Der DJ dreht den nächsten Hit auf, packt das Mikrofon, brüllt: "Jetzt noch mal alle Hände in die Höhe", das Publikum streckt die Arme ins pinke Scheinwerferlicht, wiegt die Köpfe und Dana möchte nirgendwo anders sein auf der Welt als hier auf dem Hansefest in Anklam am Ufer der Peene.

In Jeansjacke kommt sie aus der Menge gelaufen und schaut mir ins Notizbuch: "Was schreibst du da?", fragt sie. "Wir schreiben eine Reportage über das Leben junger Leute in Anklam. Hast du Lust, mir etwas zu erzählen?", sage ich. Wir gehen ein Stück weg von den Lautsprechern und setzen uns zwischen einer Cocktailbar und einer Bratwurstbude auf zwei Bierbänke.

"Anklam ist einfach eine tolle Stadt", sagt die 29-Jährige und zählt die Vorteile auf: Einmal im Monat gibt es einen Flohmarkt, es wird immer sauberer, der Marktplatz wurde saniert.

Dana hat drei Jahre lang Tabak in einem kleinen Laden verkauft und ihre Arbeit geliebt. Doch vor Kurzem trennte sie sich von ihrem Ehemann, das Geld ist etwas knapp. "Jetzt kellnere ich in Neubrandenburg in einem Eiscafé", sagt sie mit Bedauern. "Aber da verdiene ich mehr. Man will seiner Tochter ja auch was bieten."

Kurz bevor ihre Mutter kommt und wir uns verabschieden, sagt sie nochmal: "Ich bin so gerne in Anklam, einfach weil ich jeden hier kenne."

"Die Jungen hauen alle ab"

Vor einer Woche rumpelten wir mit einem Bäckerei-Truck durch Anklams Umland und begegneten vor allem älteren Menschen, die die großen Entscheidungen ihres Lebens schon getroffen hatten. 1990 lebten 19.000 Menschen in Anklam, heute sind es knapp 13.000, auf den Dörfern sieht es noch düsterer aus. "Die Jungen hauen alle ab", hieß es.

Bei der Landtagswahl 2011 wählten überdurchschnittlich viele Menschen unter 34 Jahren die NPD, unter Hauptschulabgängern jeder Dritte, die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent. Wovon träumen junge Menschen in so einer Gegend? Wir fragen Jungs, die in weiten Shirts am Autoscooter rumstehen, Mädels mit blondierten Haaren, die Handyfotos schießen und hören oft, dass sie nur von einem träumen: in Anklam bleiben.

Manuel Köhn sitzt mit seinen Freunden etwas abseits der Technobühne, die mit ihren hohen Traversen und Boxentürmen den Potsdamer Platz in Berlin bespielen könnte, der DJ remixt das Beste der Achtziger, Neunziger und Zweitausender, gerade brüllt Kurt Cobain zu hämmernden Bässen:

I like it, I'm not gonna crack
I miss you, I'm not gonna crack
I love you, I'm not gonna crack
I killed you, I'm not gonna crack

Zwei Jungs springen auf der Tanzfläche Arm in Arm im Kreis und brüllen den Text, der gut zu Manuels Verhältnis zu Anklam passt. Der 19-Jährige will nicht im Tabakladen oder beim Discounter hinter der Kasse stehen wie Dana. Er will nicht irgendetwas verkaufen, sondern Autos. Aber für solche Wünsche ist in Anklam wenig Platz.

Vor einem Monat hat er seine Ausbildung als Automobilkaufmann abgeschlossen und schreibt seitdem Bewerbungen. "20 Stück bis jetzt, aber ist noch nichts zurückgekommen", sagt er. Weggehen will er auch nicht. Wird er aber vielleicht.