In Haiti sind durch den Hurrikan Matthew nach Angaben von örtlichen Behörden mindestens 339 Menschen gestorben. "Der gesamte Westen der südlichen Halbinsel ist schwer getroffen worden", sagte Holly Frew von der Hilfsorganisation Care im US-Fernsehsender CNN. "Wahrscheinlich wird die Zahl der Opfer noch weiter steigen."

Die Hauptstadt der Region Grand'Anse, Jérémie, sei zu weiten Teilen zerstört, sagte der Länderdirektor der Hilfsorganisation Care, Jean-Michel Vigreux. Alle Telefonverbindungen seien gekappt, die Stromversorgung zusammengebrochen. "80 Prozent der Häuser liegen in Trümmern. Die einzige Verbindungsstraße ist unpassierbar, und den Menschen gehen langsam Nahrung und Geld aus." Hilfsorganisationen warnen vor Krankheiten. "Die Katastrophe ist noch nicht vorbei: Durch die Überflutungen können auch Krankheiten wie Cholera oder das Denguefieber wieder ausbrechen – dann ist weitere Hilfe dringend notwendig", sagte Help-Projektkoordinator Timo Stegelmann.

Die Menschen im Südosten der USA bereiten sich auf die Ankunft des Hurrikans vor, unter anderem kaufen sie die Lebensmittelmärkte leer. Taschenlampen und Generatoren sind vielerorts ausverkauft. Tausende Menschen flüchteten, es gab Verkehrsstaus, an Tankstellen ging der Treibstoff aus, Schaufenster werden verrammelt. Matthew hat sich auf seinem Weg in nordwestlicher Richtung an Floridas Ostküste etwas abgeschwächt. Er sei momentan als Hurrikan der Kategorie 3 mit maximalen Windgeschwindigkeiten von 195 Stundenkilometern unterwegs, teilte das US-Hurrikan-Center in Miami mit. Trotz der leichten Abschwächung drohten dem Südosten der USA weiter massive Schäden. Der US-Wetterdienst sprach von "lebensbedrohlichen" Bedingungen. Insgesamt sind in den USA drei Millionen Menschen dazu aufgerufen, ihre Wohngebiete zu verlassen. 

Floridas Gouverneur Rick Scott warnte, wer sich der Anordnung widersetze, riskiere den Tod. "Geht nicht surfen, geht nicht an den Strand. Ihr werdet sterben", sagte Scott, dessen Evakuierungsbefehl für 1,5 Millionen Menschen galt.  "Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor." Er aktivierte 2.500 Nationalgardisten. 

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bat Gouverneur Scott, den Termin für die in den USA notwendige Wählerregistrierung für die nahende Präsidentschaftswahl über Dienstag hinaus zu verlängern. Der Republikaner lehnte das ab.

Größte Zwangsevakuierung seit Sandy

Auch in Georgia und South Carolina sind Hunderttausende aufgerufen, vor dem Sturm zu fliehen. Es ist die größte Zwangsevakuierung seit dem schweren Sturm Sandy im US-Osten im Jahr 2012. Insgesamt wurde für ein Gebiet mit elf Millionen Menschen eine Hurrikanwarnung ausgegeben. Georgias Gouverneur Nathan Deal ordnete für sechs Bezirke an der Küste Evakuierungen an. Die Verkündung des Ausnahmezustands durch Obama ermöglichte die Nutzung von Bundesmitteln für Notmaßnahmen.

US-Behördenvertreter sorgen sich, dass nicht genügend Bewohner die Evakuierungsbefehle befolgten. In den Verwaltungsbezirken Beaufort und Charleston in South Carolina haben laut Gouverneurin Nikki Haley erst 175.000 Menschen ihre Wohngebiete verlassen, obwohl die Anordnung dort für 250.000 Menschen galt.

Matthew sollte in der Nacht zum Freitag (Ortszeit) auf die Küste des Staats prallen. Neben Florida ordneten auch die Gouverneure der weiter nördlich gelegenen Bundesstaaten Georgia und South Carolina die Evakuierung küstennaher Gemeinden an. 

Schulen schließen, Bahnen fahren nicht mehr

In Florida schließen Schulen und Universitäten für den Rest der Woche, Disney World machte dicht. Helfer verteilen Sandsäcke. Bereits am Donnerstagmorgen wurden mehr als 1.500 Flüge in den US-Südosten vorsorglich gestrichen. Der Flughafen Fort Lauderdale in Florida schloss.

Die Eisenbahngesellschaft Amtrak stellte den Verkehr in die bedrohten Gebiete ein. Der Weltraumbahnhof der Nasa wurde geschlossen.

Der Hurrikan hat auf seinem Weg in Richtung USA neue Kraft geschöpft und wurde wieder auf die Stärke 4 hochgestuft – eine Stufe unter der Höchstkategorie, die er zwischenzeitlich erreicht hatte. Nach Angaben des US-Hurrikanzentrums tobt Matthew mit einer Windgeschwindigkeit von bis 220 Kilometern pro Stunde.

Damit könnte er der stärkste Hurrikan werden, der Florida seit Andrew 1992 heimsucht. Matthew könnte Wellen von bis zu 5,5 Metern Höhe auslösen, warnte das Hurrikanzentrum. Die von dem Sturm weggefegten Trümmer könnten eine solche Wucht erreichen, dass sie Gebäude und Fahrzeuge zerstören.

Zuvor hatte Matthew auch in der Dominikanischen Republik und in Kuba gewütet, danach fegte er über die Bahamas. Im Osten Kubas zerstörte Matthew die historische Stadt Baracoa mit ihren Häusern aus der Kolonialzeit. Zuvor waren in dem Land 1,3 Millionen Menschen vorsorglich in Sicherheit gebracht worden.