Eigentlich ist der Einheitstag ein Grund zum Feiern, trotz aller Beschwerden, die der Beitritt der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes mit sich brachte. Selbst Ostdeutsche, denen der Mauerfall mit Mitte vierzig die Arbeitsstelle genommen und die Erwerbsbiografie gebrochen hat, sollten dem gesamtdeutschen Rechtsstaat etwas abgewinnen können: Vor dem Gesetz gleich zu sein, statt Willkür ausgeliefert, und seine Meinung frei äußern zu dürfen – dafür hat sich dieser für manche harte Umbruch auf jeden Fall gelohnt.

Das 26. Einheitsfest in Dresden, im tiefen Osten also, hätte ein besonderes Symbol sein können für diesen für manchen schweren, aber insgesamt großartigen Weg. Haben doch couragierte Menschen auch hier auf dem Dresdner Altmarkt dazu beigetragen, dass Demokratie möglich wurde. Auf dem historischen Platz an der Kreuzkirche präsentierten sich jetzt die Bundesministerien, im Nachbarzelt der Bundesrat. Sachsen wurde zum Gastgeber für Menschen aus ganz Deutschland, fast eine halbe Million kam zu Besuch auf die bunten Festmeilen der Vereine, Bundesländer, Unternehmen. An der Brühlschen Terrasse genossen sie das nächtliche Feuerwerk in Schwarz-Rot-Gold und Europa-Blau, sie beklatschten auf der Blaulichtmeile der Polizei die Gleitschirmflieger der Spezialeinheit GSG9.

Und dennoch trog auch diesmal der Glanz der barocken Kuppeln. Denn das Fest wurde zur Plattform für Tausende Unbelehrbare, die sich auf Kundgebungen die Wirklichkeit zurechtbiegen, sich gesellschaftlichen Veränderungen strikt verweigern und Intoleranz pflegen bis hin zum Menschenhass. Früher hatten sie zwar den Mauerfall und das Westgeld begrüßt, heute aber unterstellen sie den Regierenden Verrat. Sie stopfen sich Watte in die Ohren und machen mit ihren Trillerpfeifen Krach, statt auch nur ansatzweise an Lösungen der Gegenwartsprobleme mitarbeiten zu wollen.

Gehörig schiefgegangen in Dresden

Seine Meinung, und sei sie auch noch so krude, soll jeder äußern dürfen – solange ihr Inhaber keinen beleidigt, ist das völlig legitim. Doch darf der Staat mitentscheiden, wo das geschieht. In Dresden ist das wieder mal gehörig schiefgegangen.

Als die Anhänger von Pegida losziehen wollten, übernahm ein Polizeibeamter bereitwillig das Verlesen der Versammlungsauflagen – was Aufgabe des Veranstalters gewesen wäre. Zum Abschluss wünschte er den Islamhassern einen "erfolgreichen Tag" – getrieben von welchem Geist auch immer. Obwohl die Behörde auf Distanz ging, zeigt der Vorfall, wie es um den Freistaat und seine Landeshauptstadt bestellt ist: Noch immer fehlt es dem Apparat an Sensibilität gegenüber rechtem Ungeist, es mangelt den Verantwortlichen an Urteilsvermögen, den Zuständigen an Entschlusskraft.

Wieder war in Dresden das Image wichtiger als die Haltung. Die Polizei ließ die Störer gewähren, um den barocken Schein zu wahren. Statt nach Wegen zu suchen, ihnen die Plattform zu nehmen. Die Trillerpfeifen durften die Stimmung um Frauenkirche und Semperoper so vergiften, dass sich kaum einer dort wohlfühlen mochte. Dabei war von den selbsternannten besorgten Bürgern kein Widerstand gegen die Staatsgewalt zu erwarten, hier hätte keiner Pflastersteine ausgegraben. 

Es wäre den Beamten ein leichtes gewesen, die Pöbler zurückzudrängen, statt Hunderte Menschen auf dem Einheitsfest zu verschrecken. Dies zu tun, wäre ein Signal gewesen: Wir dulden friedlichen Protest, aber nicht überall. Doch mit ihrer Entschlusslosigkeit machten Polizei und Versammlungsbehörde den Besuch des Festgottesdienstes zum Spießrutenlauf und den Einheitstag zur Farce.

Dresden - "Der Riss geht durch Familien und Freundeskreise" Dresden hat sich am Tag der Deutschen Einheit von seiner hässlichen Seite gezeigt. Der Student Eric Hattke organisiert seit Jahren den Widerstand gegen Pegida mit und tritt für ein würdiges Miteinander ein. © Foto: Christiane Wittenbecher