Die nächtlichen Krawalle in Bautzen sind nach Erkenntnissen der Polizei und des Landkreises von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen ausgegangen. In der Unterkunft für die Jugendlichen werde jetzt ein Alkoholverbot ausgesprochen und eine Ausgangssperre für die Zeit nach 19 Uhr verhängt, sagte der Erste Beigeordnete des Landrates, Uwe Witschas.

Nach Angaben der Polizei hatten sich in der vergangenen Nacht etwa 20 minderjährige Flüchtlinge und 80 Anhänger des rechten Spektrums an dem zentralen Kornmarkt der Stadt versammelt. Die Rechten riefen demnach Parolen, dass der Kornmarkt ihnen gehöre. Zwischen beiden Lagern sei es bereits zu verbalen und tätlichen Auseinandersetzungen gekommen, bevor die Polizei am Kornmarkt eintraf. Auf beiden Seiten soll Alkohol im Spiel gewesen sein, teilte die Polizei mit. Zeugen berichteten außerdem von mehreren Flaschenwürfen sowie Körperverletzungen. Auslöser der Tätlichkeiten sollen demnach die Asylsuchenden gewesen sein.

Als die etwa 100 anrückenden Polizisten versuchten, die beiden Gruppen zu trennen, flogen aus der Gruppe der Asylbewerber Flaschen, Holzlatten und andere Gegenstände auch auf die Beamten, teilte die Polizei mit. Die Beamten setzten daraufhin Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Eine Augenzeugin sagte dem Tagesspiegel, die Polizei habe die Flüchtlinge aufgefordert, den Platz zu verlassen, wogegen diese sich gewehrt hätten. Revierleiter Uwe Kilz, der am späten Abend aus dem Feierabend zurückkam, sprach auf einer Pressekonferenz von "chaotischen" etwa 45 bis 90 Minuten. 

Anschließend verließen die Asylbewerber den Kornmarkt über die zentrale Brücke der Stadt in Richtung ihrer Unterkunft. Die Rechten folgten ihnen in mehreren Gruppen, in einem Video ist zu hören, wie sie "Wir sind das Volk" rufen. Ein weiteres Video verdeutlicht, wie die gegnerischen Gruppen aufeinander losgehen. Es gab Verletzte. 

Die Polizei sicherte die Unterkunft gegen Übergriffe, nachdem die Bewohner sich dahin zurückgezogen hatten. Zugleich postierte sie sich an drei weiteren Asylbewerberunterkünften in der Stadt. Probleme gab es, als ein Rettungswagen zu der Unterkunft der jugendlichen Flüchtlinge fahren wollte, weil ein Bewohner Verletzungen erlitten hatte. Das gelang nur unter Polizeischutz, weil mehrere Rechte den Wagen an der Weiterfahrt hinderten und mit Steinen bewarfen.

Freies WLAN auf dem Kornmarkt

Nach Angaben des Revierleiters brachte die örtliche Polizei die Lage in der Stadt aus eigener Kraft unter Kontrolle. Angeforderte Unterstützung aus Zwickau und Chemnitz konnte wieder abgesagt werden, sagte Kilz.

Schon in den vorangegangenen Nächten hatte es Krawalle in der Stadt gegeben. Flüchtlinge versammeln sich auch deshalb auf dem Kornmarkt, weil es dort freies WLAN gibt. Ausländerfeindliche Jugendliche versuchten, sie von dort zu vertreiben. Insbesondere eine Demonstration von rechten Kräften am 9. September war eskaliert. Neonazigegner hatten zum Protest aufgerufen, beide Seiten beschimpften sich gegenseitig.

Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens äußerte sich "entsetzt und sehr besorgt" über den Zusammenstoß der vergangenen Nacht. Polizei und Ordnungsamt sollen auf dem Platz stärkere Präsenz zeigen, zudem sollen Sozialarbeiter eingesetzt werden, schrieb Ahrens auf Facebook. Der Deutschen Presse-Agentur sagte Ahrens später, dass die Auseinandersetzungen eine "neue Qualität" erreicht hätten. Zwar gebe es seit etwa zwei Wochen auf dem Kornmarkt ein Problem mit jugendlichen Flüchtlingen. Auch sei es gelegentlich zu Pöbeleien und Beleidigungen gekommen. "Nun aber geht es um ein anderes Level", sagte Ahrens. "Es kann nicht sein, dass Bautzen zum Spielplatz von gewaltbereiten Rechten wird."

Die Polizei ermittelt gemeinsam mit dem auf politisch motivierte Kriminalität spezialisierten Operativen Abwehrzentrum, ein Spezialteam aus Polizisten und Ermittlern der Justiz. Es geht um Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung. Es seien bereits viele Verdächtige identifiziert, nicht nur aus den Kreisen der rechten Szene, sagte der Revierleiter.  

Im Februar hatten teils betrunkene Schaulustige bei einem vorsätzlich gelegten Feuer in einer künftigen Flüchtlingsunterkunft mit unverhohlener Freude zugesehen, einige hatten die Löscharbeiten behindert. Im März war Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Rundgang durch die Stadt als "Volksverräter" beschimpft worden.

Im Landkreis Bautzen leben nach Angaben des Landkreises etwa 2.000 Asylbewerber, 630 davon im Stadtgebiet Bautzen.