ZEIT ONLINE: Herr Ourghi, in einer gemeinsamen Deklaration von säkularen Muslimen in Deutschland, Österreich und der Schweiz träumen Sie von einer Reform des Islam. Was meinen Sie damit konkret?

Abdel-Hakim Ourghi: Unser Ziel ist eine moderne, aufgeklärte und humanistisch ausgerichtete Theologie. Der Glaube soll eine persönliche Angelegenheit in einer säkularen Gesellschaft sein und kritisch hinterfragt werden dürfen. Wir wollen, dass Muslime alle modernen Lebensformen und andere Religionen respektieren. Und dass sie Frieden, Toleranz und Gleichberechtigung predigen. 

ZEIT ONLINE: Ist der Islam selbst nicht ohnehin friedlich und tolerant? Müssen sich nicht nur kulturelle Einstellungen bestimmter konservativer oder radikaler Muslime verändern, die beispielsweise die Unterdrückung der Frau oder Intoleranz gegenüber Homosexuellen fördern?

Ourghi: Es geht um beides: um die Auslegung durch konservative Muslime und um den Umgang mit den Schriften selbst. Den Islam aus dem siebten Jahrhundert gibt es nicht mehr. Zeit und Kontext haben sich verändert. Deshalb müssen die kanonischen Quellen des Islam neu interpretiert werden.

Wir wollen mit unserer Deklaration aber nicht die konservativen Muslime angreifen. Wir möchten eine Alternative für die Muslime schaffen, die den Islam so interpretieren, dass er mit den westlichen Normen zu verbinden ist.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie damit sagen, der Islam sei ohne Reform nicht mit dem Grundgesetz vereinbar?

Ourghi: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber Muslime sollten bestimmte Probleme nicht weiter verdrängen, indem sie etwa behaupten, der Islam habe nichts mit Gewalt oder mit der Unterdrückung der Frau zu tun. Wir möchten, dass offen über die Probleme im Alltag gesprochen wird.

ZEIT ONLINE: Warum gründen Sie noch eine Vereinigung von säkularen Muslimen? Warum arbeiten Sie nicht mit den liberalen Muslimen zusammen, zu denen zum Beispiel die Islamwissenschaftler Lamya Kaddor und Mouhanad Khorchide gehören?  

Ourghi: Wir wünschen uns die Zusammenarbeit mit den liberalen Muslimen, doch diese lehnen das ab. Unsere Grundsätze von einem privaten, säkularen Islam passen meiner Ansicht nach gut zusammen. Wir sind uns nur nicht einig darin, wie wir ihn erreichen. Wir wollen gar keine Deutungshoheit, nur eine mutige, ehrliche Debatte. Wenn der türkische Religionsverband Ditib mit uns reden möchte, würden wir das auch begrüßen.

ZEIT ONLINE: Andere Muslime werfen Ihnen vor, der AfD und Rassisten die Vorlagen zu liefern. Ihre Deklaration wurde zum Beispiel von Necla Kelek unterschrieben, die Thilo Sarrazin unterstützt hat. Reden Sie auch mit Thilo Sarrazin oder mit der AfD?

Ourghi: Nein, mit Rassisten reden wir nicht. Sarrazin negiert mein Lebensmodell. Wenn die AfD sagt, der Islam sei nicht reformierbar, gibt es auch nichts zu diskutieren. Necla Kelek weiß, dass wir uns von Islamophobie distanzieren, das steht auch deutlich in unserer Deklaration – und sie hat sie unterschrieben. Ich gestehe jedem eine persönliche Entwicklung zu.