Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft der australischen Regierung die Folter von Flüchtlingen und Asylsuchenden vor. Im Flüchtlingslager im pazifischen Inselstaat Nauru, das Australien betreibt, seien Menschenrechtsverletzungen, Missbrauch und Selbstverletzungen an der Tagesordnung, heißt es in einem Untersuchungsbericht von Amnesty International. Der menschenunwürdige Umgang mit den rund 400 auf Nauru eingesperrten Menschen erfülle auch nach internationalem Recht den Tatbestand der Folter.

Die Menschenrechtsorganisation forderte, die australische Regierung müsse nach internationalem Recht zur Rechenschaft gezogen werden, da sie Flüchtlinge auf Nauru vorsätzlich und systematisch vernachlässige und grausamer Behandlung aussetze.

Die Regierung steht wegen ihrer restriktiven Asylpolitik seit Langem in der Kritik. Der Bericht setzt sie nun zusätzlich unter Druck. Die leitende Amnesty-Forscherin Anna Neistat hatte nach Amnesty-Angaben seit Juli mehr als hundert internierte Flüchtlinge sowie ehemalige und aktuelle Mitarbeiter des Flüchtlingslagers befragt. Neistats Interviews "zeichnen ein Bild von Menschen, die zur absoluten Verzweiflung getrieben wurden", heißt es in dem Bericht.

Amnesty nennt das Flüchtlingslager "Freiluftgefängnis"

Die Internierten litten unter physischer Gewalt und sexuellen Übergriffen. Häufig verletzten sie sich aus Verzweiflung selbst, berichtet Amnesty. Viele Gefangene seien erst auf Nauru psychisch erkrankt. Zudem sei die medizinische Versorgung unzureichend, und Kinder würden nicht ausreichend vor Missbrauch geschützt. Seit dem vergangenen Jahr dürfen sich die Lagerbewohner zwar frei auf der Insel bewegen, werden dort aber laut Amnesty wiederholt von Einheimischen attackiert.

Neistat wirft der australischen Regierung vor, sie betreibe auf Nauru ein "Freiluftgefängnis", mit dem Ziel, so viel Leid anzurichten, dass es die Menschen abschrecke, Schutz in Australien zu suchen.

Australiens Regierung will mit dem Lager außerhalb des eigenen Territoriums die Zuwanderung von Migranten kontrollieren und Flüchtlinge von gefährlichen Überseefahrten abhalten. Auf See aufgegriffene Flüchtlinge werden deshalb nach Nauru gebracht. Sie haben keine Aussicht auf eine Aufenthaltserlaubnis für Australien – auch dann nicht, wenn sie als Flüchtlinge anerkannt werden.

Amnesty rügt in dem Bericht außerdem die Abschottung des Flüchtlingslagers auf Nauru. In den vergangenen Jahren habe nur eine Handvoll Journalisten und Anwälte Zugang zu dem Lager bekommen. Die australische Regierung kommentierte den Bericht zunächst nicht.

Ein zweites australisches Flüchtlingslager auf der Insel Manus, die zu Papua-Neuguinea gehört, muss demnächst geschlossen werden. Mitte August hatte das Oberste Gericht von Papua-Neuguinea die Internierung von mehr als 800 Bootsflüchtlingen dort für unzulässig erklärt.