Die Stimmung unter den Deutschen ist paradox: In materieller Hinsicht geht es ihnen gut. Sie haben, was sie brauchen, und ihre Jobs sind sicher. Aber gleichzeitig haben die Menschen Angst und sind voller Sorge im Hinblick auf die Zukunft. Das geht aus einer Umfrage des Allensbach-Instituts hervor, über die zunächst Spiegel Online berichtet hat. Das von der SPD in Auftrag gegebene Papier liegt ZEIT ONLINE vor.

"Die Stimmungslage der Bürger ist zurzeit von einer ungewöhnlichen Konstellation geprägt", heißt es in der 34-seitigen Präsentation. "Die materielle Zufriedenheit wächst, die Sorgen um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes bewegen sich auf niedrigem Niveau, aber der Zukunftsoptimismus ist steil zurückgegangen." Nur 36 Prozent aller Befragten sehen dem kommenden Jahr "mit Hoffnungen entgegen". So schlecht war die Stimmung zuletzt zu Beginn der Finanzkrise 2008 und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001

Renate Köcher, die Chefin des Allensbach-Instituts, sieht die Ursache dafür in vielen Gebieten: Neben dem großen Zuzug von Flüchtlingen, den Terroranschlägen, internationalen Krisen und Entwicklungen der inneren Sicherheit seien dafür auch allgemeine gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich. Konkrete Ängste haben die Deutschen vor Gewalt und Kriminalität, vor einem Anschlag im Inland, vor mehr Flüchtlingen und einer Einmischung der Bundesrepublik in militärische Konflikte.

Integration wird skeptisch gesehen

Auch die Integration der Flüchtlinge bereitet den Deutschen der Umfrage zufolge Sorgen. Jeder Zweite schätzt die Chancen dafür als "weniger gut" ein, nur ein Prozent als "sehr gut". Bei der Frage, welche Partei das beste Konzept für den Umgang mit der Flüchtlingssituation habe, steht die CDU mit 13 Prozent vor der AfD mit 9, der CSU mit 8 und der SPD mit 6 Prozent. 29 Prozent aller Befragten gaben an, dass keine der Parteien ein gutes Konzept habe. Laut Allensbach-Chefin Köcher halten außerdem 90 Prozent aller Deutschen die Unterschiede der Kultur- und Wertvorstellungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen für "sehr groß" und "groß".

Die pessimistische Stimmung bedingt Sympathie für Protestparteien wie die AfD. 46 Prozent der Befragten begrüßen das gute Abschneiden der Partei bei den letzten Landtagswahlen mit der Begründung, dass das anderen Parteien einen Denkzettel verpasst habe. Unzufriedenheit und Misstrauen ziehen sich als Grundhaltung durch die Studie: So stimmt mehr als die Hälfte der Deutschen der Aussage zu, dass man seine "Meinung zur Flüchtlingssituation in Deutschland nicht mehr frei äußern" könne.

Eigentlich würde in Deutschland derzeit viel für eine positive Grundstimmung sprechen: So gaben etwa 70 Prozent der Befragten in der Studie an, dass es ihrem Betrieb "gut" oder "sehr gut" gehe. Genauso schätzen 54 Prozent die eigene wirtschaftliche Situation ein. Das ist der beste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen vor sieben Jahren. Angst um den Job haben im Osten des Landes lediglich 19 Prozent (2009: 33 Prozent) und im Westen 15 Prozent (2009: 27). 

Für den Auftraggeber SPD gibt es aber auch positive Aspekte: Klassische SPD-Themen werden unter den Deutschen immer beliebter. So halten 79 Prozent der Befragten soziale Gerechtigkeit heute für besonders wichtig. 2009 waren es nur 74 Prozent. Auch beim Thema Chancengerechtigkeit stieg die Zustimmung von 62 Prozent 2009 auf aktuell 67 Prozent.

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