Christoph Grimm steigt in der Einkaufsstraße von Grevesmühlen aus seinem schwarzen Wagen und besieht sich den kleinen Platz, auf dem er den ganzen Tag Passanten ansprechen will. Es ist Montagmorgen. Grevesmühlen liegt auf halber Strecke zwischen der Landeshauptstadt Schwerin und der Ostsee, doch zu weit entfernt von beidem, um wirtschaftlich zu profitieren.

Die alten Häuser der Straße sind aufwändig renoviert, doch das Schaufenster von Ronny’s Ersatzteile Shop ist leer, daneben werben Friseur, Piercer und Discountmarkt um Kunden. Gegenüber im roten Klinkerbau des ehemals kaiserlichen Postamts arbeitet die Lokalredaktion der Ostsee-Zeitung. Es ist eine typisch-ostdeutsche Kleinstadt: schön saniert, wirtschaftlich am kämpfen.

Es ist neun Uhr morgens. Grimm packt seinen neuen, faltbaren Wahlkampfstand aus, befestigt mit seinem Helfer die Banner daran und platziert einen Aufsteller. 

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Christoph Grimm, 59 Jahre alt, ist Rechtsanwalt und Direktkandidat für die AfD im Wahlkreis Nordwestmecklenburg I. Sein Ziel: Dafür zu sorgen, dass das "Parteienkartell" nicht länger über "das deutsche Volk" herrscht. Er trägt den legeren Chic von Männern im letzten Drittel ihres Lebens: Jackett, Jeans, Lederschuhe. Er spricht langsam, tastet sich durch seine Sätze, betont jede Silbe.

Eigentlich, das hatte sich Grimm vorgenommen, wollte er an diesem Morgen mit Dutzenden Bürgern ins Gespräch kommen. Mit ihnen diskutieren, über Eurorettung, Flüchtlinge und erneuerbare Energien. Doch es verläuft schleppend. Der Himmel ist grau verhangen, immer wieder prasseln Regenschauer nieder.  

Nach jedem Schauer nimmt er einen Putzlappen und tupft sorgfältig seinen Wahlkampfstand trocken. Und kommt jemand vorbei, dann tritt er hervor, sagt "Guten Tag, mein Name ist Christoph Grimm und ich bin der Direktkandidat der AfD". Manch einer bleibt stehen, will aber nicht zuhören, sondern einfach mal reden. Andere winken ab und sagen: "Wir sind nur auf der Durchreise" oder "Meine Stimme haben Sie!"

Doch gegen Mittag kommt plötzlich ein Mitstreiter von Grimm angelaufen und zeigt die Straße hoch auf eine kleine Menschengruppe. In der Mitte der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering von der SPD. Er schlendert die Straße runter und verteilt strahlend Rosen an die Passanten.

Grimm sagt: "Aha, der Sellerie", und strafft sich. 33 Jahre lang war Grimm Mitglied in der SPD. Doch vor drei Jahren trat er aus. Weil er Männern wie Sellering vorwirft, ihm die politische Heimat genommen zu haben. Die Agenda 2010, das sei Verrat gewesen. Und dann die Griechenlandrettung erst. 

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Sie kennen sich nicht persönlich, aber als er näherkommt, geht Christoph Grimm auf Sellering zu, lächelt, streckt ihm die Hand entgegen und stellt sich vor. Er will wahrgenommen werden als Kandidat der Partei, die aus dem Stand stärkste Kraft im Landtag werden könnte. Sellering ergreift die Hand, nickt und wendet sich ab. Von gegenüber aus der Redaktion kommt ein Mann mit Anglerweste und Kamera angelaufen, offensichtlich der Fotograf der Ostsee-Zeitung, und sagt: "Herr Sellering, ein Foto bitte!" 

Sellering und seine Helfer stellen sich lächelnd nebeneinander auf und das ist Grimms Moment. Während die Kamera klickt, schleicht sich Grimm von hinten an Sellering an und spreizt hinter seinem Kopf zwei Finger – Hasenohren und Victory-Zeichen zugleich – über dem Kopf des Ministerpräsidenten. Sellering merkt es nicht. Der Fotograf sagt nichts. Einige Umstehende lächeln. Dann geht der Tross weiter und Grimm zurück an seinen kleinen Stand und lächelt diebisch, auch wenn es ihm peinlich ist, dass wir das gesehen haben. 

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Die halben Stunden tröpfeln dahin, eine Jugendliche in Freiwild-Jogginghose führt ihren Hund vorbei, ein Mitarbeiter des Ordnungsamts kontrolliert die Parktickets, einige Parteikollegen von Grimm verstärken den Stand. Genug Zeit, um dem AfD-Mann einige Fragen zu stellen.

Wir setzen uns auf eine Parkbank neben seinem Stand. "Ein sehr guter Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer hat mich als Schüler politisiert", antwortet Grimm auf die Frage, warum er sich für Politik interessiert. Er wurde 1957 geboren, wuchs in Quickborn in Schleswig-Holstein auf. Nach dem Abitur ging er 1980 nach Hamburg und studierte dort Jura. Es war die Zeit in der Deutschland um seinen moralischen Kompass kämpfte, Franz Josef Strauß' Kanzlerkandidatur und Helmut Kohls geistig-moralische Wende brachten die Hörsäle zum Kochen. Grimm fühlte sich bewegt von den Themen der 68er: Für die Arbeiter, gegen die Bonzen! Er trat den Jusos und der SPD bei, demonstrierte gegen Atomkraft: "In Brokdorf habe ich ganz schön viel Tränengas ins Gesicht bekommen", sagt er. 

Wut auf das Establishment

Jura studierte er, weil er damit die Gesellschaft verändern wollte und an die Demokratie glaubte. Drei Jahre nach der Wende ging er ins ostdeutsche Grevesmühlen, um im Auftrag des Justizministeriums dabei zu helfen, die örtliche Verwaltung aufzubauen. Es ging um die Rückübertragung von Vermögenswerten an ehemalige DDR-Bürger, die in den Westen gegangen waren. 

Doch fünf Jahre später bekam sein Glauben an die Gerechtigkeit in der deutschen Demokratie einen Schlag. Für seine Arbeit für das Justizministerium hatte er freie Mitarbeiterverträge unterschrieben. Nun war das Projekt beendet, und man entsorgte ihn einfach. Zusammen mit anderen Rechtsanwälten klagte er gegen seine Entlassung. Seine Argumentation: Er sei scheinselbstständig gewesen, tatsächlich habe es sich um eine abhängige Beschäftigung gehandelt. Somit habe er Anspruch auf Übernahme. In der ersten Instanz bekam er Recht. In der zweiten und letzten verlor er.

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"Das war politische Justiz. Die wollten uns nicht ewig in ihren Verwaltungen weiterbeschäftigen", sagt Grimm. Und: "Ich bin immer mehr enttäuscht worden von der Juristerei, weil die hehren Prinzipien, von denen ich glaubte, dass sie gelten, immer mehr von der Realität entzaubert wurden."

Als freiberuflicher Anwalt ging er zurück nach Hamburg, doch mittlerweile hatte er in Grevesmühlen seine Frau kennengelernt und ihm war die Konkurrenz in Hamburg zu groß. Er zog nach Dassow und kümmerte sich nun um Familienstreitereien und Verkehrsunfälle. "Auf dem Land ist viel Kleinkram als Anwalt. Ich sag immer, ich bin Fachanwalt für kleine Streitwerte."

All die Jahre blieb er treues SPD-Mitglied, doch 2003 geschah etwas, das ihn von seiner Partei entfremdete. "Die Agenda 2010 war ein Verrat an der Klientel der SPD", sagt Grimm. "Da habe ich die innere Kündigung unterschrieben." Die Agenda 2010, die Arbeiterrechte aushebelte und unzählige Arbeitslose den Jobcentern auslieferte, war die Art von Bonzenpolitik, gegen die er im Studium demonstriert hatte. 

Dann kommt 2010 die Griechenlandkrise und mit ihr die deutschen Forderungen nach Austerität. Er erkennt seine SPD nicht mehr wieder, schreibt Briefe an führende Politiker, engagiert sich sogar noch mal als Schriftführer im Kreis Klützer Winkel. Er will seine Partei nicht aufgeben. 

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Zur gleichen Zeit fängt er an, auf rechtspopulistischen Internetblogs zu surfen: Freie Welt, Kopp Verlag, Politically Incorrect. Die unkomplizierten Thesen bestätigen ihn in seiner Wut auf das Establishment. Auf das Kartell der etablierten Parteien, auf die Bürokraten in Brüssel, die völlig undemokratisch über Europa herrschen.

Im Jahr 2012 ruft er Bernd Lucke an, der damals die ersten Schritte zur Gründung der AfD geht, unterzeichnet einen seiner Aufrufe, startet einen Blog, schreibt Briefe an SPD-Politiker. In seinen Zeilen an Bundespräsident Joachim Gauck scheint bereits der Einfluss der Neuen Rechte durch: "Nur die Aufmerksamen haben doch bislang erkannt, dass die Republik am Vorabend einer Machtergreifung steht. Sie werden sich dann womöglich zu rechtfertigen haben." 

Im Februar 2013 schreibt er an den Bundesvorstand der SPD: "Gerettet werden doch nicht etwa Griechenland, Portugal oder Spanien, gerettet werden auch nicht die dort lebenden Menschen, sondern allein die Gläubiger dieser Länder, also Finanzindustrie, Großkapital und Spekulanten." Und darunter: "Das Parteibuch übersende ich gleichfalls anbei."

Nach seinem Austritt aus der SPD gehört er zu den Gründern der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Und weil er von Anfang an dabei ist, wird er zum Direktkandidaten im Wahlkreis 27 gekürt.

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Eine Frau im grellgelben Pullover kommt zusammen mit ihrer kleinen Tochter an den Wahlkampfstand. Grimm geht hin und begrüßt sie. Die Frau stellt sich als Janette Ressel vor und nach und nach bricht es aus ihr heraus: Früher in der DDR sei die staatliche Kinderbetreuung besser gewesen. Sie ist aufgeregt: "Die Flüchtlinge klauen Klamotten und haben Geld für die neuesten Handys, die Deutsche sich nicht leisten können."

Grimm sieht seine Chance und spult das AfD-Wahlprogramm ab: Grenzkontrollen wieder einführen, damit keine Flüchtlinge mehr kommen. Die Energiewende stoppen. Mehr Geburten in Deutschland. Aber weniger Abiturienten. Klasse statt Masse.

"Es funktionierte ja früher auch"

"Klasse statt Masse?", denke ich und frage mich, wo da noch die Sozialdemokratie ist. Doch Frau Ressel hört zu und wenn Grimm merkt, dass er zu kompliziert wird, hilft er sich mit Schlagworten: "Die Windräder zerschreddern Vögel", sagt er dann und Frau Ressel nickt. Beim Verabschieden sagt sie: "Ich würde die AfD wählen, wenn die das alles durchgesetzt bekommt." 

Grimm ist längst aufgesogen von den Ideen der Neuen Rechten, glaubt fest daran, dass sie das durchgesetzt bekommen müssen und dabei entgehen ihm die inneren Widersprüche der einfachen Lösungen. Eben plädierte er noch für den Abbau von Handelshemmnissen in Europa. Als ich ihn jetzt frage, wie das mit Grenzkontrollen zusammengeht, stutzt er, macht eine lange Pause und überlegt dann laut:

"Also ich stelle mir das gerade vor: Es kommt ein Lkw aus der Schweiz an und derzeit wird er durchgewinkt. Wir würden ihn natürlich stoppen und Stichproben machen müssen: Sind da wirklich Kartons drauf oder irgendwelche Leute, die illegal nach Deutschland einreisen wollen? Also ja: Grenzen zu heißt auch Waren kontrollieren." Würde das nicht zu kilometerlangen Staus führen? "Es funktionierte ja früher auch."

Außerdem wäre es das wert, denn Flüchtlinge, erklärt er, bedrohten den sozialen Frieden. Bei der NPD hingegen verrenkt er sich. "Die NPD ist immer noch eine in der Demokratie zugelassene Partei", sagt er. Im Kreistag von Nordwestmecklenburg, in dem er seit zwei Jahren für die AfD sitzt, setzte er sich dafür ein, dass Anträge der NPD unterstützt werden. Alle anderen Parteien schlossen das bisher kategorisch aus.

Früher kämpfte er gegen Kohl und Strauß, jetzt ist er in der gleichen Partei wie Ralph Weber, Jura-Professor aus Greifswald, der in einer Vorlesung ein T-Shirt von der Neonazi-Marke Thor Steinar trug. "Ich kenne Professor Weber. Es ist doch sein gutes Recht, diese Thor-Steinar-Kleidung anzuziehen", sagt Grimm.

Der Jura-Professor promovierte kürzlich den früheren Sänger der Band Hassgesang, Maik Bunzel. Ins Mikrofon brüllte der: "Adolf Hitler, im Kampf für unser Land. Adolf Hitler, sein Werk verteufelt und verkannt. Adolf Hitler, du machtest es uns vor. Adolf Hitler, Sieg Heil tönt es zu dir empor."

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Grimm, der gegen 13 Uhr beschließt seinen Wahlkampfstand einzupacken, studierte Jura, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Erobert die AfD nur halb so viele Stimmen wie prognostiziert, dann wird er am 4. September Berufspolitiker und will dann für mehr direkte Demokratie kämpfen, denn: "Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verfolgen den geheimen Plan, dass sich die Nation Deutschland in Europa auflöst, wie ein Stück Würfelzucker im Kaffee."

In seinem Wahlkampfspot guckt er mit festem Blick in die Kamera und sagt: "Mein Herz schlägt immer noch links."

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