Sieben Monate ist die Silvesternacht jetzt her und von wahrscheinlich Hunderten Tätern sind erst 14 verurteilt worden. Alle diese Urteile lauten auf Diebstahl, Raub, Hehlerei oder ähnliche Delikte. Urteile wegen sexueller Nötigung gab es bislang nicht. Die Opfer konnten sich nicht genau genug daran erinnern, wer sie angefasst hat. Die Männer kamen ja aus großen Gruppen in der Dunkelheit und die Opfer waren froh, wenn sie sich losreißen konnten. Sich Gesichter genau einzuprägen, war kaum jemandem möglich.

Nun ist es erstmals gelungen, einem Täter eine sexuelle Nötigung und einem weiteren Täter die Beihilfe dazu nachzuweisen. Denn von den Verdächtigten gibt es Fotos.

Die Geschädigten erzählen die Geschichte so: Sie waren zu dritt aus dem Siegerland angereist, um drei Tage in Köln zu verbringen. Ein 34-jähriger Mann, seine 27-jährige Verlobte und eine 20-jährige Freundin der beiden. Am Rhein schauten sie den Beginn des Silvesterfeuerwerks. Schon da wurden die Frauen angefasst. "Wie man das heutzutage als junge Frau leider ertragen muss", sagt eine der Geschädigten. Dann machten sie sich auf den Rückweg, am Dom vorbei vor das Hauptportal. Gegen 0.20 Uhr stellten sich die Frauen vor die imposanten Türme, der Mann nahm sein Handy und schoss ein paar Fotos.

Zwei Männer kamen dazu, es sind die zwei, die nun auf der Anklagebank sitzen: Hassan T., ein 26 Jahre alter Algerier, der seit knapp zwei Jahren in Deutschland lebt, und Hussein A., ein 21 Jahre alter Iraker, der im vergangenen Herbst mit seinen Eltern nach Deutschland floh. Sie sagten "Bild, Bild" und stellten sich zwischen die Frauen. Denen kam die Sache etwas komisch, aber unproblematisch vor. Ihr Begleiter stellte sich zwischendrin sogar selbst zu seinen Begleiterinnen und ließ sich von einem der fremden Männer fotografieren. Sein Handy bekam er danach ohne Probleme zurück.

"Give the Girls, give the Girls, sonst Tod"

Dann aber kamen weitere Männer, drängten sich zwischen die drei Touristen und trennten sie voneinander. Hassan T., der gerade noch mit den Frauen herumgealbert hatte, blockierte den Mann aus dem Siegerland und bot ihm 5.000 Euro für die Mädchen an. Als sich der Mann wehrte, drohte Hassan T.: "Give the Girls, give the Girls, sonst Tod."

Hussein A. machte sich gleichzeitig an der jüngeren der beiden Frauen zu schaffen. Er hielt sie fest und versuchte, sie zu küssen. Als sie sich wegdrehte, zwang er ihren Kopf zu sich und leckte ihr am Gesicht hoch. Als sie das Geschehen vor Gericht erzählen muss, kommen ihr die Tränen. Sie ballt die Faust vor ihrem Mund und schluchzt etwas. Dann fängt sie sich wieder.

Die ältere der Frauen wehrte sich zuerst selbst gegen Griffe in ihren Intimbereich und an ihre Handtasche. Auch sie weint und muss ihre Aussage kurz unterbrechen. Dann erzählt sie, wie sie sich wehrte: Sie trat mit ihrem Schuhabsatz auf den Fuß des Angreifers und stieß mit ihrem Ellbogen auf seinen Solarplexus. Kurz überlegte sie, wo ihr Freund ist, entschied sich dann aber, ihrer schwächeren Freundin zu helfen. Sie schaffte es tatsächlich, sich aus dem Klammergriff von Hussein A. zu lösen. Beide Frauen rannten weg aus dem Getümmel. Ihren Freund trafen sie erst später wieder.

Zurück im Hostel schauten die drei auf das Handy und waren sich sicher, dass die Männer auf den Bildern auch die waren, die sie angegriffen hatten. Später erstatteten sie Anzeige.

Die Polizei veröffentlichte Ausschnitte der Fotos im Internet, die Regionalzeitungen druckten sie ab. Die Tatverdächtigen, die sich untereinander nicht kennen, meldeten sich beide freiwillig bei der Polizei.