Nach Angaben der Polizei und der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau haben Unbekannte am frühen Mittwochmorgen brennbares Material an der Eingangstür einer Asylbewerberunterkunft in Köthen in Brand gesetzt. Die Tür fing Feuer, konnte aber von Mitarbeitern der Unterkunft gelöscht werden. Zudem wurde ein Fenster beschädigt, laut Polizeisprecher durch einen Steinwurf. Verletzt wurde niemand, die Täter konnten fliehen.

Die Behörden riefen Zeugen auf, sich zu melden. Inzwischen liegt der Fall beim Staatsschutz, der für politische Kriminalität zuständig ist. Er ermittelt wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung. Noch werde geprüft, ob es sich um einen fremdenfeindlichen Anschlag oder um eine fahrlässige Tat handelt.

In dem Haus sind minderjährige Flüchtlinge in einer Wohngruppe untergebracht, wie der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg, Klaus Roth, sagte. Er warnte vor voreiligen Schlüssen und Beschuldigungen. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht bezeichnete die Tat als "beschämend und widerwärtig". Henriette Quade von der Linksfraktion im Landtag kritisierte, Hetze, Angriffe und Rufe nach Selbstjustiz seien auch in Köthen an der Tagesordnung. "Keine zwei Wochen ist es her, dass ein rechter Mob in Köthen wütete."

Sie spielt damit auf einen Demonstrationszug an, bei dem Polizisten mit Böllern angegriffen und Einsatzwagen beschädigt worden waren. Nach Angaben der Polizei hatten sich etwa 50 Demonstranten "augenscheinlich überwiegend aus dem rechten Spektrum" versammelt. Mit einem Aufzug durch die Stadt hätte die Gruppe auf einen angeblichen Übergriff zweier Asylbewerber auf zwei 15 Jahre alte Mädchen reagieren wollen, der sich zuvor ereignet haben soll. Die Ermittlungen dazu dauerten noch an, sagte ein Polizeisprecher.

"Nicht dem braunen Spuk überlassen"

Seit dem vergangenen Jahr hat die offenbar rechtsextremistisch motivierte Gewalt gegen Flüchtlinge massiv zugenommen – ohne dass die Polizei die Täter der zahlreichen Anschläge überführen kann: So ergab eine Recherche von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT, dass nach bundesweit 222 Angriffen im Jahr 2015 bis Ende November nur 41 Tatverdächtige ermittelt werden konnten.

Erst am Montagabend hatten zwei Sprengstoffanschläge in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden bundesweit für Entsetzen gesorgt. Die Sprengsätze waren an der Tür einer Moschee und am Kongresszentrum gezündet worden. Verletzt wurde niemand. Die Polizei geht zumindest beim Anschlag auf die Moschee von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.

Politiker zeigen sich sehr besorgt über den zunehmenden Rechtsextremismus vor allem in Ostdeutschland. Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Iris Gleicke, sprach etwa von einer "ernsten Bedrohung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der neuen Länder". Diese Übergriffe würden "aus der Mitte der Gesellschaft mitgetragen" oder von ihr akzeptiert, sagte die SPD-Politikerin. Sie erwarte nun ein "entschlossenes Handeln" von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. "Wir Ostdeutschen haben es selbst in der Hand, ob wir unsere Gesellschaft, unsere Städte und unsere Dörfer beschützen oder ob wir sie dem braunen Spuk überlassen", sagte Gleicke. Die Gesellschaft dürfe nicht wegschauen, wenn Menschen angegriffen oder Flüchtlingsunterkünfte angezündet würden. Es stehe für Ostdeutschland viel auf dem Spiel.