ZEIT ONLINE: Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen ist in mehr als 140 Ländern aktiv. In Deutschland wird die Zahl seiner Anhänger auf mehrere Zehntausend geschätzt. Welche Ziele verfolgt die Gülen-Bewegung in Deutschland?

Thomas Geier: Die Gülen-Bewegung ist eine sehr vielstimmige sozialreligiöse, konservative Bewegung, die sich an die Gesellschaft anpasst, in der sie aktiv ist. Auch innerhalb Deutschlands werden die Lehren von Gülen in den jeweiligen Einrichtungen unterschiedlich ausgelegt. Doch einen zentralen Ausgangspunkt gibt es: dass viele deutsch-türkische Kinder und Jugendliche in Deutschland an den staatlichen Schulen schlechtere Bildungschancen haben. In dieses Feld ist die Gülen-Bewegung gestoßen, mit Privatschulen und Nachhilfevereinen, die die Bildungssituation dieser Kinder und Jugendlichen verbessern sollen. Über allem steht das sogenannte hizmet: der Dienst am Menschen für die Sache Gottes. Wegen dieses islamischen Kontexts müssen sich die Einrichtungen vielen islamkritischen und islamophoben Diskursen stellen.

ZEIT ONLINE: Der Vorwurf lautet: Die Gülen-Schulen präsentieren sich nach außen als säkulare Bildungseinrichtungen, vermitteln aber eigentlich konservative islamische Werte.

Geier: Auf die Privatschulen trifft das aber nicht zu. Dort gibt es nicht nur keinen Islamunterricht, sondern überhaupt keinen konfessionsgebundenen Religionsunterricht. Stattdessen werden je nach Bundesland etwa Ethik oder Praktische Philosophie angeboten. Die Schulen sind sehr gut ausgestattet und richten sich nicht nur an muslimische Schüler mit türkischen Wurzeln, sondern es gibt auch Schüler ohne türkischen Migrationshintergrund. Entgegen verbreiteter Vorstellungen tragen nicht alle Schülerinnen Kopftuch. Die Lehrerschaft ist ebenfalls sehr heterogen, die Lehrer haben auch nicht alle einen Migrationshintergrund.

ZEIT ONLINE: Sie halten den Islamismusvorwurf also für unberechtigt?

Geier: Ja. Konservativ ist die Bewegung auf alle Fälle. Aber dass etwa die Scharia verherrlicht wird, kann ich mir nicht vorstellen. Ich finde es hochproblematisch, dass die Erwartungshaltung in Deutschland und im Westen ist, dass sich der Islam immer erst beweisen muss. Bevor man überhaupt miteinander gesprochen hat, sind schon Stereotype am Werk.

ZEIT ONLINE: Wissen denn alle Schüler, dass sie auf eine Einrichtung der Gülen-Bewegung gehen?

Geier: Nein, nicht unbedingt. Erkennbar ist das eher am Namen des Trägervereins der Schule, die meistens das Wort "Dialog" im Namen haben.