Es ist ein Fluch mit diesen Kleiderordnungen. Vor allem im Sommer. Behaarte Männerfüße in Flip-Flops? Bitte nur im Strandbad. Ein bauchfreies Top? Das hat im Büro nichts verloren. So predigen es die Stil-Päpste. Und nun also hat der Schweizer Kanton Tessin allen Frauen verboten, eine Burka oder einen Nikab zu tragen.

Nein, nein, im südlichen Zipfel der Schweiz grassiert kein neuer Modetrend, von dem man in Berlin noch nichts erfahren hat. Damen mit Ganzkörperschleier sind im Tessin ebenso häufig anzutreffen, wie Nacktwanderer im Kanton Appenzell: Es gibt sie, aber sie sind sehr selten.

Trotzdem haben die Tessinerinnen und Tessiner im September 2013 in einer Volksabstimmung entschieden: Es soll verboten sein, das Gesicht in der Öffentlichkeit zu verhüllen. Ohne Ausnahme: Weder für Demonstranten, Fußball-Ultras – und auch nicht für reiche arabische Touristinnen. Sie sind es nämlich, die vom Burka-Verbot am stärksten betroffen sind. Ein paar Hundert, schätzt man, tummeln sich jeweils in den ersten Augustwochen in ihrer Tessiner Sommerfrische.

Deshalb fluchen die Hoteliers und Restaurateure, die Boutiquen-Besitzer und Outlet-Verkäufer am lautesten über den neuen Verfassungsartikel. Zwar machten die Gäste aus den Golfstaaten 2015 mit ihren 45.000 Übernachtungen gerade mal 2,1 Prozent aller Hotelbuchungen aus. Aber weil sie durchschnittlich 430 Franken am Tag ausgeben, sind sie in Lugano, Locarno oder Ascona sehr gern gesehen – auch verhüllt.

Am 1. Juli trat das neue Gesetz in Kraft. Aber die Hoteliers weigern sich, ihre Gäste über die neue Kleiderordnung zu informieren. Das soll gefälligst der Staat übernehmen. "Die Botschaft erinnert ihre ehrenwerten Bürger an die Notwendigkeit, die Schweizer Vorschriften zu beachten und zu respektieren, um allfällige Probleme zu vermeiden." Diese Nachricht schickte der Botschafter von Saudi-Arabien als Reisehinweis in die Heimat.

Merkblätter auf Arabisch

Die Schleierfahndung übernehmen die Gemeindepolizisten. Da von 100 Tessiner Gendarmen ganze 98 kein Englisch sprechen, wie das Schweizer Fernsehen erfahren hat, haben sie immer ein Merkblatt dabei, das sie den Verhüllten zustecken – verfasst ist es auf Arabisch. Die Bußen, die den verhüllten Frauen drohen, sind saftig: Zwischen 100 und 1.000 Franken. Im Wiederholungsfall sind sogar Strafen bis 10.000 Franken möglich.

Man könnte nun lange darüber diskutieren, ob das Burkatragen unter die Religionsfreiheit fällt. Vermutlich ist dem so. Oder ob – andererseits – ein Ganzköperschleier die Menschenwürde der Frau nicht respektiert. Der eigene Bauch sagt: Ja. Die Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) aber meinten: Nein. Jedenfalls reicht in ihren Augen das Argument nicht, um die Vollverschleierung im öffentlichen Raum zu verbieten. Doch sie entschieden trotzdem: Ein solches Gesetz ist ein verhältnismäßiges Mittel, um das "gesellschaftliche Zusammenleben" zu erhalten. Damit wies der EGMR die Klage einer jungen Muslimin ab, die gegen das Burka-Verbot in Frankreich geklagt hat. Das Tessiner Gesetz orientiert sich an diesem Vorbild. Ebenso die im März lancierte Volksinitiative, die das Burkatragen in der ganzen Schweiz verbieten will.

Nach dem EGMR-Urteil sprach Amnesty International von einem harten Schlag gegen die Religionsfreiheit, und die beiden überstimmten Straßburger Richterinnen meinten: "Unserer Ansicht nach ist ein dermaßen generelles Verbot, welches das Recht einer jeden Person auf eine eigene kulturelle und religiöse Identität tangiert, in einer demokratischen Gesellschaft nicht notwendig."

Notwendig oder nicht? Das ist die eigentlich Frage, die sich im Tessin stellt. Die Hoteliers können die Umsatzeinbußen verkraften. Die Staatskasse kommt auch ohne die Verhüllungsbußgelder aus. Aber weshalb ein Problem lösen wollen, wo keines besteht? Weshalb Burkas und Nikabs verbieten, und damit an den Grundrechten basteln, obschon im Tessin, in der Schweiz, kaum Trägerinnen dieser religiösen Mode wohnen?

Um ein Zeichen gegen die islamistischen Fundis zu setzen. So sagte es der Urheber des Tessiner Volksbegehrens. Wie viel das bringt, zeigt ein Blick nach Frankreich und Belgien. Beide Länder kennen ein Burka-Verbot, beide Länder haben riesige Probleme mit ihren muslimischen Communitys – und beide wurden erst kürzlich von Terroranschlägen getroffen.

Kurzum: Kleiderordnungen sind etwas für Knigge-Autoren und Mode-Faschisten. In einer Verfassung haben sie nichts verloren.