Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Kapitel Aktuelles lernen wir diese Woche, was ein Freispruch ist. Auch im Hauptteil geht es dann, allerdings etwas substanzieller, um den Zusammenhang von Sprache und Sinn, Weltverständnis und die Vorstellung von Ordnung. 

Aktuelles:

Frau Schwarzer hat den Kolumnisten per emma.de gebeten, einmal zu lesen, was sie zum Fall Kachelmann zu sagen hat. Der Kolumnist hat ernsthaft versucht, dieser Bitte nachzukommen, musste Teile des Textes dann aber doch überspringen. Der Grund dafür war, dass die Journalistin ein weiteres endloses Mal die uninteressante Geschichte ihrer (!) ganz persönlichen Überzeugungsbildung im (nach Meinung des Kolumnisten) ziemlich uninteressanten Fall K. erzählt. Wie immer fallen auch diesmal ihre Urteile für abweichende Ansichten vernichtend aus. Und wie immer übersieht sie, dass es für die Beurteilung des konkreten Rechtsfalls weder auf ihre Überzeugung, noch auf die ihrer Lieblingsfeinde je angekommen ist. Mit anderen Worten: Mir und der Weltgeschichte ist es wirklich gleichgültig, was irgendwelche strubbeligen Sachverständigen als die einzig wahre Wahrheit durchgesetzt hätten – wenn man sie bloß gelassen hätte.

Wenn man, wie der Kolumnist, seit vielen Jahrzehnten in der Justiz arbeitet, Tausende von "Fällen", Zehntausende von Schicksalen und ebenso viele Meinungen dazu gelesen, gehört, bedacht und entschieden hat, erscheint es einem faszinierend, mit welcher Bedingungslosigkeit und auf welch bedrückend niedrigem Niveau sich Menschen in Schlachten um "Wahrheiten" im Einzelfall stürzen, obwohl nichts auf der Welt sie dazu legitimiert und befähigt als ihre eigene Selbstgewissheit. Mit solchen Menschen über heilige Wahrheiten zu streiten, hat keinen Sinn: Man muss den Chefredakteur von auto motor und sport nicht fragen, ob er für Tempo 100 ist. Und man ahnt, wie die Beurteilung der Chancengleichheit in Deutschland ausfällt, wenn man wahlweise die Arbeitsloseninitiative Duisburg-Nord, den Verband der Jungen Unternehmer Baden-Württemberg, den Bezirksvorstand der GEW oder den Betriebsrat der RWE fragt. Geschenkt! 

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

Und weil das so ist, haben wir – unter anderem – Gerichte, Rechtswege, Entscheidungs-Wege, Legitimationsstrukturen für Entscheidungen, die einigermaßen unabhängig sind: Nicht weil die Menschen, die damit befasst sind, einen besseren Charakter hätten als alle übrigen, sondern weil sie nach Rechtsregeln handeln, die sich durch Nachdenken, Ausprobieren und Überprüfen in langen Zeiträumen als halbwegs geeignet erwiesen haben – jedenfalls als weitaus geeigneter als das, was der Spontan-Rülpser des Volkskörpers als jeweils gefühlte Gerechtigkeit hervorbringt. Bevor man die Ergebnisse dieses Rechtssystems also immerzu als falsch, parteiisch, voreingenommen, illegitim verachtet, sollte man überlegen, was man da tut, aus welchen Gründen man es tut und mit welchem besseren Recht. Das Obsiegen von bloßem Geschwätz aus Betroffenheit oder Empörung ist das Schlimmste, was einem Rechtsstaat passieren kann.

Ein Freispruch "aus Mangel an Beweisen" ist ein Freispruch. Jeder Freispruch in Deutschland ergeht "aus Mangel an Beweisen" für die Schuld. Warum auch sonst? Die absurde Konstruktion eines Freispruchs "aus erwiesener Unschuld" ist schon begrifflich eine Fiktion (die vermutlich aus dem frühkindlichen Konsum von US-Fernsehserien stammt), denn die "Erwiesenheit" der Unschuld ist ja genauso von Beweisen abhängig wie die Erwiesenheit der Schuld.

Und nun zur Sache:

Gestern, am 17. Oktober 2016, schlug die ARD voll zu: "Sie entscheiden über das Schicksal eines Menschen!", lautete die tagelang vorgeschaltete Werbung des WDR für den Fernsehfilm Terror, eine Abfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach. Als Theaterstück läuft es seit einem Jahr sehr erfolgreich, allein in Düsseldorf nudelte man es in der letzten Saison über 60 Mal herunter. Im Theater stimmen gemeinhin 60 Prozent der Zuschauer für "unschuldig". Im Fernsehen waren mehr als 80 Prozent.

Ich habe mich zu dem Stück selbst schon am 17. Mai in dieser Kolumne geäußert. Inzwischen habe ich den Film gesehen und an einer Hörfunk-Diskussion teilgenommen (WDR 5, 13.10.2016; anzuhören auf WDR-Mediathek). Beides hat mich darin bestärkt, die Sache hier noch einmal zu erörtern. Ich meine nämlich, dass Autor, Verlag und Medien ein übles Spiel zu Lasten der Bürger spielen.

Der Autor Schirach ist bekannt geworden als Verfasser von Büchern, die angeblich authentische Fälle nacherzählen, welche der Verfasser als "Strafverteidiger" erlebt zu haben behauptet. Ich will mich auf diese Karl-May-Debatte nicht einlassen und mir ist es egal, ob der "Bärentöter" des Rechtsgelehrten Schirach handgeschnitzt ist oder aus dem Baumarkt stammt. Nur treffen sollte er gelegentlich. Daran mangelt es leider in bedenklichem Maße.

Das Stück

Terror ist ein Theaterstück, das, soviel muss man wohl vorausschicken, mit Terror denkbar wenig zu tun hat. Der Titel ist vielmehr ein heiserer, populistischer Schrei nach Aufmerksamkeit. Das in dem Stück behandelte Rechtsproblem kann man am Beispiel eines "Terror"-Anschlags genauso gut oder schlecht verdeutlichen wie an zahlreichen anderen fiktiven – oder sogar historisch bewiesenen – Sachverhalten. Der Einstieg über den Begriff des "Terrors", verbunden mit einer naturalistisch imitierten Gerichtsverhandlung mit Anklage, Beweiserhebung, Urteil und vor allem der Aufforderung an den Zuschauer, an letzterem aktiv – als eine Art Geschworener, durch "Entscheidung über das Schicksal eines Menschen" – mitzuwirken (!), ist eine unverschämte, schwer erträgliche Manipulation der Öffentlichkeit im Namen eines quasistaatlichen Anliegens, ohne dem auch nur die mindesten staatlichen Garantien an Wahrhaftigkeit und Unvoreingenommenheit zugrunde zu legen. Das ist ein starkes Stück.