Knapp ein Jahr später sitzt der österreichische Polizeileutnant Manfred Schreiner, 44, Glatze, sportliche Figur, wieder vor dem Fenster, aus dem er so oft schaute in jenen Tagen. Fassungslos, erstaunt, bewegt. Das Fenster liegt im ersten Stock der Polizeiinspektion Nickelsdorf, gleich dahinter beginnt ungarisches Staatsgebiet. Das Land ist flach und weit hier, hoch steht das Gras.

Rund 500 Meter Luftlinie von Schreiner entfernt liegt die ungarische Grenzstation Hegyeshalom. Von hier führt eine Trasse für Autos und LKWs nach Österreich. Heute ist es ruhig hier, ein paar Autos zuckeln durch die Sommerhitze. Fast nichts erinnert mehr an das Wochenende vom 4. bis 6. September vergangenen Jahres und die aufregenden Wochen danach.

Als Schreiner am 4. September 2015 um 17 Uhr seinen Dienst antritt, erwartet er eine ruhige Schicht. Er arbeitet seit 24 Jahren bei der Polizei, an diesem Abend ist er als stellvertretender Leiter der Nachtschicht eingeteilt. Seit man am 27. August am Rande der Autobahn im Burgenland 71 Leichen in einem Lastwagen fand, sollen Schreiner und seine 60 Beamten verstärkt kontrollieren. Doch das ist an jenem Abend schon fast Routine. Nichts deutet darauf hin, dass dies die längste und aufregendste Nacht im Polizistenleben von Leutnant Schreiner werden wird. Erst nach 24 Stunden im Dauereinsatz wird er wieder nach Hause gehen. 

Gegen Mitternacht meldet sich die Einsatzleitung in Wien bei ihm. Eine größere Zahl von Flüchtlingen nähere sich dem österreichisches Bundesgebiet, Richtung Nickelsdorf. Schreiner und seine Leute sollen sich auf 60 Busse einstellen. 3.000 Menschen.

Es ist der Freitag, an dem sich die Flüchtlinge, die auf dem Budapester Bahnhof festsaßen, zu Fuß in den Westen aufmachen, der sogenannte March of Hope. Der Freitag, an dem der ungarische Premier Victor Orbán die Flüchtlinge in Busse Richtung österreichische Grenze setzt, bevor er zu einem Fußballspiel geht – die Österreicher informiert er über diesen Schritt durch eine Depesche des ungarischen Botschafters in Wien. Die Flüchtlinge würden nach dem Grenzübertritt von österreichischen Bussen abgeholt, teilt die Einsatzleitung Schreiner mit.  Nähere Anweisungen gibt es nicht, auch keine Verstärkung. Schreiner informiert seine Beamten.  

Gegen 3 Uhr nachts kommt der erste Bus auf der ungarischen Seite in Hegyeshalom an. Es ist ein Bus voller junger Männer, die anderen Flüchtlinge haben sie vorausgeschickt, die Lage zu sondieren. Erst als sie ihr Okay geben, setzen sich auch Familien in die Busse. Die Menschen müssen zu Fuß über die LKW-Spur nach Nickelsdorf gehen. "Es hat in Strömen geregnet, es war wie in einem schlechten Film", sagt Schreiner. Kinder, Behinderte, Verletzte sind darunter, Schreiner denkt an seine eigenen Kinder und spürt Mitleid. "Die Menschen waren sehr erschöpft. Apathisch. Den einen war kalt, die anderen hatten Hunger."

Erst im Morgengrauen bekommen Schreiner und seine Leute Verstärkung. Der Parkplatz füllt sich unterdessen mit österreichischen Bussen, "eine ganze Karawane", die die Flüchtlinge nach Wien bringen sollen. Taxis fahren vor, Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer bauen Zelte und Stände auf. Schreiner und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun. Einige Flüchtlinge wollen zu Fuß weiter nach Wien laufen, über die Autobahn, die Polizisten müssen sie sperren. Die Flüchtlinge haben fast ausnahmslos ein Ziel: Germany. "In Nickelsdorf wollten sie nicht bleiben." Junge Männer rennen auf die Busse zu, drängeln Kinder und Alte beiseite. "Jeder wollte der Erste sein, das hatte etwas von einem untergehenden Schiff, jeder kämpft für sich. Da musste man darauf achten, dass niemand unter die Räder kam, dass sie sich nicht schlugen beim Sturm auf die Busse, dass keiner auf die Autobahn trudelte." An Personenkontrollen ist nicht zu denken. "Einerseits ist es problematisch, Personen unkontrolliert ins Bundesgebiet zu lassen, da hat man als Polizist das entsprechende Rechtsbewusstsein", sagt Schreiner. "Aber aus humanitären Überlegungen wäre das einfach nicht gegangen."

Lesen Sie in der Titelgeschichte der ZEIT vom 18.08.2016, wie es zu der Entscheidung vom 4. September kam, Tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen.

Immer wieder läuft er nach oben, in den ersten Stock der Polizeistation und schaut durch die Fenster. Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab. "Wann immer man rausgesehen hat, morgens, mittags oder abends, da waren so viele Menschen. Es war wie ein Standbild." Das wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern. Und irgendwann kommt Schreiner ein Gedanke: "Das ist jetzt historisch."

Drei Wochen bleibt Schreiner auf Sondereinsatz in Nickelsdorf. Der Grenzzaun, den Victor Orbán an seiner Ostgrenze bauen lässt, wächst unterdessen weiter, Mitte September erlässt Ungarn zudem ein neues Gesetz: Wer ohne Registrierung die Grenze überschreitet, muss mit einer Haftstrafe rechnen. Der Weg über Ungarn wird für die Flüchtlinge zu mühsam und gefährlich. Sie weichen auf die Westbalkanroute aus, überqueren die österreichische Grenze bei Spielfeld in der Südsteiermark.