Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Horst Mahler gehörten während ihres Studiums zum besten Prozent aller Studenten. Die späteren RAF-Terroristen waren Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem größten deutschen Begabtenförderwerk. Die Stiftung hat nun 560 Seiten Akten aus der entsprechenden Zeit mit teilweise sehr persönlichen Berichten und Gutachten freigegeben, die jahrelang unter Verschluss gehalten worden waren. Zeithistoriker Alexander Gallus von der Technischen Universität Chemnitz hat die Dokumente wissenschaftlich editiert.

"Alle drei Stipendiaten hatten ein ausgeprägtes, oft überschäumendes Gerechtigkeitsempfinden", sagte Gallus im Interview mit der ZEIT. Dass sie später zu Terroristen wurden, sei durch die Akten kaum zu erklären. Er sehe in den Dokumenten "noch keine Anhaltspunkte für Terrorismus und Gewalt". Man sehe aber, "wie die drei sich politisieren und radikalisieren".

Meinhof habe in den Semesterberichten beispielsweise immer mehr daran gezweifelt, wie gefestigt die Demokratie in Deutschland sei, und Mahler habe sich zunehmend für Karl Marx "auf einer hochreflektierenden Ebene" begeistert. Ensslin habe einen Verlag gegründet und ein Buch gegen die Atombewaffnung herausgegeben.

"Breites Bildungsstreben im besten Sinne"

"Alle drei hatten ein breites Bildungsstreben im besten Sinne", sagte Gallus. Das bestätigte der Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes, Reinhard Zimmermann. Er sagte der ZEIT: "Die drei Stipendiaten haben als philosophische Köpfe studiert, so wie man sich das wünscht." Sie seien keine Brotgelehrten gewesen, die nur für einen schnellen Examenserfolg lernten. Die Unterscheidung zwischen "Brotgelehrtem" und "philosophischem Kopf" geht auf Schiller zurück.

Die Akten zeigen Zimmermann zufolge, "dass die drei Suchende waren, Menschen, die zweifelten und auch Anstoß nahmen an den Verhältnissen – so wie viele junge Menschen". Meinhof, Mahler und Ensslin studierten in den 1950er und 1960er Jahren bei den wichtigsten Professoren ihrer Zeit. Während Meinhof bei Joachim Ritter in Münster und Carl Friedrich von Weizsäcker in Hamburg studierte, schwärmte Ensslin von Walter Jens in Tübingen.

Der Jurastudent Mahler belegte sogar ein Seminar beim Bundesverfassungsrichter Martin Drath über das KPD-Verbotsurteil. Später, nun rechtsextrem geworden, vertrat Mahler die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht. Mahlers Berichte an die Studienstiftung "zeugen von einer enormen intellektuellen und persönlichen Reife", sagte der Zeithistoriker Gallus. "Mit übergroßem Selbstbewusstsein erklärte er der Studienstiftung, wie er die Welt sah. Er schrieb nicht über popeliges Jurawissen, sondern über Grundsatzfragen."

Hinweis: In einer früheren Fassung hieß es, dass erst jetzt bekannt geworden sei, dass Meinhof, Ensslin und Mahler Stipendiaten bei der Studienstiftung waren. Das ist allerdings schon lange bekannt. Das Neue ist, dass die Akten nun freigegeben wurden. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.