Der mutmaßliche Terrorist Jaber al-Bakr ist tot. Der 22-jährige Syrer, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, hat sich mit seinem T-Shirt in der Gefängniszelle in der JVA Leipzig erdrosselt. Sein Pflichtverteidiger kritisierte darauf hin die sächsische Justiz: "Ich bin wahnsinnig schockiert und absolut fassungslos, dass so etwas passieren kann", sagte Rechtsanwalt Alexander Hübner. Al-Bakr war am Montag unter dem Verdacht festgenommen worden, einen Sprengstoffanschlag in Berlin geplant zu haben.

Sachsens Justiz weist Vorwürfe zurück. Sie will keine Suizidgefahr beim Gefangenen erkannt haben. Was bedeutet der Tod des Terrorverdächtigen für die Ermittlungen? Antworten auf alle wichtigen Fragen finden Sie hier.

Was ist passiert?

Jaber al-Bakr wurde am Mittwochabend um 19.45 Uhr von einer Justizanwärterin tot in seiner Zelle aufgefunden. Er hatte sich mit seinem T-Shirt an einem Zwischengitter erhängt, das die Zelle teilt. Das Gitter dient dazu, dass Beamte die Zelle betreten können, ohne dass der Gefangene sie angreifen kann. Die Zelle war nicht videoüberwacht; eine solche Überwachung ist in Sachsen gesetzlich ausgeschlossen.

Al-Bakr war nach seiner Festnahme am 10. Oktober zunächst einer Haftrichterin vorgeführt worden. Dort hatte Al-Bakr angekündigt, dass er die Nahrung verweigern werde. Die Haftrichterin sah deshalb die Gefahr, Al-Bakr könne sich das Leben nehmen, und gab diese Information auch weiter. Am Montagnachmittag wurde Al-Bakr von einem Sondereinsatzkommando der Polizei in die Justizvollzuganstalt Leipzig eingeliefert.

Nach Angaben des Leiters des Gefängnisses konnte zunächst kein ausführliches Aufnahmegespräch mit Al-Bakr geführt werden, weil er dazu nicht ausreichend Deutsch gesprochen habe und kein Dolmetscher verfügbar war. Er sei sofort umgekleidet worden und habe dann als Anstaltskleidung eine Jogginghose und ein T-Shirt getragen. Al-Bakr sei ruhig aufgetreten. Wegen der Warnung des Haftrichters habe man den Gefangenen zunächst alle 15 Minuten kontrolliert. Eine akute Suizidgefahr, die es gerechtfertigt hätte, ihn in einem besonders gesicherten Haftraum unterzubringen, habe es nicht gegeben. Üblicherweise würden latent suizidgefährdete Gefangene mit anderen Inhaftierten untergebracht, damit sie nicht allein bleiben. In diesem Fall sei das aber nicht möglich gewesen, weil die Gefahr zu groß gewesen sei, dass er als mutmaßlicher Terrorist von anderen Gefangenen angegriffen werden könnte.

Später am Dienstag führte eine Psychologin ein eineinhalbstündiges Gespräch mit Al-Bakr, begleitet von einem Dolmetscher. In diesem Gespräch habe Al-Bakr sich ruhig und zurückhaltend gezeigt und sich für den weiteren Haftverlauf interessiert. Die Psychologin schätzte ihn daraufhin nicht als akut suizidgefährdet ein. In Absprache mit der Anstaltsleitung sei die Beobachtung auf einen halbstündigen Rhythmus erweitert worden.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat Al-Bakr die Lampe in seiner Zelle als beschädigt gemeldet. Die Lampe wurde daraufhin entfernt, der Strom im Raum abgeschaltet. Am Mittwoch stellten Beamte fest, dass auch eine Steckdose in der Zelle manipuliert worden sei. Die Dose sei jedoch stromlos gewesen. In einer Teambesprechung am Mittwochmorgen sei die Zerstörung der Lampe als Vandalismus eingeschätzt worden, nicht als Suizidgefahr. Solche Gewalttätigkeiten kämen bei neu Inhaftierten häufiger vor, sagte der Anstaltsleiter. Ein weiteres Gespräch mit Al-Bakr fand mangels Dolmetschers nicht statt.

Den ganzen Mittwoch über trat der Gefangene ruhig auf. "Es gab keine Hinweise auf irgendwelche emotionalen Ausfälle", sagte der Anstaltsleiter. Um 19.30 Uhr fand die letzte reguläre Kontrolle statt. Eine Viertelstunde später überprüfte eine Auszubildende zur Justizbeamtin die Zelle noch einmal aus eigenem Impuls, obwohl die Kontrollen auf einen halbstündigen Rhythmus ausgeweitet worden waren. Sie fand Al-Bakr und schlug Alarm. Die Beamten versuchten sofort, den Gefangenen wiederzubeleben, eine Gefängnisärztin kam hinzu, dann auch der Notarzt. Gegen 20.15 Uhr stellte der Notarzt den Tod Al-Bakrs fest. Ein Gerichtsmediziner hat Fremdverschulden weitgehend ausgeschlossen, es läuft die Obduktion. Die Staatsanwaltschaft ermittelt dennoch in alle Richtungen.

Wer ist Jaber al-Bakr?

Jaber al-Bakr wurde am 10. Januar 1994 in Saasaa geboren, einem Ort südlich von Damaskus. Der 22-Jährige kam im Februar 2015 nach Deutschland. Am 19. Februar 2015 wurde er in der Erstaufnahme München registriert, dann nach Chemnitz in die Erstaufnahme gebracht. Er erhielt eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung und wurde dem Landkreis Nordsachsen zugewiesen. Gemeldet war er in Eilenburg.

Was wurde Jaber al-Bakr vorgeworfen?

Jaber Al-Bakr war am Montag in Leipzig festgenommen worden, nachdem ihn mehrere Landsleute festgesetzt und die Polizei gerufen hatten. Zwei Tage zuvor war der Versuch der Polizei gescheitert, ihn in einer Wohnung in Chemnitz festzunehmen. Dort fand die Polizei 1,5 Kilogramm des hochgefährlichen Sprengstoffs TATP. Dazu fanden sich laut Bundesanwaltschaft "weitere Materialien, die unter anderem zur Herstellung einer Sprengstoffweste geeignet sind". Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes hätte Al-Bakr innerhalb weniger Tage eine Bombe in Deutschland zünden können. Offenbar plante er, Züge oder Flughäfen anzugreifen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Al-Bakr Verbindungen zum "Islamischen Staat" hatte. Die Daten des Mannes waren schon 2015 mit Daten der Sicherheitsbehörden abgeglichen worden, allerdings ohne Treffer. Unklar ist also, wann er sich radikalisiert hat. Verschiedene Medien berichteten, Al-Bakr habe sich im Sommer mehrere Monate lang in der Türkei aufgehalten. Offenbar reiste er auch in die syrischen Stadt Idlib.

Suizidgefährdete werden eng überwacht

Was bedeutet der Tod Al-Bakrs für die Ermittlungen?

Gegen Tote wird nicht ermittelt. Das Verfahren gegen Al-Bakr persönlich habe sich deshalb zunächst erledigt, sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft. Weiter ermittelt wird jedoch zum offenbar geplanten Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen. Die Ermittler wollen die Hintergründe des Terrorplans aufklären.

Zudem gibt es noch einen weiteren Verdächtigen, der an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Die Polizei hatte den Mieter der Wohnung in Chemnitz, in der Al-Bakr offenbar seine Bombe baute, ebenfalls festgenommen. Es handelt sich um den anerkannten syrischen Flüchtling Khalil A. Die Ermittler halten ihn für einen Komplizen Al-Bakrs. Gegen den 33-Jährigen wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat erlassen. Er befindet sich in der JVA Dresden und wird jetzt wegen möglicher Suizidgefahr in seiner Zelle durch eine Sitzwache dauerhaft kontrolliert.

Wie werden Suizidgefährdete im Gefängnis überwacht?

Fragt man den Bund der Strafvollzugsbediensteten, erhält man diese Antwort: Die Vorschriften sähen vor, die Zellen suizidgefährdeter Häftlinge alle 15 Minuten zu überprüfen. Nur bei einer sehr konkreten Suizidgefahr könnten Häftlinge in besonders gesicherte Hafträume verlegt werden, in denen es kaum Gegenstände gebe und die rund um die Uhr per Video überwacht würden. In solchen Zellen ließen sich Häftlinge auch fixieren, aber das sei das letzte Mittel.

Kurz erklärt - Suizide in deutschen Gefängnissen Seit deutsche Ministerien und Haftanstalten mehr auf die Prävention von Suiziden von Häftlingen achten, ging die Zahl der Selbsttötungen zurück. Erst seit Kurzem ist wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen.

Ähnlich beschreibt es auch die Sprecherin der Berliner Justizverwaltung: Im Umgang mit suizidgefährdeten Gefangenen gehe es immer darum, die Inhaftierten zu stabilisieren. Zunächst würden daher Ärzte und Psychologen den Gefangenen untersuchen und einschätzen, wie groß die Suizidgefahr ist. Dann müsse abgewogen werden, wie intensiv der Gefangene überwacht werden kann. Schon eine stündliche oder halbstündliche Beobachtung sei ein starker Eingriff in die Privatsphäre. Dazu müssten Justizbeamte durch den Spion sehen und nachts mit der Lampe in die Zelle leuchten oder die Tür öffnen. Der Gefangene würde dann nachts möglicherweise alle halbe Stunde aus dem Schlaf gerissen. Für akut gefährdete Gefangene gebe es in Berliner Gefängnissen einen besonders gesicherten Haftraum. Der Gefangene würde komplett umgekleidet, im äußersten Fall trage er nur ein Papierhemd. Dieser Raum enthalte keine weiteren Gegenstände und werde von einem Krankenpfleger rund um die Uhr per Infrarot-Kamera überwacht. Dies sei zwar die größte Form der Sicherheit, aber auch der schwerste Eingriff in die Freiheit und Menschenwürde des Gefangenen. Zudem stelle sich immer die Frage, ob es gelingen kann, jemanden unter solchen Bedingungen zu stabilisieren.

Wie häufig ist Suizid im Gefängnis?

2005 begann der Kriminologische Dienst im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzugs damit, bundesweit Daten zu Suiziden von Gefangenen abzufragen. Die Erhebung soll vorerst bis zum Jahr 2019 fortgesetzt werden. Demnach ging die Zahl der Suizide in deutschen Gefängnissen zwischen 2000 und 2014 durchschnittlich zurück. Nahmen sich 2000 noch 117 Insassen das Leben, waren 2013 nur noch 48 Fälle bekannt. 2014 stieg die Zahl allerdings wieder auf 55, 2015 dann auf 67 Fälle.

"Man muss die Suizidraten stets unter Berücksichtigung der Belegungszahlen betrachten", sagt Katharina Bennefeld-Kersten, die im Rahmen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms die Erhebung initiierte. Doch auch relativ zu sinkenden Häftlingszahlen gesehen sinke die Zahl der Suizide, seit die Ministerien und Anstalten vermehrt auf Prävention achten. Vor allem die Arbeit in den Aufnahmeabteilungen sei stark verbessert worden, sagt Bennefeld-Kersten. Untersuchungen hatten ergeben, dass sich viele Häftlinge in den ersten Tagen der Haft das Leben nahmen.

Weshalb die Suizidrate in den vergangenen beiden Jahren wieder leicht angestiegen ist, ist derweil nicht eindeutig zu erklären. "Möglicherweise ist eine gewisse Routine in den Anstalten und der Justiz entstanden", sagt Bennefeld-Kersten. Wer den Eindruck hat, das Problem im Griff zu haben, verliert es schneller aus den Augen. Dabei sei gerade die Suizidprävention ein Gebiet, in dem man ständig hellwach sein müsse.

Dass sich trotz der recht engen Überwachung im Gefängnis immer wieder so viele Menschen das Leben nehmen, erklärt Matthias Nagel, Präsidiumsmitglied des DBH-Fachverbands für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik: "Alles entscheidend ist die anfängliche Einschätzung. Wenn die daneben geht, geht's halt schief."

Hauptberuflich leitet Nagel die JVA Stuttgart-Stammheim, in der mehrere Terrorverdächtige inhaftiert sind. Entsprechend habe er Erfahrung mit Tatverdächtigen dieser Art und sei überrascht gewesen, als er vom Suizid al-Bakrs erfahren habe: "Ich war schon sehr überrascht. Selbst für mich ist das ungewöhnlich." Denn Terrorverdächtige muslimischen Glaubens neigten in der Regel nicht zu Gewalttätigkeit oder Selbstmord: "Ihr Glaube verbietet den Suizid", sagt Nagel.