurden.

Wir sind alle am Boden zerstört", sagt Lisa Myers, die ihren echten Namen lieber nicht sagen möchte. "Wenn dort jemand liegt und Blut verliert, ist es egal, ob er Uniform trägt oder nicht. Und auf das hier kommt es schon gar nicht an." Die Frau mit den grauen Haaren streicht mit dem linken Zeigefinger über ihren rechten Unterarm und sagt für einen Augenblick nichts. Das Wort Hautfarbe spricht sie nicht aus. Ganz so, als ob es zurzeit nur noch mehr Ärger heraufbeschwören würde. 

Ärzte und Operationshelfer sind diejenigen, die wie nur wenige die Auswirkungen von täglicher Waffengewalt in den USA direkt erleben. Behandlungen von Schusswunden sind Alltag in vielen Krankenhäusern des Landes.

"Traurige Tage"

Bei einer friedlichen Demonstration in der Innenstadt von Dallas, die an die beiden durch Polizeigewalt umgekommenen Afroamerikaner Alton Sterling und Philando Castile erinnern sollte, tötete der mutmaßliche Täter Micah J. am Donnerstagabend fünf Beamte, verletzte sieben weitere sowie zwei Passanten. "Es sind unglaublich traurige Tage, die diese Stadt erlebt", sagt Myers. Sie selbst habe in der Nacht keinen Dienst gehabt, sei erst um sieben Uhr am Freitagmorgen auf Station gewesen.

Ein älterer Mann mit Cowboyhut und dünnen Armen schiebt sich draußen vorm Krankenhaus im Rollstuhl an ihr vorbei, ein anderer wartet mit verbundenem Auge auf ein Taxi. "Sehen Sie", sagt sie, "hier ist immer Alltag und Ausnahmezustand zugleich." Das könne natürlich keine Antwort auf die furchtbaren Ereignisse in Dallas sein. Wer tatsächlich imstande sei, diesen Konflikt zwischen Polizei und Bürgern zu lösen, wisse sie auch nicht. "Ich glaube einfach nicht daran, dass Hass vor dem Gesetz halt macht."

Täglich neue Fälle von Polizeigewalt

Diese Vorstellung fällt derzeit vielen US-Bürgern schwer. Zu oft, zu gezielt scheinen Schwarze in den vergangenen Jahren Opfer von Polizeigewalt geworden zu sein. Seit dem Tod von Michael Brown in Ferguson kommen täglich neue Fälle hinzu. Der unbewaffnete schwarze Teenager wurde im August 2014 nach einer Auseinandersetzung von Polizeioffizier Darren Wilson erschossen. Wilson konnte juristisch kein Fehlverhalten nachgewiesen werden, doch zahlreiche Ungereimtheiten in dem Fall führten zu einer landesweiten Debatte über Rassendiskriminierung.

Allein in diesem Jahr starben bereits 569 Menschen durch Polizeigewalt – davon 279 weiße und 137 schwarze Bürger. Setzt man die Zahlen ins Verhältnis zum Anteil der Bevölkerung, sind das pro Million Einwohner 3,25 getötete Schwarze gegenüber 1,41 getöteten Weißen pro Tag. Für einen Afroamerikaner in den USA ist es demnach mehr als doppelt so wahrscheinlich Opfer von Polizeigewalt zu werden wie für einen Weißen.

Dallas' Polizeiarbeit galt als vorbildlich

Texas rangiert mit 51 Opfern im laufenden Jahr unter den US-Bundesstaaten an zweiter Stelle nach Kalifornien, es ist aber auch der zweitgrößte Bundesstaat des Landes. Die Polizeiarbeit in Dallas galt als recht vorbildlich. Ein Gesicht, das nach dieser Schießerei in Erinnerung bleiben dürfte, ist das von David O. Brown. Gefasst und bewegt zugleich trat der schwarze Polizeipräsident von Dallas am Freitagmorgen nach der Schießerei vor die Presse. Sachlich und mit einfachen Worten erklärte er den aktuellen Stand der Ermittlungen und appellierte an die Vernunft der Bewohner, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten.

Was er dabei nicht erwähnte, ist ein schmerzhafter Teil seiner eigenen Biografie: 2010, nur wenige Wochen nachdem er den Dienst als neuer Polizeipräsident angetreten hatte, erschoss sein Sohn einen Polizisten und einen weiteren Mann, bevor er selbst von der Polizei getötet wurde. "Es tut so weh, ich finde keine passenden Worte, die den Schmerz in meinem Herzen auch nur annähernd beschreiben könnten", sagte Brown damals in einer Stellungnahme.

Möglicherweise war es dieser Verlust, der Brown dazu bewegte, die Polizeiarbeit in Dallas transparent und offensiv anzugehen. Die New York Times nannte Brown "einen progressiven Anführer", der alles daran setzt, die Beziehung zwischen der Polizei und Minderheiten zu verbessern und das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Beamten zu verringern.

Doch trotz einiger Erfolge stößt Browns nicht-konfrontative Linie auch auf Kritik. "Die Polizeibehörde von Dallas kann so viele Bilder von lachenden schwarzen Polizisten mit weißen Kollegen verbreiten, wie sie will", sagt Michael A. Wood Junior. "Das ändert nichts daran, dass zwei Straßen weiter andere Kollegen diskriminiert werden." Wood Junior war Polizei-Sergeant in Baltimore und setzt sich inzwischen für eine Reform der US-Strafjustiz ein. "Was Dallas und viele andere Polizeidienststellen da machen, ist gute PR", sagt er. "Fragen Sie mal in den armen afro-amerikanischen Nachbarschaften nach, ob die einen Unterschied merken. Sicher nicht, so lange wir bloß die Symptome und nicht die Ursachen von Kriminalität bekämpfen."

Für Wood Junior ist der Anschlag von Dallas bloß die logische Konsequenz aus einer Kette von Vorfällen, die sich aus Rassendiskriminierung in der Polizei zusammensetzt. "Dass jetzt jemand mit Gewalt reagiert hat, ist nicht besonders verwunderlich, weil die Polizei ja selbst Gewalt anwendet", sagt er am Telefon. "Die Frage, die sich nach Dallas stellt, ist doch, wie lang Minderheiten diese Opferrolle noch annehmen."

"Blue Lives Matter" – Polizistenleben zählen auch

Mit einer ähnlichen Frage sehen sich auch die Polizisten von Dallas konfrontiert. Sind sie in diesen Tagen die Opfer? Die Parole "Blue Lives Matter" steht auf einem Schild, das auf der Windschutzscheibe eines Streifenwagens angebracht ist. Bunt geschmückt mit Beileidsbekundungen, Blumen und diversen Erinnerungsstücken steht der Wagen vor dem Hauptquartier der Polizei in Dallas. "Blue Lives Matter" soll daran erinnern, dass auch das Leben der Frauen und Männer in den blauen Polizeiuniformen zählt – in Anlehnung an die "Black Lives Matter"-Bewegung. Es ist nicht einfach, in der Stadt einen Polizisten zu finden, der in diesen Tagen über die Ereignisse in Dallas sprechen will.

"Diese Männer waren wie Brüder für mich", sagt Detective Albert Sanchez, der vor der Polizeizentrale steht. "Als ich die Nachricht bekam, fühlte es sich an, als hätte mir jemand ein Familienmitglied genommen." Er saß zu Hause, als das Telefon klingelte: Schießerei in Downtown Dallas, mehrere Beamte verletzt. "Ich bin sofort aufgesprungen und wollte meine Uniform anziehen. Aber die Zentrale sagte mir, dass ich mich ausruhen sollte, sie würden mich am Morgen brauchen." Sanchez trägt kurzes, schwarzes Haar und eine verspiegelte Sonnenbrille, die er nicht abnimmt. "Es ist für einen Polizisten der größte denkbare Albtraum: von einem Scharfschützen aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden. Das sind Situationen, die man im Training bespricht. Aber im Ernstfall weißt du nicht einmal, wer von wo auf dich zielt."

Dallas ist für einige Dinge berühmt, vor allem aber für das Attentat auf John F. Kennedy. Nur drei Straßen vom Tatort entfernt wurde der damalige US-Präsident im November 1963 von einem Scharfschützen in den Kopf getroffen.

Kennedy verstarb kurz darauf im Parkland Hospital. An diesem Wochenende, knapp 50 Jahre später, steht dort Lisa Myers. Sie will ihren Gedanken noch zu Ende bringen – darüber, warum der Konflikt zwischen Polizei und Schwarzen so sinnlos sei. "Wenn es hart auf hart kommt", sagt die Krankenschwester mit ihrem Zeigefinger immer noch auf ihrem Arm, "bluten wir alle die gleiche Farbe."