Eine Erklärung. Das ist das, was jetzt alle wollen. Warum hat Ali S., 18 Jahre alt, ein Schüler aus München, am Freitagabend mit einer Pistole neun Menschen erschossen, mehr als 20 Menschen verletzt und sich anschließend selbst umgebracht? Die meisten seiner Opfer waren keine 18 Jahre alt. Jugendliche, die vor dem Wochenende noch ein wenig einkaufen gehen wollten und Burger essen bei der Fast-Food-Kette McDonalds.  

Noch ist es zu früh, um auf diese Fragen eine verlässliche Antwort geben zu können. Aber es gibt erste Spuren, die Hinweise liefern könnten, warum S. tötete. Die eine Spur führt zu einem Buch. Die andere Spur führt zu dem Haus, in dem S. erwachsen wurde und sich offenbar auf seine Tat vorbereitete.

Eine vielbefahrene Straße im Stadtteil Maxvorstadt, einer guten Wohngegend im Norden Münchens. In der Nachbarschaft liegen die Hochschulen der Stadt und Museen wie die Pinakothek der Moderne. Bis zum Marienplatz im Zentrum braucht man zu Fuß keine halbe Stunde. Ein Drittel der Bürger haben hier bei den letzten Bezirkswahlen die Grünen gewählt. Das Haus, in dem Ali S. bei seinen Eltern wohnte, ist weißgetüncht, ein moderner Neubau mit begrünten Gitterbalkonen. Im Innenhof stehen eine Kinderrutsche und eine Schaukel. Die Familie von S. wohnt zur Straße hin, in den wenigen Sozialwohnungen im Gebäude.

Die Familie S. kennen hier viele, auch den ältesten von zwei Söhnen, der zum Amokläufer wurde. Unauffällig sei er gewesen, ein stiller junger Mann, sagen Anwohner. Eine Gratiszeitung habe er im Nebenjob austragen sollen, doch stattdessen oft in den Müll geworfen. Das behauptet jedenfalls der Cafébesitzer im Parterre. Er sagt auch, er habe S. sofort erkannt, als die ersten Videos am Freitagabend durchs Netz geisterten: an seinem schwerfälligen Gang. Der Vater sei Taxi gefahren, über die Mutter vermag niemand etwas zu sagen. Die Familie S. wohne seit Jahren in dem Neubau-Komplex. Genaueres wisse man auch nicht.

Hinter dieser Fassade lag offenbar ein junges Leben mit großen Problemen. Als die Ermittler noch in der Nacht zum Samstag die Wohnung durchsuchen, finden sie im Zimmer von S. mehrere Artikel über vergangene Amokläufe und die damalige Einsatzstrategie der Polizei. S., so sagen die Ermittler, habe sich intensiv mit Amokläufen beschäftigt, bevor er selbst in dem fünf Kilometer entfernten Einkaufszentrum andere Jugendliche erschoss. Erste Ermittlungen ergeben zudem, dass S. in psychologischer Behandlung war, offenbar wegen einer depressiven Erkrankung. Nichts deutet daraufhin, dass S. eine politische Motivation gehabt haben oder gar im Auftrag oder Namen der Terrororganisation "Islamischer Staat" gehandelt haben könnte. "Ein klassischer Amoktäter ohne politische Motivation", so beschreibt es die Münchener Staatsanwaltschaft nach den Durchsuchungen.

Die Ermittler finden in der Wohnung auch ein Buch mit weißem Einband und rotem Titel. Es heißt Amok im Kopf, geschrieben hat es Peter Langman, ein amerikanischer Psychologe. Langman versucht in dem Buch anhand von Fallstudien Gemeinsamkeiten zwischen Amokläufern der Vergangenheit zu finden und die Frage zu beantworten, was junge Menschen zu Mördern werden lässt. Eric Harris, der Attentäter von Littleton, der mit einem Mitschüler 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer erschoss, wird in dem Buch ebenso zitiert wie der damals erst elfjährige Andrew Golden, der ein Jahr vorher in einer Schule in Arkansas ein Massaker anrichtete.

Langman analysiert die Lebensläufe der Amokläufer und kommt zu dem Schluss, dass sich die Biographien in einem Punkt ähneln: Alle Schulamokläufer hätten schwere psychologische Probleme gehabt. Harris und Golden etwa seien Psychopathen gewesen, die keine Reue empfinden konnten, geschweige den Empathie für die Opfer.  Für viele Leser war Langmans Buch bisher ein Ratgeber, um das Phänomen von Schulamokläufen verstehen. S. hat Langmans Werk offenbar anders gelesen: als Blaupause und Anleitung für seine Taten.