Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zwei Meldungen vorab!

Erstens: Wir freuen uns, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mitteilen zu können, dass in der vergangenen Woche der Verein für Reinhaltung von Sprache, Meinung und Zitierung (RSMZ) gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder entstammen höchsten Kreisen der Presse (3), der Justiz (2) sowie der Psychiatrie (1). Der Verein ist gemeinnützig und hat sich zum Ziel gesetzt, Schmutz und Schund in Kolumnen aufzuspüren, allenthalben für Mäßigung zu sorgen und der Erwähnung sekundärer oder gar primärer Geschlechtsmerkmale ein Ende zu setzen.

Der Kolumnist unterstützt diese Bemühung selbstverständlich vorbehaltlos. Insbesondere, da ihm kürzlich von einem alten Zigeuner prophezeit wurde, er werde unter dieser Voraussetzung ruhigen Herzens in Pension gehen dürfen. Von nun an wird er deshalb gnadenlos an den Gutachterausschuss des RSMZ melden, was ausgemerzt gehört!

Zweitens: In der vergangenen Woche haben wir aus den Medien – unter anderem – Folgendes gelernt: dass die strafprozessuale Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Terrorismus sei (Quelle: CDU plus Weltpresse), dass allen Schweinen der Schwanz (Achtung, FAZ!) abgeschnitten gehöre (Quelle: Lohfink, Weltpresse), und dass, falls Hillary C. Präsidentin werden sollte, allenfalls noch die National Rifle Association etwas gegen die Ernennung eines linksextremistischen Obersten Bundesrichters unternehmen könne (Quelle: Entenhausener Kurier). Man könnte das für Nachrichten aus einer Welt des Wahns halten. Sie stammen aber, wie die Quellen belegen, aus den Zentren zivilisatorischer Vernunft. 

Preisverleihung

Den Kolumnistenpreis für den erhellendsten Beitrag der Woche erhält diesmal der Deutschlandfunk für ein bizarres Interview vom 9. August zwischen dem Moderator Tobias Armbrüster und der Journalistin Gisela Friedrichsen über die bevorstehende Entlassung des Strafgefangenen Dieter Degowski ("Gladbecker Geiseldrama") nach 30 Jahren Haftzeit (nachzuhören in der DLF-Mediathek).

Erinnern Sie sich noch an das Satire-Format Zwei Stühle – eine Meinung von Wigald Boning/Olli Dittrich? Die Gesprächspartner Armbrüster/Friedrichsen stellten es in vortrefflicher Weise nach und fügten jene Prise trauriger Bedeutsamkeit hinzu, die wir uns vom öffentlich-rechtlichen Programm erwarten dürfen. Es sprechen zwei Menschen zehn Minuten aneinander vorbei, ohne es sich anmerken zu lassen. Herr A. versucht, aus Frau F. die Antwort herauszuquetschen, 30 Jahre Haft seien noch nicht genug. Frau F. antwortet, 30 Jahre seien schon viel zu viel. Trotzdem kämpfen beide tapfer für dasselbe Ziel: Degowski auf keinen Fall zu entlassen. Herr A. meint: Weil D. ein so gefährlicher Mensch sei. Frau F. meint: Weil er aufgrund der langen Haft noch gefährlicher sei als vorher.

Die bemerkenswerte neue Theorie der Sachverständigen Friedrichsen, die da lautet: "Je länger einer sitzt, desto länger muss er weitersitzen" (ab zwölf Jahren hilft nur noch lebenslang) drängt nun die eine oder andere Nachfrage auf. Herr Armbrüster versucht ein schüchternes "Dann dürfte man ja nach langer Haft niemanden mehr rauslassen". Derlei Querschüsse überhört die Gefragte mit der ihr eigenen Routine. Sie äußert ein paar Wehs und Achs, wie sie vom Erblasser des justizgewidmeten Klagegesangs, Gerhard Mauz, auf sie und uns gekommen sind. So versinkt die einzig interessante Frage im Eifer des Moderators, Frau F. zur Schilderung imaginierter Gefahren zu bewegen ("Was könnte passieren?"), die der Gesellschaft nun drohen. Am Ende steht nicht Erkenntnis, jedoch ein klares Ergebnis: Weder Interviewer noch Interviewte haben die geringste Kenntnis vom Fall Degowski. Und danach sieht für es Herrn D.’s Prognose richtig schlecht aus. Für diese Analyse ein herzliches Dankeschön an den DLF!  

Zurück zur Psychiatrie

Wo waren wir stehengeblieben? Die Diskussionen der vergangenen Woche im Kommentarforum zu dieser Kolumne haben mich irritiert: Recht viele Kommentatoren haben, so schien mir, nicht wirklich verstanden, dass die Kolumne nicht einer Definition des Wahnsinns gewidmet war, sondern einer Erforschung ihrer eigenen Vorstellung davon, was der Wahnsinn mit dem Recht überhaupt zu tun hat. Insofern war es rührend zu lesen, wie im Forum die Protagonisten der verschiedensten Wahn-Fraktionen einander mit Verachtung, Belehrung und fern liegender Assoziation traktierten.

Gleichwohl: Dass "Wahn" und Paragraf 20 Strafgesetzbuch nicht deckungsgleich sind, war eine der Botschaften der letzten Folge. Was Wahn ist, ist eine Frage der gesellschaftlichen Verständigung. Was Schuld ist, ebenfalls. Trotzdem haben beide Verständigungen nur indirekt miteinander zu tun. Und Paragraf 20 StGB ist selbstverständlich mit dem "Wahn" nicht erledigt. Im Gegenteil: Dieser kommt ja im Wortlaut des Gesetzes gar nicht vor.

Was ist Wahn?

Glaube und Wahn

Es gibt sehr viele Menschen, welche die psychische Gewissheit, es gebe eine mit Selbstbewusstsein erfüllte Macht jenseits des menschlicher Erkenntnis zugänglichen Raums, die – direkt und unmittelbar – Einfluss auf das konkrete Leben des Individuums nehmen wolle und könne, für puren Wahn halten. Nach allen wissenschaftlichen Kriterien, die mir für die Definition dieses Begriffs bekannt sind, trifft das auch zu. Trotzdem wäre es fernliegend, jeden Menschen, der sich als Christ, Moslem oder Hindu "definiert" (was immer das heißen mag), als behandlungsbedürftigen Wahnkranken anzusehen.

Die Sache ist vertrackter: Nicht nur ist die Anzahl der Menschen, die an Götter glauben, mindestens ebenso hoch wie die Zahl der Nicht-Glaubenden. Sondern die Glaubenden übernehmen seit jeher selbstverständlich auch die Argumente der Nicht-Glaubenden und integrieren sie in ihr Seins-Verständnis. Es bereitet einem katholischen Bischof keinerlei Schwierigkeit, einen Menschen als "außerhalb" jeder irdischen Verantwortlichkeit (und daher "wahnkrank" und daher wohl "schuldunfähig") anzusehen, dem immer freitags nachts um drei ein Märtyrer erscheint, um ihm die Lottozahlen der kommenden Ziehung zu verkünden. Derselbe Bischof hält es für eine gotteslästerliche Lüge, zu behaupten, jener Märtyrer sei nicht durch den Heiligen Geist, sondern durch die Umstände seines irdischen Schicksals, gewürzt mit ein bisschen histrionischem Fanatismus, einer Prise Hungerfantasie und einer gehörigen Dosis Borderlinestörung, zur Selbstopferung im Kampf gegen den Teufel bewegt worden.

Dass menschliche Ratio dies nicht zu erfassen vermag, gilt den Gläubigen als Beweis der Wunderkraft ihres Bemühens, es zu glauben. Je abstruser das Narrativ, desto größer muss wohl die Kraft sein, es zu glauben. Auf diese Weise bauen alle Gläubigen der Welt seit jeher das Wunder des Wahns in den Begriff ihres Gottes mit ein. So fügt sich auf wunderbare Weise, quod erat demonstrandum. Psychiater sagen zu solchen Konstrukten: geschlossenes Wahnsystem. 

Zwei Fragen

Frage eins: Kennen Sie, verehrte Leser(innen), den Unterschied zwischen bipolarer und Borderlinestörung? Ja? Alle Achtung! Damit liegen Sie schon einmal über dem Durchschnitt der in Deutschland bei Gericht tätigen forensisch-psychiatrischen Sachverständigen.

Von den Richtern, die mit diesen Begriffen um sich werfen, dass es nur so spritzt, ganz zu schweigen. Ich rege einen Test an (als amtlich anerkannter Nestchenbeschmutzer – Obacht FAZ! – darf ich das): Aufforderung an 800 Strafrichter, 100 Staatsanwälte und 100 Strafverteidiger, binnen 60 Minuten ohne Hilfsmittel die wesentlichen Unterschiede zwischen dissozialer, gemischter, narzisstischer, borderlinerischer und bipolarer Persönlichkeitsstörung im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Straftaten nach den Paragrafen 249 ff. und 174 ff. StGB zu skizzieren. Meine drei Prognosen:

1) 95 Prozent verweigern die Teilnahme am Test. Davon die Hälfte mit der Begründung, es komme sowieso immer auf eine Gesamtwürdigung an. Die andere Hälfte mit der Begründung, es handle sich offenbar um eine heimtückische Aktion der Gegner von Recht und Ordnung; im Übrigen habe man genug Akten zu bearbeiten und wahrlich keine Zeit, Fragebögen auszufüllen.

2) Auf Nachfrage an die erste Hälfte, welche Kriterien für die "Gesamtwürdigung" von Belang seien, schließen sich 100 Prozent dieser Hälfte der zweiten an.

3) Am nächsten Arbeitstag fahren 100 Prozent der Befragten fort, das zu tun, was sie schon immer taten. Die Revisionsrichter unter ihnen konzipieren neueste Fortbildungsveranstaltungen für die notorisch fortzubildenden Tatrichter zum Thema "Schuldfähigkeitsbeurteilung in der neuen Rechtsprechung". Den Tatrichtern ist’s egal: Sie sind so "erfahren", dass sie auf Belehrung verzichten können wie die Katze auf die Warnung vor dem Hunde. Mit anderen Worten: Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Frage zwei: Können Sie den Unterschied auch erkennen, wenn er Ihnen in der Straßenbahn, am Arbeitsplatz oder im Gerichtssaal begegnet? Nein? Dann scheiden Sie als Einwechsel-Sachverständiger schon wieder aus. Wikipedia ersetzt ein Fachstudium noch nicht ganz.

Eine Antwort (beispielhaft)

Der Bipolare, er macht es sich und uns schwer. Mal gründet er drei Aktiengesellschaften in zwei Tagen, mal liegt er ermattet herum und verzweifelt an einer Packung verschimmeltem Leberkäs. Früher hieß der Bipolare "Manisch-Depressiver". Man lernte im Jurastudium 1980 ff., dies sei eine Erscheinungsform des Wahnsinns mit "postuliert organischer Ursache". Letzteres ist aus der Sicht des Paragrafen 20 StGB eine gute Nachricht, denn nichts liebt die forensische Psychiatrie so sehr wie eine "organische" Ursache: Eine ordentliche Hirnquetschung (compressio cerebri); eine vom Gynäkologen dokumentierte Sauerstoffknappheit unter der Geburt, einen Tumor im Frontallappen, im MRT schön herausgearbeitet; eine glasklar dokumentierte Hirnhautentzündung nach Zeckenbiss im Kleinkindalter. Da weiß man, was man hat. Der Wahnsinn kann kommen, niemand ist überrascht. Ich meine das kaum ironisch: Auch dem Motorradmechaniker ist eine gerissene Steuerkette als Diagnose lieber als ein Druckverlust ohne erkennbare Ursache.

Der Borderliner weiß immer alles ganz genau. Insbesondere die Borderliner_in, die rätselhafterweise die Population dominiert. Ratschlag an alle frisch geschiedenen männlichen Middleager mit Account bei ElitePartner: Ungefähr zehn Minuten nach Beginn des Kennenlerndinners weiß die Borderlinerin, dass Sie die wirklich große Liebe ihres Lebens sind. Nach 15 Tagen kommt auf Feuerflügeln die Erkenntnis des Gegenteils: Ab da haben Sie keine Chance mehr. Sie sollten sie auch nicht länger suchen, denn in den zwei Wochen davor war’s doch wirklich sensationell!

Mein Ratschlag verhallt, ich befürchte es, auch diesmal ungehört. Grund dafür könnte sein, dass Menschen des angesprochenen Kreises entweder selbst Borderliner sind oder Borderliner magisch anziehen, was ein Resultat des traurigen Umstands sein könnte, dass sie eine entweder narzisstische oder dependente Persönlichkeitsstörung aufweisen. Notfalls eine gemischt dominant-dependent-narzisstische. Wie Curd Jürgens vielleicht in Meines Vaters Pferde, Teil eins, 1953 (in jeglicher Hinsicht ein Höhepunkt des cineastischen Schrotts).

Wie auch immer: Ich hoffe für Sie, dass Sie sich in den zwei Wochen zwischen Verschmelzung und Strafanzeige wegen Stalkings nicht schon zum Hausbau und für das dritte Kind entschieden haben, wozu namentlich der unerfahrene oder der in der Krise der späten Vierziger befindliche abendländische Mann vor lauter Begeisterung über den kosten- und emotionsgünstigen Neuanfang leider sehr neigt. Trost: Es wird teuer, geht aber vorbei. Kaufen Sie sich ein Buch über den alternden Mann.

"Krank" können immer nur wenige sein

Ein Fall …

Spaß beiseite: Ist die Durchdringung unserer Alltagskultur mit dem Vokabular und den imaginierten Bildern der Psychiatrie ein Zeichen des Fortschritts, der Hilflosigkeit, der Wichtigtuerei, der Erkenntnis, oder am Ende gar nur einer ratlosen Kunst? Wie sieht es in der forensischen Wirklichkeit aus?

Nehmen wir, nach guter Juristentradition, einfach einen frei erfundenen Fall:

Herr A., Frührentner ohne Migrationshintergrund, jedoch mit Diabetes Typ zwei, verwitwet, steht morgens auf, frühstückt, nimmt ein Kochmesser, begibt sich zu B., Nachbar, Ladeninhaber mit Migrationshintergrund, und ersticht ihn ohne Vorwarnung. Er wird festgenommen.

Variante a): A. sagt, er habe im Auftrag des Erzengels Gabriel gehandelt, der ihn angewiesen habe, B., einen ortsbekannten Teufel, zu töten;

Variante b): A. sagt, er handle im Namen des Kalifen des Islamischen Gottesstaats. Der Prophet habe den Auftrag erteilt, Teufel zu töten. Und B. habe ständig Pornomagazine angeschaut.

Variante c): A. sagt, er habe im Namen des deutschen Blutes gehandelt, um durch die Tötung des Fremdländers B. den bewaffneten Kampf gegen die Rassenvermischung in Deutschland zu eröffnen.

Variante d): A. sagt, der B. habe jede Nacht drei Stunden lang in Originallautstärke Highway to Hell von ACDC laufen lassen. Man habe dem ein Ende setzen müssen.

Sie sind der/die zuständige Staatsanwalt/in. Bitte fertigen Sie bis Dienstschluss ein Kurzgutachten zur Frage, ob die Einholung eines Sachverständigengutachtens zur Schuldfähigkeit erforderlich ist!

… unter vielen

Nicht ganz einfach, gell? Es handelt sich, liebe Leser, bei den Varianten a) bis d) um einen schmalen Ausschnitt dessen, was die Wirklichkeit täglich in die Kanäle der Strafjustiz schwemmt. Es würde mir keine Schwierigkeit bereiten, die Liste um 50 Varianten allein aus dem Fundus der letzten zwei Jahre Revisionsrecht zu ergänzen.
Sogar die Opfersicht kann ich beisteuern: Bei einem Vortrag im Audimax einer Universität vor ungefähr 400 Zuhörern trat ein junger Mann auf den Kolumnisten zu. Ohne Vorwarnung versetzte er ihm einen wuchtigen Faustschlag aufs Ohr und prügelte weiter auf ihn ein. Er konnte überwältigt und der Vortrag fortgesetzt werden. Der Täter erklärte: Er habe einen beliebigen hohen Repräsentanten des Staats vernichten wollen, um ein Fanal zu setzen und einen Volksaufstand zu initiieren. Das deutsche Volk werde vergiftet, gelenkt, geschädigt, untergraben. Die Bereitschaft des Kolumnisten zur Putativnotwehr ist seit jener Veranstaltung etwas gestiegen.

Krieg oder Krankheit?

Was machen wir mit Herrn A.? Die sogenannten "pragmatisch Erfahrenen" sagen: In allen Fällen Begutachtung (Motto: Eh ich mir später was vorwerfen lasse … kostet ja nicht mein Geld). So meine ich das aber nicht. Ich möchte Sie dazu anregen, sich die Fallvarianten genau unter dem Gesichtspunkt anzuschauen, wo für Ihre, unsere, die allgemeine oder die normativ-gesetzliche Grundauffassung von Regel und Ausnahme, Vernunft und Unvernunft, Gesundheit und Krankheit, Verantwortlichkeit und Schuldlosigkeit die Unterschiede zu machen sind.

Ich verrate meine eigene Prognose: Varianten a) und d) ja; Varianten b) und c) nein. Ich gebe Ihnen ein paar Gründe:

Variante a) und Variante b) unterscheiden sich im Kern nur wenig, in der kulturellen Einordnung hingegen sehr. Bei Variante a) kann jeder Bürger einen Vergleich anstellen zwischen der Wirklichkeitserfahrung seines eigenen Lebens und der Behauptung des Beschuldigten. Ergebnis: Die Berufung auf den Erzengel ist in der Welt der Bundesrepublik 2016 nur mehr als "wahnhaft", krank, "verrückt" zu definieren.

Anders Variante b): Die Berufung auf angeblich bindende Anleitungen des "Propheten" eines angeblichen "Kalifen" eines angeblichen Gottesstaats erscheint dem Bürger der BRD (neuerdings) nicht mehr als Ausdruck einer Wahnerkrankung, sondern als Zeichen erheblicher krimineller Energie. Die Anzahl der potenziellen Täter, die sich auf dieses Motiv berufen, ist zu groß, ihre kulturelle und emotionale Einordnung zu fremd, um ihnen das Privileg der "Krankheit" zuzugestehen.

Erkenntnis: "Krank" können immer nur wenige sein. Den Wahn definieren wir kulturübergreifend als "Ausnahme" von der Regel. Wenn alle verrückt sind – Nationalsozialismus -, sind also nicht alle krank, sondern alle schuldig.

Die Gnade der späten Geburt

Randbemerkung

Hoppla! Hab ich da was Falsches gesagt? Hatten wir das nicht in diesem speziellen Fall gerade umgekehrt geregelt mithilfe unserer Therapeuten der Nachkriegsjustiz? Ich fürchte: ja. Da waren wir doch übereingekommen, dass 80 Millionen Menschen von einer vorübergehenden Wahnkrankheit befallen waren, die von einem aus Österreich eingeschleppten Virus ausgelöst wurde. Unschuldige Kranke, "Verblendete", Opfer unermesslicher Selbsttäuschung, als da waren Herren wie Globke, Lübke, Weinkauff, Carstens, Kiesinger und zehntausend andere, führten, nachdem Stabsarzt Josef Stalin sie von der Krankheit befreit hatte, die  Bundesrepublik ab 1949 in den Kreis der untadelig Gesunden zurück.

Der erste Präsident des Bundesgerichtshofs, zuvor Beisitzer des Blutschutzsenats, Ehrendoktor seit 1951, war 1953 derart geheilt, dass er den tragenden Gründen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Dezember 1953 (BVerfGE 3, S. 58), mit dem die Verfassungsbeschwerde von ehemaligen Gestapo-Beamten gegen das Erlöschen ihres Beamtenverhältnisses verworfen wurde, mitsamt dem großen Zivilsenat kurzerhand die Bindungswirkung absprach und das genau gegenteilige Ergebnis verkündete (Beschluss vom 20. Mai 1954 – GSZ 1/53, BGHZ 13, 265). Das Bundesverfassungsgericht hat diese skandalöse Entscheidung in seinem herausragenden – und allen Jurastudenten zur sorgfältigen Lektüre zu empfehlenden! – Beschluss vom 19. Februar 1957 (1 BvR 357/52, BVerfGE 6, 132 = NJW 1957, 579) angemessen gewürdigt.

Das widerständige Bekenntnis des BGH-Präsidenten zur richterlichen Zurückhaltung und zur Meinungsfreiheit sogar gegen den ausdrücklichen Wortlaut des Paragrafen 31 BVerfGG (Bindungswirkung) stand der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens und des Großen Bundesverdienstkreuzes am Bande selbstverständlich nicht entgegen.

Heutzutage wäre so etwas gewiss viel schwieriger: Wenn zum Beispiel ein Richter in einer literarischen Nebentätigkeit das Wort "Schweißfuß" mit einem ironischen Unterton zitieren würde, hätte das ohne Zweifel einige aufrüttelnde Äußerungen des deutschen Verbandes für den Fußfetischismus (Obacht, FAZ!), der Frankfurter Nylonstrumpfzeitung sowie des Vereins der Bundesschnürschuhträger zur Folge. Mit anderen Worten: Der Mann wäre erledigt.

Solche Erfahrungen machen, das muss man zugeben, die Variante c) ein bisschen schwierig. Die Sache mit dem Volkskrieg des Blutes, über die zurzeit in München verhandelt wird, ist dem Deutschen nicht ganz fremd. Es ist gerade dieses Vertraute, Eingeübte, Reflexhafte, das Menschen, die sich für Gartenzwerge, Weltwirtschaftsforen und Fußball einen Scheißdreck (Achtung, FAZ!) interessieren, dazu bringt, in deutschen Städten und Dörfern herumzuziehen – dumm wie Brot, schlau wie Stichlinge, peinlich wie Kleingärtner in Sandalen und Socken – und den puren Wahn als Vollendung des deutschen Intellekts zu feiern.

Wenn man nun einen – unterstellt, es hätte ihn je gegeben – sogenannten N(ational) S(ozialistischen) U(ntergrund) mal als eine – unterstellt, es hätte sie jemals außerhalb amerikanischer und britischer Kriegsfilme gegeben – sogenannte SS versteht, die im Auftrag irgendeiner abstrusen Vorsehung unterwegs ist, um die Welt zu retten vor einer jahrtausendealten Verschwörung des Welt-Eskimotums: Was bleibt da noch von der auf tragischer Verkennung beruhenden Unschuld all der Unterstützer, die unsereins noch kannte als Onkel Günther, Papa, Tante Hedwig und den alten Lehrer Hempel?

Ein bisschen "Staat", vielleicht! Freilich ein Staat, den seine Protagonisten jeden Tag und in jeder ihrer Handlungen für aufgelöst erklärten im tausendjährigen Ausnahmezustand, den Papas und Tanten und Lehrer und Bundeskanzler sich als "Wahn" angerechnet haben wie einen "Blackout". Eine ziemlich schwache Verteidigungslinie. Sie hat uns über 70 Jahre in den erbärmlichen Hafen der Gnade einer späten Geburt getragen.

Weiter im Fall:

Variante c) also: nix Gutachter. Klarer Fall von "unerträglich". AfD und NPD sind anderer Ansicht. Sie sagen, dieses "unerträglich" sei irgendwie verlogen. Da haben sie recht, ohne jemals recht zu haben. Die Frage wird durch Nichterwähnung in den Qualitätsmedien beantwortet.

Variante d): klarer Fall von Begutachtung. ACDC-Hören, Pörse vor acht, Interviews mit Leistungssportlern sowie die Choreografie von Sondersitzungen des Deutschen Bundestags mögen pathologische Erscheinungsformen deutscher Existenz sein, gelten jedoch als deren Normalität. Daher kann nach herrschender Meinung ein Impuls, sie zu vernichten, nur pathologisch sein. Nun gut, wir halten uns da raus, obwohl wir eine eigene Meinung haben. Hier geht es nur um die Prognose.

Welche Unnormalität hat ein Rechtsverletzer zu verantworten?

Normalität und Folgen

Liest man die Kommentare unter den beiden vorangehenden Kolumnen (Wunder, Wahn und der Paragraf 20 und Böse, verrückt oder ein Würstchen?; Anm. d. Red.), fällt – auch hier – das große Bedürfnis der Menschen auf, die Sache endgültig zu regeln: Was ist denn nun "normal", was "unnormal"? Welche Unnormalität hat der Rechtsverletzer zu verantworten, welche nicht?

Das ebenso Erstaunliche wie Beruhigende ist: Man weiß es nicht genau. Je mehr Zeit, je mehr Abläufe, je mehr soziale Konstellationen in den Blick geraten, desto mehr verschwimmt die Klarheit des Urteils. Am Ende meinen nur noch solche Menschen punktgenau zu wissen, was irre ist und was normal, deren eigener Horizont arg beschränkt ist.

Das ist, wie ich zugeben muss, wieder nicht die Art von Nachricht, wie sie der Mann und die Frau auf der Straße schätzen: Skandal – Rücktritt – Urteil – Sache geritzt (war nur Spaß, liebe Borderliner!). Aber es scheint mir erforderlich, diese bittere Wahrheit gleichwohl auszusprechen: Ich weiß es nicht besser, Sie wissen es nicht besser, wir wissen es nicht besser. Die Gerichte sind nicht schlauer als die Gesellschaft. Die Psychiater nicht weiser als die Richter. Die Opferverbände nicht legitimierter als die Verteidiger.

Das soll keineswegs heißen, dass alles gleichgültig oder wurscht sei. Wer das behauptet, hat keine Ahnung. Schwere Persönlichkeitsstörungen sind keine definitorische Erfindung einer wehleidigen Gesellschaft oder von rechtsfeindlichen Strafverteidigern. Sie sind Wirklichkeit schweren Leidens: der Betroffenen, und der Umwelt an ihnen. Eine Depression ist kein Witz, den Sportreporter als Synonym für Enttäuschung raushauen dürfen. Die Inflation der Worte und Bedeutungen ändert nichts am Gewicht der Realität. Die Erkenntnis, dass Stereotype unzureichend und oft menschenunwürdig sind, muss keineswegs zu der populären Scheinerkenntnis führen, alles sei gleichgültig, so lange nur der Zwerg eine Mütze trägt, die Satzung des Hundevereins eingehalten und Bayern Meister wird.

Im Gegenteil. Wir müssen die Relativität der Begriffe erkennen, indem wir sie nicht für die Wirklichkeit halten, sondern für das, was sie sind: Versuche der kommunikativen Interaktion über die Wirklichkeit. Der Mensch, in seiner Verlorenheit unter dem Himmel, neigt dazu, die wenigen Worte, die er im Austausch mit anderen findet, mit der Wirklichkeit zu verwechseln, welche sie symbolisieren. Anschließend beklagt er sich bei sämtlichen Leserbriefredaktionen der Ewigkeit, er sei missverstanden worden.

Besser wäre es, die Relativität als Bedingung des Menschseins zu akzeptieren, und zwar die der eigenen wie der fremden Existenz. Dann nämlich kommt es darauf an, wie wir uns in diesem Grundsatz erkennen und anerkennen. Es kommt auf die Abgrenzung von Freiheit und Unfreiheit an, Individualität und Gemeinschaft. Es geht – ob Sie es glauben oder nicht – um Spiel! Es geht um "Verfassung". Wer das verstanden hat, wird keinem gelbgefärbten Entenhausener oder braungefönten Lausitzer Welterklärer auf den Leim gehen.

Knast oder Krankheit?

Ja was denn nun?, fragt der Pragmatiker. Er fragt es immer wieder und fühlt sich super dabei. Recht hat er. Antworten kriegt er freilich nicht.

Die Sicherheitsapostel, die sich besonders gern als "Pragmatiker" bezeichnen, haben kaum etwas vorzuweisen: Härte bringt keine Sicherheit, Gnadenlosigkeit kein Vertrauen, Abgrenzung keine Entspannung. Experimente dieser Art sind kläglich gescheitert: von Feuerland über New York bis Berlin. Hält man den "Vertretern" dieser Konzepte das vor, antworten sie: Du mich auch! (Achtung, FAZ!).

Gleichwohl oder gerade so gelingt es ihnen immer wieder, bei einer Mehrheit von Menschen den Eindruck zu erwecken, es sei bloß noch nicht genug sogenannte Härte aufgewendet worden, um den durchschlagenden letzten Erfolg zu erzielen – und es seien finstere Kräfte am Werk, die dies verhindern. Als müsse nur endlich ein allmächtiger Sheriff her, der mit eiserner Faust für ewigen Frieden sorgt. 

Zwischenergebnis

Das stimmt definitiv nicht. Wenn wir heute die ärztliche Schweigepflicht durchbrechen, um "mögliche islamistische Terroristen" vorbeugend zu identifizieren, werden wir es morgen tun, um "mögliche Kindesmissbraucher" aufzuspüren, und übermorgen, um "mögliche Gewalttäter" einer vorbeugenden Überwachung zuzuführen. Ein weiterer Schritt auf der abschüssigen Bahn: Dahin, wo alle verdächtigt werden, kriminell oder verrückt zu sein, und es ihnen nur noch nicht bewiesen werden konnte. Die Vorboten einer solch menschenverachtenden Kultur kann man schon heute in bizarren Ausscheidungen der US-amerikanischen Gesellschaft betrachten.

Dagegen ist zu stellen: Rückbesinnung auf die Kulturgeschichte des Kontinents. Jüdisch, christlich, islamisch: als Kultur der Emanzipation und der Freiheit. Alles ist in Bewegung, alles ist Kommunikation zwischen Menschen. Provokation ist Dialog; Labeling ist Verweigerung von Dialog. Nur indem wir die Errungenschaften der Freiheit ernst nehmen, werden wir die kommunikative Kraft haben, eine Unterscheidung von Wahn und Wirklichkeit durchzusetzen, die vor der Geschichte eine Weile Bestand haben mag.