Der Holocaustüberlebende Max Mannheimer ist am Freitag im Alter von 96 Jahren in einer Münchner Klinik gestorben. Dies teilte die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, mit. "Die Gedenkstätte und ihre Mitarbeiter trauern um einen guten Freund", sagte Hammermann. Wie kein Zweiter habe er sich mit seiner ganzen Person eingebracht, um gegen das Vergessen anzukämpfen und gleichzeitig als Versöhner aufzutreten.

Seit mehr als 30 Jahren führte Mannheimer Zeitzeugengespräche, klärte Schüler und Erwachsene über den Holocaust und die anderen Verbrechen des Nationalsozialismus auf. Für sein Wirken wurde er mit vielen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz.

"Wir schulden ihm Dank", twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter betonten, Mannheimer sei ein wichtiger Zeitzeuge der Nazi-Verbrechen gewesen. "Es ist unsere Aufgabe, diese Erinnerungen an die Grausamkeiten des Nazi-Regimes wach zu halten." 

Mannheimer und seine Familie wurden im Januar 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Nachdem Mannheimer 1945 nach jahrelanger KZ-Haft von US-Soldaten in Oberbayern befreit worden war, verließ er Deutschland und wollte das Land der Nazidiktatur nie wieder betreten. Seine Eltern, seine Geschwister und seine Frau waren in Auschwitz ermordet worden. Nur Mannheimer und sein Bruder Edgar überlebten den Holocaust. Sein Menschenbild, sagt Mannheimer, habe sich durch das Erlebte verändert: "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, als ich sah, was in Auschwitz passiert ist", sagte er im Videointerview mit ZEIT ONLINE. "Das ganze Menschenbild hat sich verändert."

Video-Interview - Max Mannheimer im Gespräch (1/3) Im Interview sprach der Holocaustüberlebende und Autor über Auschwitz und sein Menschenbild, über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und Parallelen zur NS-Zeit.

Hier sehen Sie Teil 2 und Teil 3 des Interviews mit Max Mannheimer.

Dennoch kehrte er Ende 1946 nach Deutschland zurück. Seine zweite Ehefrau, eine deutsche Sozialdemokratin, hatte ihn überredet, den Wiederaufbau mitzugestalten. Mit Beginn des Kalten Krieges seien jedoch die "alten Nazis" rehabilitiert worden, erzählte Mannheimer. "Es war eine große Enttäuschung, dass die Leute, die während der Nazizeit hohe Funktionen hatten, wieder an der Macht waren."

Ab Mitte der Achtzigerjahre begann er, in Schulen und kirchlichen Einrichtungen über die NS-Diktatur und den Holocaust zu sprechen. Er habe erst lernen müssen, "emotionslos" über den Holocaust zu erzählen. "Anfangs ging das nur mit Tabletten", sagte er ZEIT ONLINE. Ihm sei aber wichtig gewesen, dass sich die Menschen trauten, ihm Fragen zu stellen.

Sein Ziel war, junge Menschen für die Demokratie zu stärken und ihnen die Schuldgefühle zu nehmen, sagt Mannheimer. Für das, was in der Vergangenheit geschehen sei, könne man sie nicht verantwortlich machen. Für das, was in Zukunft geschieht, hingegen schon. Patriotismus an sich sei "nichts Negatives", sagte Mannheimer ZEIT ONLINE. "Eine Gefahr sehe ich, wenn dieser Patriotismus gegenüber anderen ausgespielt wird."