Unter islamistisch radikalisierten Jugendlichen befinden sich immer mehr Mädchen. Das berichtet die Neue Osnabrücker Zeitung. Sie beruft sich dabei auf aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Seit Ende 2014 verzeichnet das Bamf einen starken Anstieg der Beratungsfälle, in denen es um die Radikalisierung von Mädchen geht.

2015 waren bereits die Hälfte aller Beratungsfälle Mädchen. Dieser Trend habe sich laut Behörde fortgesetzt. Die Beratungshotline für Radikalisierung hat seit ihrer Freischaltung 2012 mehr als 2.500 Anrufe erhalten.

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer spricht bei Mädchen von einer Radikalisierung im Stillen. Das ist eine andere Entwicklung als bei Jungen, die sich durch eine Radikalisierung eher provozierend und aggressiv zeigen würden. "Wir sprechen von einer Kinderzimmerradikalisierung", sagte Kiefer der Zeitung. Laut Kiefer sind bereits 13-jährige Mädchen von der Radikalisierung betroffen.

Mit einem Messer in den Hals gestochen

Die Bundesanwaltschaft hat im August Anklage gegen die 16 Jahre alte Safia S. erhoben. Ihr wird versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung sowie die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Safia im Auftrag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gehandelt hat. Safia S. hatte am 26. Februar 2016 am Hauptbahnhof in Hannover einem Bundespolizisten mit einem Messer in den Hals gestochen. Wenige Wochen vor ihrer Tat konnte ihre Mutter Safia in Istanbul von einer Ausreise nach Syrien abhalten. Dort wollte sich das Mädchen vermutlich dem IS anschließen.

Nicht nur bei Minderjährigen, sondern auch insgesamt hat die Zahl der sogenannten Gefährder in Deutschland zugenommen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) spricht von einer hohen Anzahl islamistischer Gefährder in Deutschland. "Gefährder sind Personen, bei denen bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen werden. Ihre Zahl ist mit über 520 Personen so hoch wie nie zuvor", sagte de Maizière der Bild-Zeitung.

Neben den Gefährdern stufen die Länder laut de Maizière noch etwa 360 Personen als sogenannte relevante Personen ein. "Relevante Personen sind insbesondere Personen im Umfeld von Gefährdern, die bereit sind, bei der Vorbereitung einer politisch motivierten Straftat von erheblicher Bedeutung logistisch zu helfen oder zu unterstützen."

Der Innenminister warnte zudem: "Heute geht die Terrorgefahr sowohl von Hit-Teams aus dem Ausland als auch von fanatisierten Einzeltätern aus Deutschland aus. Die Hit-Teams werden konspirativ nach Europa geschleust und bereiten dann ihre Taten – wie bei den Anschlägen von Paris und Brüssel geschehen – oft unbemerkt vor." Noch schwerer als die Hit-Teams sind nach den Worten des Ministers "allerdings fanatisierte Einzeltäter zu entdecken. Sie radikalisieren sich mit islamistischer Propaganda aus dem Netz oder werden von Hass-Predigern" radikalisiert. "Beide Bedrohungen sind heute leider sehr real", sagte de Maizière.