Was bedeutet der Tod Al-Bakrs für die Ermittlungen?

Gegen Tote wird nicht ermittelt. Das Verfahren gegen Al-Bakr persönlich habe sich deshalb zunächst erledigt, sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft. Weiter ermittelt wird jedoch zum offenbar geplanten Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen. Die Ermittler wollen die Hintergründe des Terrorplans aufklären.

Zudem gibt es noch einen weiteren Verdächtigen, der an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Die Polizei hatte den Mieter der Wohnung in Chemnitz, in der Al-Bakr offenbar seine Bombe baute, ebenfalls festgenommen. Es handelt sich um den anerkannten syrischen Flüchtling Khalil A. Die Ermittler halten ihn für einen Komplizen Al-Bakrs. Gegen den 33-Jährigen wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat erlassen. Er befindet sich in der JVA Dresden und wird jetzt wegen möglicher Suizidgefahr in seiner Zelle durch eine Sitzwache dauerhaft kontrolliert.

Wie werden Suizidgefährdete im Gefängnis überwacht?

Fragt man den Bund der Strafvollzugsbediensteten, erhält man diese Antwort: Die Vorschriften sähen vor, die Zellen suizidgefährdeter Häftlinge alle 15 Minuten zu überprüfen. Nur bei einer sehr konkreten Suizidgefahr könnten Häftlinge in besonders gesicherte Hafträume verlegt werden, in denen es kaum Gegenstände gebe und die rund um die Uhr per Video überwacht würden. In solchen Zellen ließen sich Häftlinge auch fixieren, aber das sei das letzte Mittel.

Kurz erklärt - Suizide in deutschen Gefängnissen Seit deutsche Ministerien und Haftanstalten mehr auf die Prävention von Suiziden von Häftlingen achten, ging die Zahl der Selbsttötungen zurück. Erst seit Kurzem ist wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen.

Ähnlich beschreibt es auch die Sprecherin der Berliner Justizverwaltung: Im Umgang mit suizidgefährdeten Gefangenen gehe es immer darum, die Inhaftierten zu stabilisieren. Zunächst würden daher Ärzte und Psychologen den Gefangenen untersuchen und einschätzen, wie groß die Suizidgefahr ist. Dann müsse abgewogen werden, wie intensiv der Gefangene überwacht werden kann. Schon eine stündliche oder halbstündliche Beobachtung sei ein starker Eingriff in die Privatsphäre. Dazu müssten Justizbeamte durch den Spion sehen und nachts mit der Lampe in die Zelle leuchten oder die Tür öffnen. Der Gefangene würde dann nachts möglicherweise alle halbe Stunde aus dem Schlaf gerissen. Für akut gefährdete Gefangene gebe es in Berliner Gefängnissen einen besonders gesicherten Haftraum. Der Gefangene würde komplett umgekleidet, im äußersten Fall trage er nur ein Papierhemd. Dieser Raum enthalte keine weiteren Gegenstände und werde von einem Krankenpfleger rund um die Uhr per Infrarot-Kamera überwacht. Dies sei zwar die größte Form der Sicherheit, aber auch der schwerste Eingriff in die Freiheit und Menschenwürde des Gefangenen. Zudem stelle sich immer die Frage, ob es gelingen kann, jemanden unter solchen Bedingungen zu stabilisieren.

Wie häufig ist Suizid im Gefängnis?

2005 begann der Kriminologische Dienst im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzugs damit, bundesweit Daten zu Suiziden von Gefangenen abzufragen. Die Erhebung soll vorerst bis zum Jahr 2019 fortgesetzt werden. Demnach ging die Zahl der Suizide in deutschen Gefängnissen zwischen 2000 und 2014 durchschnittlich zurück. Nahmen sich 2000 noch 117 Insassen das Leben, waren 2013 nur noch 48 Fälle bekannt. 2014 stieg die Zahl allerdings wieder auf 55, 2015 dann auf 67 Fälle.

"Man muss die Suizidraten stets unter Berücksichtigung der Belegungszahlen betrachten", sagt Katharina Bennefeld-Kersten, die im Rahmen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms die Erhebung initiierte. Doch auch relativ zu sinkenden Häftlingszahlen gesehen sinke die Zahl der Suizide, seit die Ministerien und Anstalten vermehrt auf Prävention achten. Vor allem die Arbeit in den Aufnahmeabteilungen sei stark verbessert worden, sagt Bennefeld-Kersten. Untersuchungen hatten ergeben, dass sich viele Häftlinge in den ersten Tagen der Haft das Leben nahmen.

Weshalb die Suizidrate in den vergangenen beiden Jahren wieder leicht angestiegen ist, ist derweil nicht eindeutig zu erklären. "Möglicherweise ist eine gewisse Routine in den Anstalten und der Justiz entstanden", sagt Bennefeld-Kersten. Wer den Eindruck hat, das Problem im Griff zu haben, verliert es schneller aus den Augen. Dabei sei gerade die Suizidprävention ein Gebiet, in dem man ständig hellwach sein müsse.

Dass sich trotz der recht engen Überwachung im Gefängnis immer wieder so viele Menschen das Leben nehmen, erklärt Matthias Nagel, Präsidiumsmitglied des DBH-Fachverbands für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik: "Alles entscheidend ist die anfängliche Einschätzung. Wenn die daneben geht, geht's halt schief."

Hauptberuflich leitet Nagel die JVA Stuttgart-Stammheim, in der mehrere Terrorverdächtige inhaftiert sind. Entsprechend habe er Erfahrung mit Tatverdächtigen dieser Art und sei überrascht gewesen, als er vom Suizid al-Bakrs erfahren habe: "Ich war schon sehr überrascht. Selbst für mich ist das ungewöhnlich." Denn Terrorverdächtige muslimischen Glaubens neigten in der Regel nicht zu Gewalttätigkeit oder Selbstmord: "Ihr Glaube verbietet den Suizid", sagt Nagel.