20.000 Besucher waren zum Festival gekommen, um Rammstein und Mumford&Sons zu sehen – den Skandal, der sich vor der Bühne abspielte, bemerken sie erst danach: Inmitten des Gedränges vor der Bühne des Bråvalla-Festivals im schwedischen Norrköping wurde eine junge Frau vergewaltigt. "Du Schwein! Schmor in der Hölle!" twitterte die schwedische Sängerin Zara Larsson, und Mumford&Sons erklärten, nicht mehr auf dem Festival auftreten zu wollen, bis solche Übergriffe verhindert würden.

Es ist nicht der einzige Fall auf einem schwedischen Festival: Insgesamt gingen fünf Anzeigen wegen Vergewaltigung während des Bråvalla-Festivals bei der Polizei ein, weitere 15 wegen sexueller Belästigung. Eine ähnliche Bilanz verzeichnet das Festival Putte i Parken in Karlstadt: 27 Anzeigen wegen sexueller Belästigung. Und beim Peace&Love in Borlänge meldet eine Minderjährige eine versuchte Vergewaltigung.

Schweden sieht sich gern als eins der gleichberechtigtsten Länder der Welt, auf der offiziellen Website sweden.se wird Gleichberechtigung als einer der Grundpfeiler der schwedischen Gesellschaft genannt. Doch dieses Bild gerät gerade ins Wanken: Plötzlich diskutiert Schweden darüber, ob es sichere Zonen für Frauen auf Festivals braucht.

Solche Bereiche will das Göteborger Kulturfest Mitte August bei großen Acts einrichten. Dies sei zwar traurig, beim jetzigen Stand der Dinge aber der letzte Ausweg, so der Hauptverantwortliche Tasso Stafilidis, "Bei jeglicher Form von Übergriffen herrscht Null Toleranz."

Die Gründerin der Freiwilligenorganisation Nattskiftet (Nachtschicht), Lisen Andréasson Florman, hält das für den falschen Weg. Seit Jahren setzt sie sich gegen sexuelle Gewalt im Nachtleben ein. Auch beim Bråvalla-Festival bemühte sich ihre Organisation um mehr Sicherheit auf dem Gelände. Frauen und Männer aber regelrecht voneinander abzuschirmen sei absurd. "Die Verantwortung übergibt man damit wieder den Frauen, anstatt sich des wahren Problems, nämlich den Tätern, anzunehmen." Und wenn man damit anfängt, wo zieht man die Grenze, fragt Andréasson Florman: Was ist mit dem öffentlichen Nahverkehr, mit Restaurants und Arbeitsplätzen? "Wenn man eine gesonderte Zone bei einem Festival einrichtet, befindet man sich außerhalb dieser Zone dann nicht mehr in Sicherheit?"

Auch die Polizei hat nach den Vorfällen eine eigene Kampagne gestartet: Unter dem Hashtag #tafsainte (Finger weg!) macht sie auf die Problematik aufmerksam – und verteilt sogar Armbänder mit entsprechendem Aufdruck. Vollkommen wirkungslos, spotten Kritiker, und sehen die Aktion als Zeichen größter Hilflosigkeit. Ermittlerin Nina Rung verteidigt die Kampagne: "Die Probleme verschwinden nicht, nur weil Jugendliche dieses Armband tragen. Aber es steigen die Chancen, dass mehr Menschen die Verbrechen bemerken, bezeugen und anzeigen."

Nach Köln kamen auch ältere Übergriffe zur Sprache

Dass die schwedische Polizei so aktiv ist, hat noch einen anderen Grund. Zu Beginn des Jahres deckte die Tageszeitung Dagens Nyheter auf, dass Übergriffe beim Stockholmer Jugendfestival We are Sthlm von der Behörde wenn nicht unter den Teppich, so zumindest absichtlich nicht an die große Glocke gehängt worden waren. Zwei Jahre in Folge waren Mädchen von zumeist jungen Männern in Gruppen bedrängt und begrabscht worden. Interne Berichte der Polizei gaben Aufschluss über die mangelnde Transparenz nach außen: Weil etliche der Täter unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, vor allem aus Afghanistan, waren, sorgte sich die Polizeiführung um Verallgemeinerungen und hielt den Deckel drauf.

Tatsächlich ist das Risiko des Generalverdachts nicht von der Hand zu weisen. Die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht sind auch in Schweden Thema gewesen, genauso wie die Frage danach, ob die Herkunft der Täter eine Rolle spielt – oder auch nicht. Ein Polizeibericht fasst nun zusammen: Sexuelle Übergriffe in Gruppe bei Festivals oder in Schwimmbädern machen nur etwa zwei Prozent aller angezeigten Sexualstraftaten aus. Allerdings sind junge Flüchtlinge hier tatsächlich überrepräsentiert. Auf der anderen Seite stellte sich nach ersten Anschuldigungen nach dem Bråvalla-Festival heraus, dass nur zwei der sieben Tatverdächtigen minderjährige Flüchtlinge gewesen waren, anders als zuvor verbreitet.

Sexuelle Übergriffe waren in Schweden lange Tabuthema

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise und der Aufnahme von 160.000 Menschen allein im vergangenen Jahr taucht in der schwedischen Debatte in jüngster Zeit verstärkt die Betonung von typisch "schwedischen Werten" auf. Hatten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten seit ihrem Einzug ins Parlament 2010 dieses Thema für sich gepachtet, haben inzwischen auch die traditionellen Parteien ihre Berührungsängste verloren. Bei der diesjährigen traditionellen Politikerwoche auf Gotland betonten jüngst verschiedene Parteichefs die Wichtigkeit vermeintlich "schwedischer" Werte, gerade auch die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Dabei sind sexuelle Übergriffe, sei es bei Festivals, im Park oder in der U-Bahn, auch in Schweden keineswegs neu, sagt Olga Persson. Sie ist Generaldirektorin von Unizon, einem Dachverband von 130 Frauenrechtsorganisationen in Schweden. "Lange Zeit war das Thema so tabuisiert, und Frauen, die Übergriffe öffentlich machten, mussten sich oft anhören, sie seien selbst schuld. Diese Tendenz gibt es immer noch, selbst in Schweden, aber es wird besser."

Ein willkommenes neues Phänomen sei dagegen, dass Mädchen und Frauen sich heute trauen, über sexuelle Gewalt zu sprechen, sagt Persson. Allerdings: "Viele Menschen drücken sich vor dem Einmischen", sagt sie. "Nur jeder Zehnte sagt überhaupt etwas. Außerdem ist die Toleranz gegenüber dem gewalttätigen Verhalten von Jungen und Männern sehr groß." Persson meint, dass sich vielmehr Männer in die Diskussion einmischen müssten. Die Übergriffe auf den Festivals könnten den Anlass liefern.