Die Wände der Burg, die sie sich gegen die Angst gebaut haben, sind hauchdünn. Rana* und ihre Familie haben die metallenen Stockbetten, die man ihnen zugewiesen hat, aneinander geschoben und Tücher und Laken darumgehängt, als Sichtschutz. Monatelang werden Rana, 17 Jahre alt, und ihr dreijähriger Sohn Karim* in dieser Burg sitzen und horchen, was außerhalb dieser Wände in der Flüchtlingsunterkunft geschieht. Auch Ranas Eltern und ihre vier Geschwister sind da. Nila*, die 15-Jährige, quälen Albträume. Karim redet nicht, obwohl er alt genug wäre. Dafür weint er viel und schreit aus dem Nichts. Er lässt sich kaum beruhigen.

Draußen in der Halle ist es in diesen Tagen im September 2015 immer laut. Babys brüllen, fremde Bettnachbarn geistern herum oder murmeln Unverständliches vor sich hin. Immer ist das Licht an. Abends trinkt Rana möglichst nichts mehr, damit sie nachts nicht rausmuss. Denn da sind die vielen Männer, die auf dem Hof vor den Toiletten herumstehen und rauchen. Einige trinken auch. Sind sie gefährlich?

Keine der Schwestern wagt sich alleine dorthin, auf keinen Fall in der Nacht. Da sind auch die jungen Männer aus Syrien, alle ohne Familie, die sich mit den jungen Afghanen schlagen, bis die Polizei kommen muss. Doch was werden die Polizisten tun, können die Kinder ihnen trauen? In Afghanistan, dem Land, aus dem Rana und ihre Familie stammen, benahmen sich die Polizisten manchmal nicht viel besser als die Taliban. Hier trauen sie sich nicht einmal zu einem Spaziergang vor die Tür. Zu groß ist die Angst.

Leise erzählt Rana ihre Geschichte. Sie handelt von Angst und Verzweiflung, von Flucht und Hoffnung. Davon, dass es deutschen Behörden und Politikern teils aus Unwissenheit, teils aus Unwillen misslingt, Flüchtlingskinder angemessen und systematisch zu schützen. Und das sind viele: Rund 300.000 Kinder unter 18 Jahren haben seit Anfang 2015 einen Asylantrag gestellt. Rana erzählt auch, wie der deutsche Staat sie, das Flüchtlingsmädchen, ihrem Peiniger wieder auslieferte, dem sie entkommen zu sein glaubte. Dem Trinker. Dem Schläger. Dem Vergewaltiger.

Ranas Erzählung beginnt vor vier Jahren in Afghanistan. Ihre Familie lebt damals in einem kleinen Dorf in der Provinz Lugar südlich der Hauptstadt Kabul. Sie ist 13 Jahre alt, das älteste Kind. Ihr Bruder ist ein Jahr jünger, dann folgen drei Schwestern, wohl elf, sieben und fünf Jahre alt – genau wissen sie es selbst nicht. Ihr Vater ist Bauer, sie besitzen eigenes Land, eine Kuh, die Familie ist nicht reich, aber sie hat ihr Auskommen. Und sie hat Angst. Denn Taliban-Gruppen marodieren durch den Landstrich.

Ranas Vater und ihr Bruder arbeiten auf dem Feld, als Taliban auftauchen. Sie suchen neue Kämpfer. Der Vater soll mit ihnen kommen. Als er sich weigert, schlagen sie ihn zusammen und verletzen ihn schwer. Sie prügeln auch den zwölfjährigen Bruder. Dann ziehen sie ab.

Doch die Taliban vergessen die Familie nicht. Irgendwann sind sie wieder da, stehen im Dorf vor dem Haus und verlangen, dass statt des Vaters der Sohn mitkommen soll. "Die Taliban machen aus Kindern Attentäter", sagt Rana. Wieder weigert sich der Vater, wieder wird er zusammengeschlagen. Abermals rücken die Taliban unverrichteter Dinge ab.

Sie werden wiederkommen, alle wissen das. Also schickt der Vater den Sohn ins Ausland, in den Iran. Dort lebt eine Freundin der Familie, bei der er unterschlüpfen kann.

So beginnt die Fluchtgeschichte der Familie.

Verheiratet mit 14

Der Bruder ist fort, Rana und ihre Schwestern bleiben mit den Eltern im Dorf. Eine schwierige Zeit. "Wir waren immer im Haus, immer", sagt Rana. Nur sehr selten dürfen sie verschleiert den Hof verlassen. Die Eltern kämpfen um ein Mindestmaß an Bildung für ihre vier Mädchen. Eine Schule für sie gibt es nicht. Also lassen die Eltern eine Lehrerin ins Haus kommen, damit die Mädchen zumindest lesen, schreiben und ein wenig Mathematik lernen. Die Unterrichtsmethoden der Hauslehrerin sind rau, Stockschläge Normalität.

Als Ranas 14. Geburtstag näher rückt, taucht der Dorfmullah bei den Eltern auf. Sie sei nun alt genug, um zu heiraten. Der Mullah hat auch schon einen Mann ausgesucht: Rohan*. "Ein schlechter Mann", sagt Rana. Rohan ist etwa 30 Jahre alt. Er macht sein Geld beim Kartenspiel, trinkt und nimmt Drogen. Seine junge Frau sperrt er im Haus ein und schlägt sie regelmäßig.

Bald ist Rana schwanger und Rohan verprügelt sie weiter. "Er hat immer gesagt, ich sei hässlich", sagt Rana. Sie ist gerade 15 Jahre alt, da wird Karim* geboren. Nun sind zwei Menschen Opfer seiner Prügelattacken. Irgendwann kommt ihr Vater dazu, als sie fast besinnungslos geschlagen am Boden liegt. "Wenn du sie nicht willst, nehme ich sie wieder mit, hat er zu Rohan gesagt", erzählt Rana. Zweimal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen.

Unsinn machen

Dann, im Frühjahr 2015, kehren die Taliban ins Dorf zurück. Die Gotteskrieger suchen Ranas Bruder und finden ihn nicht. Abermals prügeln sie Ranas Vater und drohen, die Töchter mitzunehmen, wenn der Sohn nicht auftaucht. Allen ist bewusst, was das bedeutet. "Manchmal holen sie sogar kleine Mädchen von drei Jahren und machen Unsinn mit ihnen", sagt Rana. Unsinn? Mehr als dieses Wort bringt sie nicht über die Lippen. Doch danach sind die Mädchen meistens tot.

Seit diesem Tag hat Rana immer Angst. Wenn der Vater aufs Feld zieht. Wenn sie das Haus kurz verlassen müssen, um etwas zu besorgen. Wenn sie nachts fremde Geräusche hören.

Nach dem letzten Auftauchen der Taliban beschließt die Familie, zu fliehen, Deutschland ist das Ziel. Der Vater verkauft sein Land. Sie wollen Rana nicht zurücklassen, doch sie ist eine verheiratete Frau. Also muss Rohan mit. Sie fliehen über Pakistan in den Iran und holen dort den Sohn ab. Der Vater schickt ihn voraus, er soll die Route erkunden. Bis Hamburg kämpft sich der Junge durch und weist der Familie den Weg.

Schlepper bringen sie mit dem Auto bis an die Grenze zur Türkei. Dort steigen sie aus und laufen 24 Stunden durch die Berge. Die Eltern schleppen die beiden kleinen Schwestern, Nila stolpert nebenher, Rana hat Karim mit einem Schal auf ihren Rücken gebunden, Rohan hält sich an ihrer Schulter fest. Irgendwann im Dunkel rutscht seine Hand ab. Rana dreht sich um. Sie sieht ihren Mann nicht mehr und will ihn suchen. "Aber die Männer haben plötzlich gerufen: Du möchtest leben? Dann musst du laufen! Und dann sind wir gerannt."

Seit jener Nacht plagen Rana Albträume. "Ich denke immer, jemand würgt mich und ich kann nicht aufwachen."

*Namen geändert

Kurz sehen sie sich am Ziel

Leben in der Zwischenwelt, angekommen und doch noch nicht da: Eine Flüchtlingsunterkunft in Berlin © John MacDougall/AFP/Getty Images

Wochen später erreichen sie die Ägäisküste. Das Schlauchboot ist völlig überladen. Rana sitzt neben ihrem Vater auf dem Boden. Er hält Karim über seinen Kopf, denn das Boot ist leck, das Wasser steigt ihnen bis zum Bauch. Die Mutter und viele andere sitzen auf dem Bootsrand. Mit Flaschen schöpfen sie das Wasser heraus. In Panik wirft ein Flüchtling das Gepäck über Bord, die Familie verliert fast alle wichtigen Dokumente. Mit letzter Kraft erreichen sie schließlich im Herbst 2015 Hamburg.

Die Behörden der Hansestadt haben es schwer, die vielen Flüchtlinge aufzunehmen. So ist es überall in Deutschland. Täglich kommen Tausende an den großen Bahnhöfen an und müssen untergebracht werden. Die Stadt hat leer stehende Baumärkte und Gewerbehallen in Notunterkünfte umgewandelt. In einer dieser Hallen landet Ranas Familie.

Dicht an dicht stehen die Doppelstockbetten. In der Mitte verläuft ein Gang, er trennt die allein reisenden Männer von den Familien. Auf dem Hof vor der Halle sind Toilettencontainer aufgebaut. Die Stadtregierung ist stolz darauf, dass es ihr gelungen ist, in jenen Monaten alle Flüchtlinge trocken und warm unterzubringen.

Doch für die afghanischen Kinder ist es ein Schock. Mehr als 7.000 Kilometer haben sie überwunden. Und nun ist es wie zu Hause: Sie sind wieder eingesperrt. Diesmal in ihre Bettenburg.

Schlechter als in Mali

Es gibt ein Regelwerk, das solche Zustände, in denen Rana und ihre Familie in Hamburg landen, eigentlich verbietet. Die Vereinten Nationen haben 2012 26 Mindeststandards formuliert, die regeln, wie Kinder in Flüchtlingslagern zu versorgen sind. Sie gelten in den Camps in Mali genauso wie in Äthiopien oder Kolumbien.

Demnach müssen die Behörden alles tun, um Flüchtlinge vor körperlicher und sexueller Gewalt zu schützen. Die Wege in den Unterkünften müssen so gestaltet sein, dass Kinder keine Angst haben, sie zu gehen. Die Kinder sollten Sanitäranlagen alleine benutzen können, damit Jungs nicht mit erwachsenen Männern duschen müssen. Die Vereinten Nationen fordern auch separate Räume, in die sich Kinder zum Spielen oder Ausruhen zurückziehen können.

Doch viele deutsche Behörden wissen nicht einmal, dass es diese Standards überhaupt gibt, beklagen Kinderhilfsorganisationen wie Unicef, Save the Children oder Plan International.

Fabian Böckler arbeitet für Plan International, auf seiner Visitenkarte steht: "Teamleiter für Desaster Risk Management". Die NGO mit Sitz in Hamburg arbeitet normalerweise in Entwicklungsländern und sammelt in Deutschland dafür Spenden. Doch in diesem Jahr ist Deutschland zum Einsatzland geworden. Böckler sagt: "In vielen deutschen Flüchtlingsunterkünften ist der Schutz der Kinder nicht gewährleistet."

Rote Kreuze

Böckler erstellt Bedarfsanalysen. Dafür haben er und sein Team untersucht, wie es den Kindern in Notunterkünften geht. In mehreren großen Noteinrichtungen zeichneten sie mit Kindern jeweils eine Karte der Unterkunft und baten sie, jene Stellen mit einem roten Kreuz zu markieren, an denen sie sich unsicher fühlten.

Was die Kinder in den verschiedenen Unterkünften rot markierten, deckt sich mit dem, was Rana in ihrer Halle erlebte. Entlang der Stockbetten hatten sich unsichtbare Barrieren zwischen den verschiedenen Sprachgruppen gebildet, die die befragten Kinder nicht zu übertreten wagten. Syrer konnten nicht mit Somalis sprechen, Afghanen nicht mit Eritreern. Schon der Klang der fremden Sprache machte den Kindern Angst. Die Security-Mitarbeiter waren oft die einzigen Ansprechpartner, die rund um die Uhr anwesend waren. Sie waren aber nicht darin geschult, mit Kindern angemessen umzugehen. Zwar war in einer Unterkunft schon ein Raum eingerichtet worden, in dem Kinder spielen konnten. Doch der war nicht ständig zugänglich. Auch ein Arztzimmer war vorhanden. Das war jedoch nicht ständig besetzt. Besonders nachts, wenn sich die Sorgen und Traumata der Kinder in körperlichen Schmerzen Ausdruck suchten, war kein Arzt da, der ihnen helfen konnte.

Ursula Enders kennt solche Berichte. Sie arbeitet für den Verein Zartbitter in Köln, eine der ältesten Kontakt- und Informationsstellen gegen sexuellen Missbrauch in Deutschland. Enders hat in den vergangenen Monaten viele Not- und Gemeinschaftsunterkünfte besucht und dort mit Kindern und Jugendlichen gesprochen. Sie sagt: "Bei der Art und Weise, wie viele Not- und Gemeinschaftsunterkünfte organisiert sind, handelt es sich um eine von den Betreibern und Kommunen zu verantwortende strukturelle Kindesvernachlässigung."

Das primäre Ziel der Behörden bei der Unterbringung von Flüchtlingen sei stets gewesen, Obdachlosigkeit zu vermeiden, sagt Enders. Die psychosoziale Versorgung der Kinder und Jugendlichen sei darüber vergessen worden. Dabei hätte man wissen können, was zu tun ist. "Schon in den neunziger Jahren wurde innerhalb der Jugendhilfe eine Debatte über menschenunwürdige Zustände bei der Unterbringung von geflüchteten Kindern in Turnhallen und Wohncontainern geführt."

Ein Wasserspritzer zu viel

In der Halle, in der Rana mit ihrer Familie ihre ersten Monate in Deutschland verbringt, gibt es keine geschützten Räume für Kinder. Es gibt auch niemanden, der sich systematisch um die Kinder kümmert. "Einmal in der Woche kam ein Sozialarbeiter vorbei. Der holte die kleinen Kinder ab und spielte mit ihnen", erzählt Rana. Der Rest ist Langeweile. Besonders die Jungen ertragen das kaum. "Sie haben dauernd laute Musik gehört, einige haben angefangen, Alkohol zu trinken." Schnell werden aus Neckereien Handgreiflichkeiten.

Was Rana berichtet, ist keine Hamburger Besonderheit, sondern wiederholt sich überall in der Republik. Für die Behörden gelten Kinder oft als versorgt, wenn sie mit Eltern oder anderen Erwachsenen nach Deutschland gekommen sind. Doch eine Krankenschwester, die seit vielen Jahren eine große Gemeinschaftsunterkunft bei Würzburg betreut, erzählt: "Manchmal genügt es schon, dass jemand im Bad einen Wasserspritzer abbekommt, und schon eskaliert das zu einer Schlägerei." Gerade für Teenager sei es schwer, die Enge der Unterkunft auszuhalten und immer alles mit allen anderen teilen zu müssen, "auch das Klo". Unterkünfte so zu gestalten, sei eine Form von "struktureller Gewalt". Unter solchen Bedingungen bauten sich psychische Spannungen auf, die sich manchmal in Gewalt entlüden. Die Eltern könnten den Kindern oft nicht helfen. Viele von ihnen seien durch die Flucht erschöpft. Außerdem seien sie damit beschäftigt, das neue Leben im fremden Land zu organisieren.

Die Ministerin findet kein Gehör

Kinder bemalen Betttücher, die ihre Schlafstätten von anderen Unterkunftsbewohnern trennen. © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Man könnte einwenden, Ranas Familie sei in der Hochphase der Flüchtlingskrise gekommen, als Länder und Kommunen noch überfordert waren. Inzwischen hätten sich die Behörden organisiert, die Lage der Menschen habe sich verbessert. Da ist etwas dran. In die Hamburger Hallen wurden beispielsweise Wohnwaben für jeweils etwa 16 Personen eingebaut, allerdings ohne Tür und Decke. Aber dass es etwas besser wird, heißt nicht, dass es jetzt gut ist.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hat das erkannt und dringt seit Monaten darauf, die Betriebserlaubnis von Unterkünften daran zu koppeln, dass Kinderschutzkonzepte vorhanden sind. Diese Konzepte sollen das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Umgebung sicherstellen.

Doch die Ministerin hat bislang kein Gehör gefunden. Ihr Versuch, den Kinderschutz im Integrationsgesetz zu verankern, scheiterte am Widerstand einiger Kabinettskollegen und einiger Bundesländer. Offenbar hat sich abermals die Haltung durchgesetzt, man solle es den Flüchtlingen in Deutschland nicht zu einfach machen, damit nicht weitere folgten. Lediglich ein Pilotprojekt mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef konnte die Ministerin auf den Weg bringen. Nun arbeiten Schwesigs Ministeriale an einem weiteren Gesetzentwurf, der im Herbst vorgelegt werden soll.

Dabei wäre es dringend geboten, Kinder in Unterkünften systematisch zu schützen. Niemand hat einen genauen Überblick, doch der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hat seit Jahresbeginn mehr als 40 Fälle von sexuellen Übergriffen in solchen Heimen registriert, das Innenministerium zählte 128 Übergriffe auf Frauen und Kinder. Und obwohl die Zahl der ankommenden Flüchtlinge zurückgeht, leben noch immer fast 360.000 Menschen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Zudem verlängere sich die Aufenthaltsdauer von Kindern in Unterkünften, klagt Unicef. Gesetzlich erlaubt sind höchstens drei Monate, dann sollten Familien in kleinere Folgeheime oder Wohnungen umziehen. Die meisten Kinder lebten aber ein halbes Jahr oder noch länger in Massenunterkünften.

Albtraumnächte im Container

Ranas Familie wird nach zwei Monaten in der Halle in ein Containercamp verlegt, in dem sie ein Zimmer mit drei Doppelstockbetten bezieht. Genauer: Die Eltern und vier Geschwister werden verlegt – Rana und Karim nicht. Denn für die Behörden sind die 17-Jährige und ihr Kleinkind eine eigene Familie. Ranas Fehler: Bei der Registrierung hat sie angegeben, dass sie verheiratet ist und ihr Mann vermisst wird. Außerdem hat sie seit der Heirat einen anderen Familiennamen. Dass sie damals nicht volljährig war, interessiert niemanden. Nun sollen Rana und Karim in der Halle bleiben.

Doch Ranas Vater lässt die Trennung nicht zu, er nimmt Tochter und Enkel einfach mit. Fortan hausen acht Menschen in dem Container und teilen sich die sechs Betten. Keiner im Sozialbüro der Unterbringung scheint es bemerkt zu haben. Zur Ruhe kommt die Familie nicht. Die Toiletten und Waschräume erreichen sie nur über matschige Wege. Junge Männer lungern auf den Freiflächen herum und machen die Mädchen an, sobald sie sich draußen zeigen. Es gibt einen Spielplatz, aber keine Gemeinschaftsräume und auch keinen Ort, an den sich die Kinder bei schlechtem Wetter zurückziehen könnten.

Am stärksten leidet die 15-jährige Nila unter der Situation. "Sie hat jede Nacht geweint. Wir konnten sie kaum wecken. Manchmal hat meine Mutter sie sogar auf die Wangen geschlagen, damit sie aufwacht", erzählt Rana. Tagsüber lässt sich Nila kaum dazu bewegen, den Container zu verlassen. "Sie wollte immer drinnen bleiben. Immer hatte sie Angst." Dazu kommen ständiges Bauchweh und Kopfschmerzen. Manchmal verfällt Nila in eine körperliche Starre, aus der sie sich nicht befreien kann.

Andreas Krüger ist Kinder- und Jugendpsychiater und leitet das Traumatherapiezentrum Ankerland in Hamburg. "Mit Sicherheit belastet das Leben in den Übergangslagern die seelische Gesundheit der Kinder", sagt Krüger. "Da sind sehr viele und sehr verschiedene Menschen zusammen, die alle schwere Dinge erlebt haben. Wenn acht Menschen in einem Raum leben und einer von ihnen hat nachts Albträume, schreit vielleicht oder geistert durch das Zimmer, dann erschrecken die Kinder. Sie können dieses Verhalten nicht einordnen und bekommen Angst." Gerade die Nächte verlangten nach Intimität. Denn in der Nacht kehrten die Erinnerungen zurück. Dann seien die Kinder noch ungeschützter gegen die Angst, die das Verhalten anderer Menschen in ihnen auslöst. "Viele dieser Kinder werden deshalb Schaden nehmen, wenn sie länger in einer solchen Umgebung leben müssen."

Die Hamburger Therapeutin und Traumaberaterin Sabine Hancke sieht das genauso. "Wenn traumatisierte Kinder keinen geschützten Raum finden, keine Regelmäßigkeit zurückerlangen, dann verlängert das ihre Flucht." Die Kinder gerieten in eine gefährliche Spirale. "Sie liegen oft lange wach, haben Angst vor dem Einschlafen, lenken sich dann mit dem Handy ab, stehen auf, grübeln. Wenn sie in den frühen Morgenstunden endlich einschlafen, quälen sie Albträume." Am Tag seien sie dann übermüdet und müssten schlafen, sodass sie Angebote nicht wahrnehmen könnten und immer weiter aus einem regelmäßigen Lebensrhythmus herausrutschten.

Nach sieben Monaten darf Ranas Familie in eine Folgeunterkunft umziehen. Die Stadt hat sogenannte Modulhäuser gebaut, zweigeschossige Containerbauten mit Satteldächern. Auf jeder Etage gibt es zwei abgeschlossene Wohnungen mit vier Zimmern, Bad und Küche. Die Familie hat eine Wohnung für sich, Rana und Karim leben dort in einem eigenen Zimmer. Rana besucht die Schule, zum ersten Mal in ihrem Leben. Karim geht in den Kindergarten. Endlich hat er begonnen, zu sprechen. Meistens redet er Deutsch.

Alles könnte gut werden. Doch dann entdeckt ein Mitarbeiter einer Registrierungsstelle in seinen Listen einen Namen, den er kennt. Ein junger Mann ist aufgetaucht, der seine Familie sucht. Es ist Rohan.

Er ist wieder da

Nichts hat sich verändert. Rohan trinkt. Er schlägt Rana, presst ihr das Geld ab, das sie als Unterstützungsleistung erhält. Er prügelt auch seinen Sohn. "Mit dem Handyladekabel hat er Karim auf die Oberschenkel geschlagen", sagt Rana. Als sie versucht, sich zu wehren, droht Rohan, ihre Schwestern zu kidnappen und zu töten. Wenigstens kann die Familie verhindern, dass der Schwiegersohn in die Wohnung einzieht. Irgendwann ist Rohan wieder verschwunden. Niemand weiß, wo er ist.

Dem Psychiater Andreas Krüger begegnen häufig Menschen, denen es ähnlich ergangen ist wie Rana. Viele hätten dramatische Erfahrungen mit Krieg und Vertreibung gemacht. Hinzu könnten gewaltsame Erfahrungen innerhalb der Familie kommen. Leider sei gewaltfreie Erziehung ein Ideal, das sich noch nicht überall durchgesetzt habe. Die schönste Wohnung helfe wenig, wenn sich die Kinder nicht auch innerhalb ihres sozialen Gefüges, ihrer Familie, sicher fühlen können.

Im Sozialbüro der Folgeunterkunft weiß jedoch niemand um das Familiendrama, das sich wenige Meter weiter abspielt. Unter den Sozialarbeitern herrscht die Haltung vor: Wenn die Bewohner Hilfe brauchen, müssen sie es schon sagen. Niemand verweist Rohan des Hauses. Niemand schaltet das Jugendamt ein. Erst eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin erfährt, was vor sich geht, als sie eine Patenschaft für die Familie übernimmt. Die Patin ist auch die Erste, die erkennt, dass Nila traumatisiert ist, und für das Mädchen psychologische Hilfe organisiert.

Inzwischen geht es Rana besser, auch wenn die Angst vor Rohan sie immer wieder überfällt. "Jetzt bin ich frei, und mein Sohn auch", sagt sie und drückt den Rücken durch. "Wenn Rohan noch einmal kommt, rufen wir die Polizei." Dass das geht, hat ihr die deutsche Patin beigebracht.

"In Deutschland darf man das." Diesen Satz hat Rana von ihrer kleinen Schwester gelernt. Die ruft ihn frech der besorgten Mutter zu, wenn sie sich in Jeans, T-Shirt und ohne Kopftuch auf ihr Fahrrad schwingt und alleine aus dem Flüchtlingscamp hinausbraust.

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.