Die einzigen Bundesländer, die zahlenmäßig herausstechen, sind Nordrhein-Westfalen und Bayern. Sie sind zugleich die bevölkerungsreichsten Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen etwa wurden nach einer einmaligen Datenbankauswertung 188 verheiratete Flüchtlingsmädchen festgestellt. Davon waren zum Zeitpunkt der Einreise etwa 21 zwischen 14 und 15 Jahre alt, der Rest war über 16. Noch jüngere Verheiratete, also die viel beschworenen Kinderbräute, gab es keine.

Dagegen wurden in Bayern 711 Fälle von verheirateten minderjährigen Asylbewerberinnen festgestellt, 161 davon waren unter 16 Jahre alt. Ob es darunter auch Kinder gab, wurde nicht erhoben. Auch so sind die Zahlen laut Ulrike Roider, Pressesprecherin des Bayerischen Justizministeriums, nur eingeschränkt belastbar. "Sie beruhen oft nur auf Angaben der Betroffenen und sind nicht durch entsprechende Dokumente belegt", so Roider. Hinzu komme, dass Angaben zum Familienstand nicht verpflichtend seien und bei fehlenden Erkenntnissen keine Eintragung erfolge.

In Baden-Württemberg soll es laut der Welt 177 minderjährige Flüchtlingsehefrauen geben, allerdings konnten weder das Justiz, noch das Innen- oder Sozialministerium in Baden-Württemberg diese Zahl bestätigen.

Bedenkliche Momentaufnahme

Trotz der relativ geringen offiziellen Fallzahlen nehmen sich Bund und Länder bald des Phänomens an. Nur weil Kinderehen nicht statistisch vollständig erfasst sind, muss das nicht bedeuten, dass es keine gibt. Denkbar wäre ein hohe Dunkelziffer. Ab dem 5. September wird es eine Arbeitsgruppe geben, die das Ausmaß feststellen soll. Die Initiative kam unter anderem aus Nordrhein-Westfalen. "Die Momentaufnahme gab zu denken", sagt der stellvertretende Pressesprecher des Justizministeriums Marcus Strunk.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF steigt die Zahl von Kindesheiraten in Flüchtlingslagern in der Türkei, Syrien und Jordanien, also in Ländern, aus denen zuletzt viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Eltern stimmten dort einer frühen Zwangsheirat aus Finanz- oder Sicherheitsgründen zu. Diese verletze jedoch fundamentale Frauen- und Kinderrechte, denn die älteren Männer würden häufig die Not der Familien ausnutzen, so UNICEF. Auch die Hilfsorganisation SOS Kinderdörfer berichtet von mehr Kinder- und Zwangsehen in Krisengebieten. Vor dem Krieg in Syrien seien bei 13 Prozent aller Hochzeiten einer oder beide Ehepartner minderjährig gewesen. Nun seien es über 51 Prozent.

Strunk fordert, dass Deutschland als Rechtsstaat den Betroffenen Hilfe anbieten müsse und keine Ehen anerkennen dürfe, "die für die junge Mädchen und Frauen nichts anderes als ein Albtraum" gewesen seien. Stattdessen bräuchten Gerichte klare Regeln, wann eine im Ausland geschlossene Ehe mit hiesigen Werten in Einklang stehe und anzuerkennen sei. "Das Heiratsalter ist dafür ein wichtiges Indiz", so Strunk.

*Name von der Redaktion geändert