Im Münchner NSU-Prozess vertreten Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler und Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz die Familien der NSU-Opfer Enver Şimşek, İsmail Yaşar und Abdurrahim Özüdoğru. Sie werfen zwei Vertretern der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und Beamten des Landeskriminalamts (LKA) Berlin vor, mögliche Beweismittel vernichtet zu haben. Es geht um ein Notizbuch mit Adressen des früheren Anführers der sächsischen Neonazi-Gruppe Blood & Honour.  

Nun erstatteten sie Anzeige wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt oder ein Urkundsdelikt. Gerichtet ist die Anzeige an die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe, wo die Bundesanwaltschaft ihren Sitz hat. Die örtliche Karlsruher Staatsanwaltschaft hat nach einem Medienbericht bereits von sich aus Vorermittlungen wegen eines Anfangsverdachts eingeleitet.

Laut Spiegel Online geht es um Unterlagen von Jan W., der verdächtigt wird, das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterstützt zu haben. In der Anklage gegen Zschäpe stehe, dass das Trio Jan W. im Januar 1998 beauftragt haben soll, Schusswaffen zu besorgen. Der heute 41-Jährige gilt als führender Neonazi-Aktivist, seit 2012 läuft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Laut der Zeitung Die Welt wurde das Telefon von W. regelmäßig abgehört und seine Wohnung in Chemnitz mehrmals durchsucht.

Bei einer dieser Durchsuchungen sollen Notizbücher mit Kontaktdaten sichergestellt und dann beim Berliner Landeskriminalamt aufbewahrt worden sein. Die Welt berichtet, zwei Staatsanwälte der Bundesanwaltschaft hätten im November 2014 veranlasst, dass Asservate vernichtet würden, bevor diese vom Bundeskriminalamt (BKA) ausgewertet worden waren. 

In der aktuellen Strafanzeige heißt es laut Spiegel Online: "Die Asservate hätten näheren Aufschluss zu den Kontakten des Beschuldigten W. zu den Mitgliedern des NSU, namentlich Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sowie anderen Personen, die das Netzwerk unterstützt haben, geben können." Ihre Vernichtung sei "nicht nachvollziehbar" und widerspreche einer Anordnung des Innenministeriums, alle möglicherweise NSU-relevanten Unterlagen aufzubewahren.

Die Bundesanwälte sollen behauptet haben, die Relevanz des Notizbuchs für die Ermittlungen nicht erkannt zu haben. Drei Wochen davor war der Blood-&-Honour-Mann als Zeuge im Münchner NSU-Prozess aufgetreten, wo er jede Aussage verweigert hatte.

Gegenüber Spiegel Online sagte Anwalt Daimagüler: "Unsere Mandanten haben den Bericht über die Aktenvernichtung mit Entsetzen zur Kenntnis genommen. Mit welcher Glaubwürdigkeit will die Bundesanwaltschaft gegenüber anderen Behörden, etwa dem Verfassungsschutz, auf die Sicherung und Weiterleitung von verfahrensrelevanten Akten drängen, wenn sie es mit der Aktensicherung möglicherweise selbst nicht so genau nimmt?"