In Turner überschlagen sich die Gefühle, er muss weinen, verlässt kurz den Bahnhof. Einerseits ist er gerührt, dass sich die Deutschen in dieser Lage so begeistert zeigen. Aber es bohren auch Fragen in ihm: Was passiert hier eigentlich? Wie geht es weiter? Was will die Bundesregierung? Machen wir den Flüchtlingen falsche Hoffnungen? Werden sie verarscht? Zeit zum Nachdenken hat Turner nicht. Plötzlich kommt ein Zug nach dem anderen, die Zahl der ankommenden Flüchtlinge geht an diesem Nachmittag in München schon bald in die Tausende.

Bis heute denkt Turner an den verletzten Jungen

Später kommen am Bahnhof die Läufer von der Autobahn aus Ungarn an. Müde Menschen schieben sich entlang der Absperrgitter Richtung Sammelstelle, wo Ärzte in Zelten die medizinischen Screenings durchführen. Turner sieht im Strom eine Familie, Vater, Mutter, drei Kinder, den Jüngsten, etwa vier Jahre alt, trägt der Vater auf dem Arm, die Füße des Kleinen sind mit Mullbinden umwickelt.

Verletzte Kinder sollen zuallererst behandelt werden, deshalb leitet Turner die Familie an den Massen vorbei direkt zum Ärztezelt auf dem Vorplatz, er nimmt dem Vater den verletzten Jungen ab und trägt ihn den restlichen Weg. Mit der Familie verständigen kann er sich nicht. Was ist mit dem Jungen, denkt Turner. Wie dramatisch war das, was er erlebt hat? Ein paar Minuten später setzt er die Familie am Ärztezelt ab. Er sieht sie nie wieder.

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Viele Helfer wären sofort wieder "aktivierbar"

An diesen Jungen und daran, was wohl aus ihm wurde, müsse er bis heute oft denken, sagt Turner ein knappes Jahr später im Ladenbüro eines Flüchtlingsvereins nahe dem Münchner Hauptbahnhof. Nach und nach kamen weniger Geflüchtete in München an, doch Turner hat mit der Flüchtlingsarbeit weitergemacht. Inzwischen gebe es 4.000 freiwillige Unterstützer für den Verein, sagt er. Viele von ihnen wären sofort "aktivierbar". Als Turner das erzählt, klingt er ein bisschen stolz.

Was war für ihn das Besondere am Spätsommer 2015? "Es war so faszinierend zu sehen, was man zusammen schaffen kann", sagt Turner. Geärgert hat ihn, dass Politiker wie der CSU-Chef Horst Seehofer immer wieder behauptet hatten, die freiwilligen Helfer seien völlig ausgebrannt und könnten nicht noch mehr Flüchtlinge versorgen. "Das stimmte überhaupt nicht! Wir haben immer im Schichtdienst gearbeitet und auf unsere Kräfte geachtet, niemand musste den Burn-out fürchten", sagt Turner. "Wir hatten den Eindruck, dass wir von Seehofer und anderen instrumentalisiert werden sollten."

Instrumentalisiert gegen Angela Merkel und ihre Entscheidung, die Grenzen zu öffnen. Turner fand und findet diese Entscheidung richtig. Seine Erfahrung an jenem historischen Septemberwochenende hat ihm gezeigt: "Es geht doch ganz viel!"

Lesen Sie in der Titelgeschichte der ZEIT vom 18.08.2016, wie es zu der Entscheidung vom 4. September kam, Tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.