Irak: In der Psyche eines traumatisierten Landes

Iraks Armee steckt beim Kampf um Mossul fest, der IS schlägt brutal zurück. Die Bilder von Folter und öffentlichen Hinrichtungen werden die Iraker noch lange verfolgen.
Irakische Soldaten manövrieren durch ein vom IS zurückerobertes Viertel in Mossul. © Thomas Coex/AFP/Getty Images
  • Unsere Reporter Andrea Böhm und Yassin Musharbash sind in der Region um Syrien und den Irak unterwegs.
  • Sie beobachten und analysieren für dieses Blog regelmäßig die Großoffensive gegen den "Islamischen Staat".
  • Die irakische Armee versucht seit dem Morgen des 17. Oktober, die Stadt Mossul vom "Islamischen Staat" zurückzuerobern.
  • Unterstützt werden die regulären Truppen von schiitischen und sunnitischen Milizen sowie kurdischen Peschmerga-Kämpfern.
  • Auch mindestens 1.500 irreguläre türkische Kämpfer nehmen an der Offensive teil.
  • Inzwischen stockt die Offensive, auch irakische Einheiten haben starke Verluste.
  • In Mossul werden rund 4.000 Kämpfer des IS vermutet.
  • Hilfsorganisationen befürchten, dass die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten geraten könnte. Bis zu 700.000 Menschen könnten laut UNHCR mittelfristig als Binnenflüchtlinge auf Hilfe angewiesen sein, manche Quellen rechnen sogar mit noch mehr.


  • 15:47 Uhr
    Andrea Böhm

    In der Psyche eines traumatisierten Landes

    Barack Obama hätte die Befreiung von Mossul gern noch vor dem Ende seiner Amtszeit verkündet. Daraus wird nichts – und das ist so ziemlich die einzige Vorhersage, die man derzeit Im Irak treffen kann.

    Die gute Nachricht aus Mossul ist: Offenbar schwindet die Angst der überwiegend sunnitischen Bevölkerung vor der irakischen Armee.

    Die hatte sich vor dem Einmarsch des IS im Sommer 2014 als ebenso korrupt wie unfähig erwiesen. Zudem wurden sunnitische Bewohner der Stadt von schiitischen Armee-Angehörigen und Sicherheitskräften immer wieder misshandelt und schikaniert. Der Rückkehr eben dieser Armee, womöglich noch verstärkt durch schiitische Milizen, sahen die Mossulis mit, gelinde gesagt, gemischten Gefühlen entgegen. Bislang aber halten sich die schiitischen Milizen von der Stadt fern und die Armee bemüht sich in den befreiten Stadtteilen tatsächlich um „hearts and minds“ der Menschen.

    Dutzende Exekutionen von Zivilisten

    Die schlechteren Nachrichten: Die Armee hat sich in den äußeren Viertel im Ostteil der Stadt fest gekämpft. Also in jenem Teil Mossuls, der als der militärisch „leichtere“ Abschnitt der Operation gilt. Im Westteil, der die Altstadt mit ihren engen, unübersichtlichen Gassen umfasst, wird es für die irakische Armee und irakische Anti-Terror-Einheiten noch einmal ungleich schwieriger werden.

    Unterdessen häufen sich die Meldungen über Exekutionen von Zivilisten durch den IS, über Selbstmordanschläge gegen die irakische Armee und Spezialeinheiten mit dem Ziel, diese „auszubluten“ – und immer wieder über Attentate vor allem gegen schiitische Zivilisten. Vor wenigen Tagen kamen bei einem Anschlag des IS über 80 Pilger nahe der Stadt Kerbala, einem religiösen Zentrum der Schiiten, ums Leben.

    Solche Massaker nehmen wir Journalisten ebenso wie unsere Leser inzwischen erschreckend beiläufig zur Kenntnis. Es sind „normale“ Meldungen, wenn die Ortsmarke „Irak“ heisst. Aber wir fragen nur selten, was diese „Normalisierung“ eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

    Die jungen Iraker kennen nichts anderes als Gewalt

    80 Prozent der rund 33 Millionen Iraker sind jünger als 40 Jahre alt. Sie haben also nie etwas anderes erlebt als den Ausnahmezustand: die Diktatur von Saddam Hussein, drei Golfkriege, verheerende internationale Sanktionen, und, nach der kurzen Euphorie im Jahr der amerikanischen Invasion 2003, den Aufstand gegen die amerikanische Besatzung, den Terror Al Kaidas, die Massaker schiitischer Milizen, schließlich der Durchmarsch des „Islamischen Staates“ im Sommer 2014 und jetzt die Offensive auf Mossul.

    Was macht diese nicht enden wollende Gewalt mit der kollektiven Psyche eines Landes und mit der seiner Menschen?

    Eine Hotellobby in Erbil, es ist ein Sonntag im Oktober, die Offensive auf Mossul ist seit einigen Wochen im Gang. Junge Leute mit Taschen über der Schulter verabschieden sich nach einer Fortbildung, sie gehen zurück in den Einsatz. Jeder und jede kommt noch schnell an den Tisch von Salah Ahmad, um sich zu verabschieden. Sie tragen keine Uniform oder Waffen, ihr Ziel ist nicht die Front um Mossul. Sie suchen nach den Spuren, die der Krieg in den Köpfen der Menschen hinterlässt.

    „Als ich hier mit der Arbeit anfing“, sagt Salah Ahmad, „wollte keiner akzeptieren, dass es eine Therapie ohne Pharmaka gibt.“

    Ahmad, 1959 geboren, war vor der Diktatur Saddam Husseins nach Deutschland geflohen und nach dessen Sturz zunächst in seine Heimatstadt Kirkuk zurück gekommen – ausgestattet mit einer Ausbildung als Psychotherapeut und jahrelanger Berufserfahrung am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer. 
Er kehrte heim in ein Land, das wie kaum ein anderes nach 1945 so massiv und immer wieder traumatisiert worden ist.

    Alpträume, Depressionen, Panik-Attacken sind weit verbreitete Symptome unter Irakern. Das Gegenmittel? Tabletten.

    2005 eröffnete Ahmad in Kirkuk eines der ersten Behandlungszentren für die Opfer politischer Gewalt im Irak. Medizinische Betreuung, Physiotherapie und Psychotherapie wurden kostenlos und ungeachtet der konfessionellen und ethnischen Herkunft der Patienten angeboten. Was in einer Stadt wie Kirkuk mit ihrer multi-ethnischen und multi-religiösen Bevölkerung durchaus Signalwirkung hatte. Hier hatte Saddam Hussein eine seiner Kampagnen der „Arabisierung“ vorangetrieben, hier melden viele Kurden nun mit dem Slogan „Kirkuk ist unser Jerusalem“ Anspruch auf Vorherrschaft an.

    Das Saddam-Regime folterte so sadistisch wie der IS

    
Zu diesem Zeitpunkt eskalierten bereits Terroranschläge, doch zunächst, sagt Ahmad, „kamen vor allem Menschen, die unter dem Regime gefoltert worden waren.“ Viele schilderten einen Sadismus, der verblüffende Parallelen zum inszenierten Terror des „Islamischen Staates“ aufweist. Amputationen, vom IS als islamische Form der Bestrafung angewandt, war auch im Irak der säkularen Baath-Partei Praxis. „Einmal tauchte ein Mann ohne Hände auf“, erinnert sich Ahmad. Ein Deserteur, der mit der Amputation seiner rechten Hand bestraft werden sollte. „Er hatte nach dem Urteil gebettelt, dass man ihm die linke abnimmt, weil er Rechtshänder ist. Das haben sie getan. Aber dann tauchte der Richter wieder auf und bestand darauf, dass sie ihm auch die andere Hand abschlagen.“ 


    Wie der IS dokumentierte auch das Saddam-Regime seinen Terror akribisch in Akten und auf Filmen. Manche Hinrichtungen wurden im Fernsehen übertragen. Über die Ähnlichkeiten zwischen der Baath-Diktatur und dem IS müsse man sich nicht wundern. „Schauen Sie sich die Führungsriege des IS an“, sagt Ahmad, „da finden sie viele Gefolgsleute von Saddam.“


    „Jiyan Foundation for Human Rights“ heisst seine Organisation, die inzwischen mit deutscher Unterstützung weitere Behandlungszentren in den kurdischen Städten Erbil, Sulimaniyah, Halabja, Chamchamal und Dohuk unterhält. Es kommen Frauen, die seit über 20 Jahren die Fotos ihrer verschwundenen Männer und Söhne bei sich tragen und nicht glauben wollen, dass die längst tot.

    Es kommen alte Peschmerga, die es bislang für „unmännlich“ gehalten hatten, über ihre Alpträume zu sprechen. Es kommen Mütter mit Kindern, die seit Monaten oder gar Jahren nicht mehr reden. Und nun kommen auch viele Jesidinnen, die aus der Gewalt des IS befreit worden sind.


    Mobile Teams der Jiyan-Foundation arbeiten zudem in den Flüchtlingscamps der Kurdischen Autonomen Region, die inzwischen über anderthalb Millionen Vertriebene beherbergt. Darunter sind Syrer, die vor dem Assad-Regime, dem Krieg und dem IS im Nachbarland geflohen sind. Turkmenen und Schiiten, die aus den vom IS eroberten Gebieten verjagt wurden; Sunniten, die vor schiitischen Milizen oder den Luftangriffen der irakischen Armee Schutz gesucht haben oder nun einen Fluchtweg aus Mossul gefunden haben – überglücklich, dem IS und dem Häuserkampf entkommen zu sein.

    "Sadma" ist das arabische Wort für Trauma

    Aber das Erlebte, die Bilder von öffentlichen Hinrichtungen und Bombenexplosionen lässt man eben nicht einfach zurück.


    „Sadma“ ist das arabische Wort für Trauma. Es meint eigentlich „Schock“. „Trawma“ ist der kurdische Begriff. Die Einsicht, dass hinter Trauma keine Krankheit, sondern biografische und oft hochpolitische Geschichten stecken, hat sich auch in westlichen Gesellschaften erst in den vergangenen vierzig Jahren durchgesetzt. Den politischen Kontext dieser Gewalt anzuerkennen und sie nicht zu einem individuellen klinischen Problem des Einzelnen zu machen, hat großen Einfluss darauf, wie gut die Betroffenen mit dem Erlittenen umgehen und leben können. Aber in einem Land wie dem Irak birgt das auch Potenzial für neue Konflikte.

    Überlebende und Opfergruppen würden häufig „für politische Ziele missbraucht und gegeneinander ausgespielt“, schreibt die Berliner Psychologin Karin Mlodoch, die mit dem deutsch-kurdischen Verein „Haukari“ seit über 20 Jahren mit Überlebenden der Verbrechen der Saddam-Diktatur im kurdischen Norden arbeitet. „Konkurrierende Fraktionen nutzen den Opferstatus als gewichtiges Argument, um Machtansprüche auf nationaler Ebene zu legitimieren.“

    Wer hat schlimmer gelitten unter Saddam – die Schiiten oder die Kurden? Warum sind die Jesiden jetzt die „Lieblingsopfer“ der internationalen Gemeinschaft ? Warum ignoriert die Welt Vertreibungsaktionen gegen Sunniten durch Schiiten und Kurden?

    Von Versöhnung ist der Irak weit entfernt

    All diese Fragen geistern durch den politischen Diskurs des Irak, sie unterstellen – manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht – ungleiche und damit politisch motivierte Aufmerksamkeit. So entstehen Opfernarrative, die für den nächsten Konflikt mobilisieren, nicht aber die Geschichte des Landes offenlegen, geschweige denn zur Versöhnung beitragen.

    Versöhnung braucht Jahre und Jahrzehnte der Ruhe und Stabilität. Davon ist der Irak weit entfernt.


    Weswegen man dann umso verblüffter vor einem wie Salah Ahmad sitzt, der als nächstes einen „Heilgarten“ in der Stadt Chamchamal nahe Kirkuk eröffnen will. Mit Grünflächen, Therapie-Räumen aus nachhaltigen Materialien wie Lehm und Holz, Biogas-Anlage.

    Fast rutscht einem die Bemerkung heraus, dass das ziemlich absurd klingt, wo doch Kirkuk erst vor wenigen Wochen Schauplatz einer tagelangen Schlacht zwischen IS-Kommandos und Peschmerga war.
 Aber die deutschen Maßstäbe für Sicherheit und Stabilität sind hier nicht anwendbar. Chamchamal sei sicher genug, sagt Ahmad, für einen Ort, an dem schwer traumatisierte Frauen und Kinder zu sich kommen können. Menschen, die sich, wie er es ausdrückt, „mit der Welt nicht mehr versöhnen wollen.“

    Von denen wird es auch in Mossul viele geben. Wobei die Gewalt auch dort nur ein Teil der Geschichte ist.

    Ein anderer ist der Umgang der Menschen damit. So gut wie jedes drakonische Gesetz des IS wird trotz Lebensgefahr unterlaufen. Auch das Alkohol-Verbot. Eine Untergrundbrauerei soll einige Zeit Bier auf den Schwarzmarkt gebracht haben. Whisky ist kaum mehr bezahlbar. Aber es gibt ihn noch.

    Das „Auge von Mossul“, aus dessen Blog wir hier immer wieder zitieren, berichtet in seinem aktuellen Post von einem Bekannten, der für 500 Dollar eine Flasche „Jack Daniels“ erstanden haben soll. Die hebe er sich für den Tag der Befreiung auf, an dem er ein paar Gläser trinken werde. Den Rest wolle er als historisches Zeugnis aufheben. 


  • 16:23 Uhr
    Andrea Böhm

    Wer Widerstand leistet, muss mit dem Tod rechnen

    Das Arsenal des "Islamischen Staates" besteht – so viel wusste man bislang – aus Panzerfahrzeugen, Sprengstoff, Mörsergranaten, Selbstmordattentätern sowie einem hoch professionellen Propagandaapparat. Jetzt muss man auch Schaufensterpuppen und Panzerattrappen aus Holz dazuzählen. Den Puppen klebten IS-Kämpfer Bärte an, die Holzpanzer wurden im Tarnfleck-Muster gestrichen. 

    Erstere sollen angreifende Bodentruppen der irakischen Armee und der Peschmerga ablenken, letztere US-Piloten dazu verleiten, ihre Raketen auf Attrappen aus der Tischlerwerkstatt abzufeuern. Das ist eine der aktuellen und eher harmlosen Episoden von der Offensive auf Mossul. 

    Andere lassen einen erstarren. 

    Man hat sich, so hart es klingt, an die Gräueltaten des IS gewöhnt: hier ein Massengrab mit Dutzenden von Opfern, dort wieder ein Selbstmordattentat. Aber nichts bereitet einen auf diese Worte des Bloggers von Mosul Eye vor, der beschreibt, was die Vereinten Nationen vor einigen Tagen in dürren Zahlen an die internationalen Medien weitergegeben hatten: Die Exekution von 40 Mosulis – der Blogger spricht von 50 Opfern – wegen angeblicher Spionage für die irakische Armee. 

    Einige der Leichen wurden an Strommasten aufgehängt, andere gekreuzigt. 

    "Kinder, Männer und Frauen sahen die Leichen so, wie sie da zur Schau gestellt wurden. Niemand brachte ein Wort heraus. (…) An einem der Strommasten lehnte ein IS-Kämpfer und las inbrünstig im Koran." 

    Einer der Gekreuzigten, schreibt der Blogger weiter, sei noch am Leben gewesen. "Ein Kind hat auf ihn gezeigt und gesagt: 'Papa, der Mann bewegt seine Augen.' Aber keiner wagte es, ihm zu helfen." Der Mann sei wenig später von IS-Kämpfern durch eine Kugel in den Kopf getötet worden.

    "Am nächsten Morgen waren alle Leichen auf den Straßen verschwunden. Wir wissen nicht, wohin man sie gebracht hat. (…) Egal, was ich tue, um sie zu vergessen, wenn ich nur meine Augen schließe, taucht die ganze Szene wieder vor mir auf."

    Man muss an dieser Stelle den Hinweis geben, den man bei so gut wie allen Informationen aus Mossul geben muss: Dass solche Berichte nicht unabhängig zu verifizieren sind, dass nicht einmal die Identität des Bloggers bekannt ist. Aber am Ende weiß man doch genau, was man da liest: Die Zeilen eines Menschen, der unter Lebensgefahr Zeugnis ablegt.

    Der Blogger und seine Stadt werden noch lange durchhalten müssen. Der IS hat seit Beginn der Offensive am 17. Oktober zweifellos viel Territorium verloren. Am Wochenende eroberten irakische Truppen das antike Nimrud zurück, dessen archäologische Schätze vom IS zu weiten Teilen zerstört worden sind. Mossul ist inzwischen fast völlig umzingelt. Doch irakische Einheiten haben in den vergangenen Tagen auch schwere Verluste hinnehmen müssen. 

    Der Übergang vom Kampf in weitläufigen dörflichen Gebieten in die engen Straßen des Mossuler Stadtrands ist für viele zur Falle geworden. Vergangene Woche haben die CNN-Journalistin Arwa Damon und der Fotograf Brice Laine auf dramatische Weise dokumentiert, wie eine Antiterroreinheit der irakischen Armee bei der Einfahrt in einen Außenbezirk der Stadt fast aufgerieben wurde. 

    Zudem bleibt die Frage, welche offiziell befreiten Gebiete tatsächlich als sicher betrachtet werden können. Weder irakische Armeeeinheiten noch kurdische Peschmerga haben die Kapazitäten, alle Orte, aus denen der IS bislang vertrieben worden ist, flächendeckend zu entminen und die Tunnelsysteme nach IS-Kämpfern abzusuchen. 

    In einige Dörfer und Kleinstädte konnten geflohene Zivilisten schon bald zurückkehren. Andere sind weiterhin zu unsicher. Oder – und das ist eine hochproblematische Entwicklung – sie wurden "gesäubert". Racheaktionen gegen sunnitische Araber, denen oft pauschal Sympathien mit dem IS unterstellt werden, hatte man im Vorfeld der Offensive vor allem seitens schiitischer Milizen, den sogenannten Haschd al-Schabi, befürchtet, die denn auch zusichern mussten, nicht in das sunnitisch dominierte Mossul vorzurücken. 

    Nun hat Human Rights Watch erneut kurdischen Peschmerga vorgeworfen, in vom IS befreiten Dörfern systematisch die Häuser arabischer Bewohner gesprengt und niedergewalzt zu haben, während die von Kurden verschont geblieben seien. 

    Die Zerstörungen, die zum Teil auch von Amnesty International dokumentiert worden waren, fallen in den Zeitraum zwischen September 2014 und Mai 2016, liegen zeitlich also vor dem Beginn der Offensive auf Mossul. 

    Dazu muss man wissen, dass die kurdische autonome Region im Nordirak seit dem Sommer 2014 Hunderttausende Vertriebene aus den vom IS besetzten Gebieten aufgenommen hat. Darunter Kurden, Turkmenen, Jesiden, aber auch viele sunnitische Araber. Gleichzeitig hat die kurdische Autonomieregierung den Krieg gegen den IS zweifellos dazu genutzt, ihr Territorium über die Grenzen der autonomen Region auszudehnen. Das wird in Erbil damit begründet, dass man sich lediglich "historisch kurdische" Gebiete zurückhole, die unter der Diktatur Saddam Husseins mit sunnitischen Arabern besiedelt worden seien. 
     
    Es gibt in Mossul auch bewaffnete IS-Gegner
     
    Diese Strategie der "Arabisierung" hat es zweifellos gegeben. Aber was "historisch kurdisch" bedeutet, ist umstritten. Mit solchen Vertreibungen nährt die kurdische Führung die Unsicherheit vieler arabischer Iraker in und um Mossul, die sich einerseits nichts sehnlicher wünschen als die Befreiung vom "Kalifat" und andererseits nicht wissen, was sie von ihren Befreiern zu erwarten haben. 

    Seit Beginn der Mossul-Offensive sind über 50.000 Menschen geflohen, die Zahl dürfte umso schneller steigen, je näher irakische Einheiten in die Stadt vorrücken. Bewohner berichten in diesen Tagen, der IS zwinge sie, Wände in ihren Wohnungen einzureißen, damit sich die Kämpfer im bevorstehenden Häuserkrieg schneller bewegen können. Die Benutzung privater Generatoren wurde verboten, wodurch es schwieriger wird, Handys und Laptops für die Kommunikation mit der Außenwelt wieder aufzuladen. Benzin ist ohnehin kaum noch zu haben. 

    Über der Stadt muss eine schier unerträgliche Spannung liegen. Je mehr sich die Menschen auf das Ende mit Schrecken der IS-Herrschaft einstellen, desto unerträglicher wird das Warten. Warum erheben sie sich dann nicht, warum wagen sie nicht den großen Aufstand? Diese Frage geht einem immer wieder durch den Kopf – und verbietet sich doch gleich wieder in Anbetracht des Terrors. Von außen ist sie nicht zu beantworten. 

    Wer Widerstand leistet, muss mit dem Tod rechnen. Wer gewaltsamen Widerstand leistet, muss befürchten, dass der IS mit Strafaktionen Dutzende weitere Menschen tötet. Einige wagen ihn trotzdem. Unter dem Namen Kataib al-Mossul operieren seit mehreren Monaten bewaffnete IS-Gegner in der Stadt, die immer wieder hochrangige Dschihadisten durch Attentate töten. Vor zwei Tagen haben sie nach eigenen Angaben einen IS-Kommandanten namens Ahmad Mohamed Abid erschossen. Abid war offenbar ein Hauptverantwortlicher für die Durchführung von Massenexekutionen. Auch die jener Mosulis, deren Leichen vergangene Woche an Strommasten gehängt wurden. 

  • 12:59 Uhr
    Yassin Musharbash

    Was kommt nach dem IS?

    Im August, als die Offensive gegen den "Islamischen Staat" (IS) und seine Hauptstadt Mosul noch nicht begonnen hatte, sich aber bereits abzuzeichnen begann, habe ich in Amman ein langes Gespräch mit Munqith al-Dagher geführt. Al-Dagher betreibt ein Meinungsforschungsinstitut, das unter anderem im Irak Daten erhebt, woher al-Dagher stammt. In einem früheren Leben aber war Al-Dagher Offizier der irakischen Armee – ein Posten, den er, wie viele viele andere, nach Beginn der US-geführten Invasion 2003 verlor.

    Al-Dagher gehört zu jenen, die diesen Schock verkraftet und sich eine neue Existenz aufgebaut haben. Sein geschmackvoll eingerichtetes Büro zeugt ebenso davon wie seine nüchterne Art zu analysieren. Aber er kann auch sehr eindrücklich erzählen, was für eine Demütigung es für die Offiziere der Saddam-Armee bedeutete, als sie nach einem Leben voller Privilegien und Prestige plötzlich vor dem Nichts standen.

    Viele dieser Ex-Offiziere, sagt al-Dagher, seien bis heute voller Hass auf die USA und die neue irakische Regierung. Und etliche von ihnen haben sich in den Jahren nach 2003 dem IS angeschlossen, wo ihre Handschrift vor allem bei militärischen Operationen bis heute erkennbar ist.

    Al-Dagher hat im August ein Editorial darüber geschrieben, was seiner Meinung nach passieren muss, damit nach dem Fall Mossuls nicht wieder Bedingungen entstehen, die den Terroristen ein Wiedererstarken ermöglichen. Er plädiert für eine lokale Lösung, eine Art Mikroföderalismus: Die Menschen in Mossul müssen seiner Meinung nach selbst über ihre Angelegenheiten bestimmen.

    Mittlerweile hat sich die irakische Armee bis in die ersten Stadtviertel Mossuls vorgearbeitet. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, Al-Daghers Editorial zu lesen. Ich habe es für dieses Blog aus dem Englischen übersetzt und sehr leicht gekürzt.

    Es besteht kein Zweifel daran, dass der sogenannte Islamische Staat (IS) bald besiegt werden wird. Aber seine in der gesamten Region verbreitete extremistische Ideologie wird bestehen bleiben, wenn wir weiterhin ignorieren, woraus sie sich speist.

    Als irakischer Anti-Terror-Experte und als Experte für die öffentliche Meinung im Irak bin ich überzeugt davon, dass die wahre Schlacht gegen den IS noch komplizierter werden wird, wenn Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, erst einmal befreit ist. Nachdem der IS 2014 die Kontrolle über Mossul gewann, wurde die Stadt zu einem Zentrum, von dem aus diese extremistische Organisation ihre Tentakel in der Region und darüber hinaus wuchern lassen konnte.

    Kurz bevor der IS die Stadt übernahm, zeigten Umfragen, dass 85 Prozent der Bewohner Mossuls der Ansicht waren, ihr Land habe einen falschen Weg eingeschlagen, während 75 Prozent der Bewohner sagen, dass die Menschenrechte nicht respektiert würden. Zwei Drittel glaubten, dass Regierungsinstitutionen in ihre privaten Angelegenheiten eindrängen und 83 Prozent der befragten Haushalte sagten aus, dass sie sich in ihrer Nachbarschaft unsicher fühlten.

    Am alarmierendsten ist, dass eine Woche, nachdem der IS Mossul besetzte, 81 Prozent der Haushalte erklärten, sie fühlten sich sicher. Viele Menschen in Mossul verabscheuten die schiitisch dominierte Regierung und deren Milizen, die Übergriffe begingen; sie bevorzugten es sozusagen, vom IS unterdrückt zu werden.

    Als der IS die Stadt übernahm, behandelte er die Bürger anständig, baute Checkpoints ab und öffnete zuvor gesperrte Straßen. Viele Menschen konnten ihren Augen kaum trauen, dass es auf einmal keine schiitische Armee mehr in der Stadt gab und dass Gefangene freigelassen wurden.

    Wenn nun aber nach der Befreiung Mossuls dieselben Politiker wie zuvor die Stadt regieren – dann werden der alte Zorn und die Ablehnung wiederkehren. Und die Bedingungen für das Aufflammen von Terrorismus damit weiterbestehen.

    Um das zu verhindern, müssen wir die Sorgen der Menschen ansprechen und frühere Fehler vermeiden. Dazu gehört die Strategie, den Bewohnern Mossuls mehr Autorität über ihre eigenen Angelegenheiten zu geben. Eine solche Strategie setzt eine andere Herangehensweise voraus als jene, die einige Lokalpolitiker fordern. Diese Politiker, die Teil des Problems waren, erkennen im Föderalismus die Lösung für alle Probleme der Sunniten im Irak. Unglücklicherweise vertreten auch einige US-Beamte diese Ansicht.

    Aber in der aktuellen politischen Landschaft würden der Föderalismus und die Macht, die in den Händen der politischen Elite liegt, die Spannungen mit der Bundesregierung in Bagdad nur verschärfen. Es besteht die Gefahr, dass sich ein Machtkampf zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden anbahnt. Das sind genau die Bedingungen, die Gruppen wie der IS benötigen, um aufzublühen.

    Der Vorschlag, den ich unterbreiten möchte, berücksichtigt nicht nur die Anliegen von Sunniten, Schiiten und Kurden, sondern auch jene von Christen, Jesiden und Schabak [eine ethnische Minderheit im Nordirak, YM], marginalisierte Gruppen mithin, die in freien und fairen Wahlen angemessen vertreten würden.

    Die Strategie, die Menschen von Mossul zu ermächtigen, müsste in Gang gesetzt werden von anerkannten, vertrauenswürdigen Menschen aus Mossul selbst – und nicht von der politischen Elite, die von ausländischen Mächten installiert wurde; ob es sich dabei nun um die USA, Türkei, den Iran oder andere regionale oder internationale Akteure handelt.

    Das ist nur möglich, wenn es unvoreingenommene und unabhängige lokale Autoritäten gibt, die erst einmal ein Umfeld schaffen, das späteren freien und fairen Wahlen zuträglich ist. Die gegenwärtigen Politiker können das nicht. Alle Betroffenen sollten sich deshalb auf eine lokale Übergangsregierung aus Technokraten verständigen, die ein Mandat erhält, das keinesfalls länger als zwei Jahre gültig sein sollte.

    Alle Mitglieder dieser Regierung sollten sich zudem verpflichten, in den kommenden Wahlen nicht zu kandidieren. Diese Übergangsregierung sollte mit der Bundesregierung in Bagdad und mit internationalen Institutionen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige lokale Wirtschaft aufzubauen.

  • 10:17 Uhr
    Yassin Musharbash

    Wo ist Abu Bakr al-Bagdadi?


    Der Mann, der in allen geistlichen, weltlichen und in zumindest ziemlich vielen militärischen Angelegenheiten beim "Islamischen Staat" (IS) das letzte Wort hat, ist ein Phantom. Seit Jahren, und mit Absicht. Keine Drohne soll ihn treffen, kein Spezialkommando der US-Armee soll ihn finden können. Seit sich Abu Bakr al-Bagdadi im Sommer 2014 zum Kalifen ausrufen ließ, ist er überhaupt nur ein Mal öffentlich aufgetreten.


    Sogar Reden gibt es nur wenige von ihm; seit Dezember 2015 hatte er sich nicht mehr an seine Anhänger und Feinde gewandt. Heute, am frühen Donnerstagmorgen, gut zwei Wochen nach Beginn der Offensive auf Mosul, die irakische Hauptstadt seines Kalifats, brach er sein langes Schweigen. Der IS veröffentlichte eine 31 Minuten lange Audiobotschaft Al-Bagdadis. Einer der zentralen Sätze lautet: "Das Ausharren in Ehre ist tausend Mal besser als ein Abzug in Schande."


    Die Kämpfer des IS sollen ihren Emiren vor Ort gehorchen und sich den Angreifern unerschrocken in den Weg stellen, erklärt er weiter, "lasst ihr Blut in Flüssen fließen". Darüber hinaus ruft er IS-Kader dazu auf, in der Türkei und in Saudi-Arabien Anschläge zu begehen.


    Überraschungen enthält die Rede nicht. Variiert werden vor allem folgende Motive: Uns ist von Gott der Endsieg versprochen; alle Welt hat sich gegen uns verschworen; die Schlacht wird unseren Glauben nur stärken. Mossul wird interessanterweise nicht namentlich genannt, lediglich Niniveh erwähnt al-Baghdadi, der Name der Provinz, in welcher Mossul liegt.


    Es gibt viele Theorien, wo sich Al-Bagdadi versteckt


    Wo Al-Bagdadi selbst sich aufhält, darüber gibt seine Ansprache ebenfalls keinerlei Aufschluss. Nur dass die Rede noch nicht allzu alt ist, lässt sich erschließen. Denn der IS-Chef erwähnt darin den Tod seines Spracher Abu Mohammed al-Adnani, der am 30. August 2016 ums Leben kam.


    Wo aber ist Al-Bagdadi? Und ist das überhaupt wichtig?


    Die Antwort auf die erste Frage kennen mit Sicherheit weniger Menschen als es zu wissen glauben.

    In einigen Zeitungen stand zu lesen, Al-Bagdadi befinde sich in Mossul selbst und sei von der irakischen Armee eingekreist. Als Quelle wird der Stabschef des kurdischen Präsidenten Mahmoud Barzani zitiert. Der soll demnach auch gesagt haben, Bagdadis Tod würde den Zusammenbruch des IS bedeuten.


    Als ich vorletzte Woche im Nordirak war, versicherte mir allerdings ein hochrangiger Kommandeur der irakischen Armee, er verfüge über Informationen, dass Bagdadi zwar bis vor Kurzem in Mossul gewesen sei, nun aber nicht mehr. Und ein IS-Anhänger, der mit den Dschihadisten gut verdrahtet ist, erklärte mir schon vor Wochen, dass Bagdadi nach seinen Informationen seit vier Monaten tot sei. Zumindest diese These scheint widerlegt, weil Bagdadi den Tod seines Sprechers erwähnt, seine Rede also nicht älter als zwei Monate sein kann.


    Dann wiederum gibt es zahlreiche glaubwürdige Beobachtungen syrischer Rebellengruppen, denen zu Folge bereits vor Beginn der Mossul-Offensive mehrere Konvois IS-Führungspersonen in die zweite Hauptstadt des Kalifats, ins syrische Rakka verbracht hätten.

    Durchaus möglich, dass Bagdadi in Rakka ist. Ebenso denkbar aber, dass er irgendwo anders steckt: In einem kleinen Dorf in der irakischen Wüste oder in einem kleinen, vom IS gehaltenen Nest in Südsyrien. Nur ein Unterschlupf im Ausland scheint schwer vorstellbar. In Libyen, im Jemen oder auf dem ägyptischen Sinai wird er wahrscheinlich nicht auftauchen, die Wege dorthin sind für einen Mann wie Al-Bagdadi, dessen Gesicht ja immerhin bekannt ist, ziemlich sicher versperrt.


    Kommen wir also zur zweiten Frage: Ist es am Ende egal, wo er ist, weil es auf Al-Bagdadi gar nicht ankommt?

    Sagen wir es so: Insbesondere westliche Armeen tendieren dazu, die Bedeutung dschihadistischer Führungspersonen zu überschätzen. Der Kampf gegen den IS ist aber nicht wie ein Schachspiel, das vorbei ist, wenn der König fällt. "Natürlich steht längst ein potenzieller Nachfolger für das Amt des Kalifen bereit", versicherte mir ein irakischer IS-Anhänger kürzlich.


    Der Westen überschätzt die Rolle von Führungsfiguren


    Das mag stimmen oder auch nicht, aber eines ist klar: Die meisten IS-Anhänger wissen praktisch gar nichts über Abu Bakr al-Bagdadi. Auch für sie ist er nur ein Name. Sie haben sich nicht wegen ihm dem IS angeschlossen, sondern entweder schon, bevor er sich zum Kalif erklärte, oder wegen des Kalifats und der Idee, einen vermeintlich gottgefälligen Staat aufzubauen. Al-Baghdadi ist kein großer Charismatiker, um ihn ranken sich keine beeindruckenden Legenden, seine Reden waren weniger beeindruckend als die seines Sprechers Al-Adnani.


    Als Abu Musab al-Sarkawi getötet wurde, der Gründer der Vorläuferorganisation des IS, veröffentlichte die Gruppe einen Nachruf, in dem es hieß: Wer glaubt, wir würden für einen Mann kämpfen, hat sich getäuscht. Wir kämpfen für unsere Religion. Ziemlich sicher würde der IS auf den Tod Al-Bagdadis ähnlich reagieren. Und die meisten Kämpfer vermutlich auch.

    Dschihadisten denken anders, als wir es gewohnt sind. Wenn sie von der Grundannahme ausgehen, dass der Endsieg vorherbestimmt ist, dann kann eine Niederlage, wie jene, die nun in Mossul droht, ja gar nicht endgültig sein. Dann muss sie eine Art Test sein. Der IS-Experte Will McCants wies kürzlich darauf hin, dass die Fundamentalisten, die zwei Mal dabei scheiterten, den Staat aufzubauen, der heute Saudi-Arabien ist. Dieses zwischenzeitliche Scheitern wurde seinerzeit als "Mihna", als Prüfung Gottes, interpretiert. McCants glaubt, dass der IS es mit Blick auf die Bedrohung seines Staates ähnlich sehe.

  • 21:57 Uhr
    Andrea Böhm

    „Stille und Ruhe beherrschen immer noch die Stimmung in Mossul. Ich werde heute nicht über die Angst schreiben. Ich werde über meine Träume schreiben, die vielleicht zu meiner Lebenszeit nicht verwirklicht werden.“ 


    So beginnt heute ein Eintrag des anonymen Bloggers in Mossul, der unter dem Titel Mosul Eye seit mehr als zwei Jahren über das Leben in seiner Heimatstadt unter der Herrschaft des IS schreibt. 

     Am Dienstag haben irakische Militärs erstmals die Stadtgrenze überschritten und im östlichen Stadtteil Kukjali ein Gebäude des staatlichen irakischen Fernsehen eingenommen. Jetzt rücken sie Meter um Meter weiter in die Stadt vor, immer wieder aufgehalten durch Sprengfallen, Beschuss durch IS-Scharfschützen, Angriffe durch Selbstmordattentäter, deren Reihen offenbar unerschöpflich sind. 

     Unzählige Zivilisten als Schutzschilde gehalten 

     Die Offensive geht also schneller voran als erwartet. Bloß weiß jeder, dass das Schlimmste noch bevorsteht: Der Kampf um das offenbar weitläufig untertunnelte und verminte Stadtzentrum, der Krieg um Straßenzüge und Wohnblocks, in denen vermutlich unzählige Zivilisten als menschliche Schutzschilde festgehalten werden. 

     „Ich höre Itzhak Perlman zu“, schreibt der Blogger aus Mossul, „ich lerne über seine wunderbare Beziehung zu seinem Instrument.“ Wahrscheinlich kann man sich nur so vor dem nahenden Krieg abschotten, der hoffentlich in eine Befreiung und keine Zerstörung mündet. Der irakische Blogger liebt offenbar Perlman, den israelischen Geiger. Und wenn man seine Zeilen liest, ahnt man: Der Mann will nicht fliehen aus seiner Stadt, will ihr auch jetzt nicht den Rücken kehren. 

     Die große Flüchtlingskatastrophe ist bislang ausgeblieben. Zum einen, weil es kaum noch möglich ist, Mossul zu verlassen – die Schmuggler verlangen inzwischen 3000 Dollar, um eine Person an den Checkpoints vorbei zu schleusen. Zum anderen, weil der IS Bewohner aus den umliegenden Dörfern in die Stadt getrieben hat. Und weil viele selbst während schwerer Kämpfe nicht fliehen wollen. 

     Die über 10.000 Bewohner der Stadt Quayyarah sind geblieben, als irakische Armeeeinheiten bereits im Sommer auf die Stadt vorrückten und den IS – zumindest weitgehend – vertrieben. Seither wird der Nachschub für die Offensive von einem Militärflughafen bei Qayyarah abgewickelt. 

     Die Dschihadisten sind noch lange nicht geschlagen 

     Als wir vor einigen Tagen die Lage in Qayyarah erkunden wollten, fuhren wir buchstäblich auf eine schwarze Wand zu. Der IS hatte bei seinem Rückzug die Ölfelder nahe der Stadt angezündet. Und wirklich geschlagen ist sind die Dschihadisten hier keineswegs. 

     Kurz nach Beginn der Offensive auf Mossul am 17. Oktober gelang es ihnen, eine Schwefelfabrik nahe der Stadt in Brand zu setzen. Seitdem mischt sich der pechschwarze Rauch des brennenden Öls mit den hochgiftigen Wolken aus Sulphurdioxid. Die Umweltkatastrophe ist von der Internationalen Raumstation der NASA im Weltall zu sehen. 

     Wir nahmen an diesem Tag einen Umweg weg von der schwarzen Wand Richtung Hadsch Ali, einer Kleinstadt nahe Qayyarah, die wenige Tage zuvor befreit worden war und nun von einer lokalen sunnitischen Miliz kontrolliert wird. 

     Die Männer hockten auf dem eingestürzten Dach des Hauses des örtlichen Sheikhs, das wie ein grauer Betonlappen über einem Teil des Gartens lag, und kochten Tee. Der IS habe das Haus gesprengt, sagten sie. Die Ruinen deuteten eher auf die Folgen eines irakischen oder amerikanischen Luftangriffs hin. 

     "Der Westen muss uns mehr Waffen schicken" 

     Im surrealen Licht, erzeugt vom Rauchschleier vor den Sonnenstrahlen, verschwamm uns zunehmend der Durchblick, mit wem wir es hier eigentlich zu tun hatten. Mit entschiedenen Gegnern des IS? Mit Bewohnern, die sich mit den Dschihadisten während ihrer Herrschaft arrangiert hatten? Mit einer Kleinstadt, die sich nun in den unklaren Machtverhältnissen eines Post-IS-Irak aufrüstet? „Wir brauchen Waffen“, erklärte der Sheikh. „Der Westen muss uns mehr Waffen schicken.“ 

     Wir nickten pflichtschuldig, verabschiedeten uns und überquerten bei Hadsch Ali den Tigris, um Richtung Qayyarah zu fahren. Nach einigen hundert Metern am anderen Flussufer beschlossen wir, umzukehren. Es stank.

     Einen Tag später meldeten irakische Medien zwei Todesfälle in Qayyarah durch die giftigen Gase. Dutzende Menschen, vor allem Kinder und Alten, waren mit zum Teil schweren Atemwegserkrankungen ins Hospital gebracht worden. 

     Keine Pläne für eine Evakuierung 

     Was die Menschen hier brauchen, sind keine Waffen, sondern die sofortige Evakuierung. Und die Löschung der Öl- und Schwefelbrände. Weder das eine noch das andere wird in absehbarer Zeit passieren. Für eine Evakuierung gibt es keine Pläne – und wohl auch keinen politischen Willen. Die Zahl der Flüchtlinge im Rahmen der Offensive soll so klein bleiben wie möglich. 

     Was das Löschen der Industriebrände angeht: für solche Katastropheneinsätze kommen weltweit nur eine Handvoll Firmen in Frage. Die aber schicken ihre Spezialisten nicht in ein Gebiet, in dem Selbstmordattentäter lauern. 

     In Mossul verlangsamt unterdessen eine andere Wolke den Vormarsch der irakischen Einheiten. Ein Sandsturm hat eingesetzt. 

     „Vielleicht wird Mossul in dieser Woche befreit“, schreibt der anonyme Blogger. „Vielleicht in der Woche danach, vielleicht in einem Monat. Aber irgendwann wird es befreit. Ich träume davon, eine Oper in Mossul zu gründen. Und eine Musik-und Ballettschule. (…) Ich habe mir immer gewünscht, dass das zu meinen Lebenszeiten einmal möglich wird.“

  • 17:26 Uhr
    Andrea Böhm

    Wie erfährt man, was sich derzeit in Mossul abspielt? Zum Beispiel, indem man mit Flüchtlingen spricht, die die Stadt vor Kurzem verlassen haben. Oder Fragen über Mittelsleute an Mossulis schickt, die trotz des enormen Risikos per Facebook oder Mobilfunk Kontakt zur Außenwelt halten. Wer vom "Islamischen Staat" mit Laptop, Handy oder Simkarte erwischt wird, dem droht die Exekution. Gleichzeitig ist es in einer Millionenstadt aber unmöglich, die gesamte Bevölkerung rund um die Uhr zu überwachen. Und weil die Mobilfunkanbieter ihrerseits den Empfang ausweiten und die Guthaben von Mossulis aufladen, wird derzeit wieder mehr telefoniert und getextet.


    Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, Einblick in die Geschehnisse der Stadt zu bekommen: Man ruft im Internet das Auge von Mossul auf. Mosul Eye heißt das Blog, das ein anonymer Bewohner kurz nach dem Einmarsch des IS begonnen hat.

    "This blog was set up to communicate what's happening in Mosul to the rest of the world, minute by minute by an independent historian inside Mosul." Das steht über jedem Eintrag: "Dieses Blog wurde von einem unabhängigen Historiker eingerichtet, um dem Rest der Welt zu berichten, was in Mossul passiert – Minute für Minute."

    Womöglich ist das Auge nicht allein

    Er hat Wort gehalten. Nicht Minute für Minute, aber anfangs stündlich, dann wieder mit wochen- oder monatelangen Unterbrechungen und nunmehr fast täglich berichtet das Auge über die Versorgungslage, über die Propaganda des "Islamischen Staates", über dessen Routinen bei Straßenpatrouillen, über Hinrichtungen, Luftschläge, Gesetzesvorschriften, Preise für Lebensmittel, über die Stimmung der Bevölkerung.

    Er? Offensichtlich ist es ein Mann, denn nur ein Mann kann sich unter der Herrschaft des IS einigermaßen frei auf den Straßen bewegen, Gespräche führen oder, was das Auge auch tut, IS-Kämpfer auf dem Markt oder in der Moschee in religiöse Debatten verwickeln. Womöglich ist es aber nicht nur ein Auge, das da schreibt, sondern mehrere. Inzwischen gibt es auch eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account.

    "Niemand weiß, was sie wollen und wie lange sie bleiben werden." So beginnt einer der ersten Posts am 18. Juni 2014 kurz nach dem Einzug des IS in die Stadt. "Aber die Leute fühlen sich wohl. Auf den Straßen sieht man keine bewaffneten Männer mit Ausnahme besonderer Punkte alle 20 Häuserblocks." Viele Mossulis hatten den IS anfangs durchaus begrüßt, wie der anonyme Blogger nüchtern feststellt.

    Viele schlossen sich dem IS an

    Mossul war bald nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003 zu einem Zentrum des Aufstands gegen die US-Besatzer aber auch gegen die neue schiitisch dominierte Politik aus Bagdad geworden. Bombenanschläge und politische Morde häuften sich, Al-Kaida fasste Fuß, gleichzeitig breiteten sich Schutzgelderpressungen und Entführungen aus. Der IS, schon vor seinem Einmarsch für einen erheblichen Teil dieser mafiösen Gewalt verantwortlich, sorgte in der Tat kurze Zeit lang für Ruhe. Viele der konservativen, sunnitischen Einwohner sympathisierten durchaus mit einer streng religiösen Gesetzgebung. Und viele, so schreibt das Auge, schlossen sich den neuen Herren und Arbeitgebern an. Vor allem junge Männer aus den ärmeren Außenbezirken der Stadt und Stämme aus dem Umland.

    Wie sich die meisten Mosulis dann sehr schnell in einem Gefängnis des Religionsterrors wiederfinden, protokollierte das Auge genau – auch in Interviews wie Ende Juni 2014 mit ZEIT ONLINE: "Isis verhält sich jetzt anders als in den ersten Tagen. Sie haben begonnen, die Scharia einzuführen. Gefesselte Leichen tauchen seitdem überall in der Stadt auf. Es herrscht Ohnmacht, das Gefühl, dass die gewählten Regierungs- und Parlamentsmitglieder Mossul aufgegeben haben und es den Wölfen überlassen."

    Seiner Berufsbezeichnung Historiker macht der Autor dabei alle Ehre. Das Blog bietet eindringliche Live-Geschichtsschreibung in Form der teilnehmenden Beobachtung. In vieler Hinsicht – auch in seinem enormen Mut – ähnelt er den Mitgliedern der Gruppe Raqqa being slaughtered silently, die aus der zweiten Hauptstadt des IS, dem syrischen Rakka, den Alltag unter der Diktatur der Dschihadisten dokumentieren.

    "Westliche Medien interessieren eher Scoops als die Wahrheit"

    Das Auge verfolgt offenbar auch, was wir ausländische Journalisten über seine Stadt schreiben und wissen. Oder zu wissen glauben. Immer wieder kritisiert er Klischees, die in der westlichen Presse über Mossul verbreitet werden. Vor allem die stereotype Behauptung, dies sei immer schon eine von der Religion dominierte sunnitische Hochburg gewesen. "Aber das steht im Widerspruch zu den historischen und gesellschaftlichen Fakten. Denn charakteristisch für diese Stadt sind über lange historische Phasen immer wieder Muster der harmonischen Koexistenz und der ethnischen, religiösen und kulturellen Vielfalt. Religion war nie das prägende Element dieser Vielfalt, sondern Urbanisierung."

    Eben diese eigene urbane Identität sei von den Herrschenden immer wieder als Bedrohung aufgefasst worden. Erst durch Saddam Hussein, der die sunnitischen Stämme mit ihrer extrem autoritären Struktur aufwertete, nun durch den IS, der vor allem die urbane Elite in die Flucht getrieben habe. Ebenso klar dementiert er Horror-Meldungen in westlichen Medien über angebliche neue Gräueltaten des IS.

    "Investigate Then Propagate" lautet der Titel eines Posts vom 7. Juni 2016, in dem das Auge die Schlagzeilen auf FOX-News und anderen Kanälen zurückweist, wonach der IS jesidische Mädchen bei lebendigem Leib verbrenne. "Den internationalen Medien", schreibt er, "geht es mehr um einen Scoop als um die Wahrheit."

    Angst vor der "Befreiung"

    Die Wahrheit ist schockierend genug. Mosul Eye listet die Namen von Männern auf, die vom IS wegen ihres Widerstands hingerichtet worden sind, beschreibt in Zeichnungen Methoden der Folter und Haft, dokumentiert auf Stadtplänen Sprengfallen, Checkpoints, Munitionsdepots.

    "ISIL hat im Al-Arabi-Viertel 9 Gefangene exekutiert", heißt es im jüngsten Eintrag vom 29. Oktober 2016 in Erwartung der Befreiung der Stadt. Und: „Es ist jetzt zu 100 Prozent sicher, dass alle Brücken mit Sprengfallen versehen sind." Wobei die Mossulis, so schreibt das Auge, diese Befreiung ebenso herbeisehnen wie fürchten: "Die meisten Fragen unter den Mossulis drehen sich um Folgendes: Wer wird in die Stadt eindringen? Was wird mit uns passieren? Wird es den Milizen erlaubt, die Stadt zu betreten? Wer wird sie aufhalten, wenn sie versuchen, nach Mossul hereinzukommen?"

    Gemeint sind die Hashd al-Shaabi, die schiitischen Milizen, die im Krieg gegen den IS militärisch oft effektiver vorgehen als die irakische Armee, aber gleichzeitig unter den Sunniten wegen ihrer Racheakte gegen die Bevölkerung verhasst sind. Sollten sie als Befreier in Mossul einziehen, fürchten viele ein Massaker in der Stadt – auch weil sunnitische Bewohner sich wehren könnten.

    IS droht ihm mit grausamer Hinrichtung

    Auch wenn die Vertreibung des IS halbwegs erfolgreich sein sollte, will das Auge seine Stadt weder der irakischen Regierung, noch der Armee überlassen. In einem Eintrag vom 12. Oktober, vier Tage nach Beginn der Offensive, appellierte der Blogger in einem offenen Brief an die internationale Gemeinschaft, seine Stadt bis auf Weiteres unter internationale Treuhandschaft zu stellen. Nur so könne sie sich nach all der Gewalt und der Massenvertreibung von Christen, Jesiden, Schiiten wieder zu dem entwickeln, was sie früher einmal war: "Diese Stadt kann nicht überleben ohne ihre Kirchen und Moscheen nebeneinander, ohne die Schreine der Schiiten und die Gebetsstätten der Jesiden. Diese Vielfalt ist die Quelle ihrer Stärke und jeder Versuch, diese Vielfalt zu beschädigen wird zu einer Katastrophe von historischem Ausmaß führen."

    Dass der Mann noch am Leben ist und unentdeckt bleibt, grenzt an ein Wunder. Der IS hat gedroht, ihn im Fall seiner Verhaftung auf die denkbar grausamste Art hinzurichten. In seinem jüngsten Eintrag hat das Auge von Mossul aufgeschrieben, wie lange die Stadt nun schon unter dem IS-Terror steht – und wie lange er seinen Jägern bislang entkommen ist.

    "In Tagen: 869
    In Stunden: 20.856
    In Minuten: 1.251.360"

    Nirgendwo würde man die Worte "Mossul ist befreit" lieber lesen, als in seinem Blog.

  • 11:53 Uhr
    Andrea Böhm

    Die kurdischen Peschmerga pflegen eine Kultur der offenen Tür, die selbst uns Journalisten, die wir ja am liebsten alles mithören und -sehen wollen, manchmal befremdlich erscheint. Die 7. Brigade hat ihren Stützpunkt auf einem Bergkamm aufgebaut, von dem aus man bei Nacht Mossul sehen kann. Im Besprechungszelt herrscht Kommen und Gehen, auf den Plastikstühlen entlang der Wand warten ein BBC-Team, mehrere Kurden, drei offensichtlich westliche Soldaten, die ihre Gesichter hinter Halstüchern verbergen, und wir darauf, dass General Bahram Arif Yassin uns kurz sein Ohr leiht. Der aber gibt, für jedermann hörbar, ununterbrochen Anweisungen per Smartphone, zeichnet Unterlagen ab und scheint das Gewusel um ihn herum überhaupt nicht zu bemerken.

    Plötzlich geht ein Ruck durch das Zelt, alle springen auf, jemand ruft "Die Türken kommen!" - und da marschieren sie auch schon herein. Ein Pulk türkischer Offiziere vom nahe gelegenen Stützpunkt bei Bashika. General Yassin hört jetzt auf zu telefonieren, bildet mit den Besuchern einen dichten Pulk, eilig werden Tee und Bonbons serviert. Auch wir dürfen in die Süßigkeitenschale greifen. Wir sind noch damit beschäftigt, den Schoko-Karamell weichzukauen, da rauschen die Türken auch schon wieder ab. Yassin winkt uns zum Interview heran. Fünf Minuten, mehr Zeit hat er nicht, also fragen wir nach dem, was in diesen Tagen jeder wissen möchte: "Was wollen die Türken im Irak?"

    "Oh", sagt er und lächelt, "sie sind unsere Gäste. Und wir behandeln unsere Gäste gut. Heute Abend kamen sie vorbei, um zu fragen, was wir planen."

    Ein heikles Thema hübsch pariert. Aber so einfach ist es mit diesen Gästen im Krieg um Mossul eben nicht.

    Für die Dschihadisten des IS ist die Millionenstadt am Tigris das mächtigste Symbol für den Anspruch, ein quasi-staatliches "Kalifat" schaffen zu können. Für die Gegner ist die einstmals multiethnische und multireligiöse Metropole der größte Preis im Kampf um die Aufteilung der Macht im Irak nach der Vertreibung des IS. Die irakische Armee soll als Hauptbefreier die wackelige Regierung in Bagdad stärken. Die iranisch finanzierten schiitischen Milizionäre, Hashd al-Shaabi genannt, wollen ihre militärische Effizienz gegen den IS in politisches Kapital in Bagdad ummünzen. Die Peschmerga, die im Kampf gegen den IS das Territorium der Autonomen Region Kurdistan bereits kräftig ausgedehnt haben, wollen sich ihre Teilnahme an der Bodenoffensive mit Landgewinn bezahlen lassen.

    Und die Türkei? Bereits vor über einem Jahr hatte Präsident Recep Tayyip Erdoğan mehrere Hundert türkische Soldaten auf einen Stützpunkt im nordirakischen Bashiqa unmittelbar an der Front zum "Islamischen Staat" entsandt. Dafür fragte er nicht in Bagdad um Erlaubnis, sondern berief sich auf eine Einladung durch Massoud Barzani, den Präsidenten der kurdischen Region. Auf ihrem Stützpunkt haben türkische Streitkräfte seither sowohl Peschmerga als auch die sunnitische Miliz des ehemaligen Gouverneurs von Mossul, Atheel al-Nujaifi, ausgebildet. Nujaifi gilt seither als Ankaras verlängerter Arm im Irak.

    Sunniten fürchten Racheakte

    Kurz vor Beginn der Offensive wurden die Forderungen der Regierung in Ankara immer aggressiver, bei der Befreiung Mossuls eine maßgebliche Rolle zu spielen. Entsprechend wütend protestierte Bagdad gegen die türkische Präsenz auf irakischem Territorium. Anfang Oktober eskalierte Erdoğan den Konflikt mit politischem Gepöbel: "Du hast nicht mein Format, Du bist mir nicht ebenbürtig", bellte er an die Adresse des irakischen Premierministers Haidar Al-Abadi. "Dein Schreien interessiert uns nicht. Du solltest wissen, dass wir tun, was wir wollen."

    Westliche Diplomaten, vor allem amerikanische, vermittelten fieberhaft, um die Offensive nicht zu gefährden. Deren Beginn verkündete Al-Abadi am 17. Oktober im Fernsehen, umringt von grimmigen irakischen Generälen. Die Maßgabe war zu diesem Zeitpunkt, dass kurdische Peschmerga und Hashd al-Shaabi die Armee beim Vormarsch auf Mossul unterstützen sollten, den Kampf um die Stadt aber Iraks Militär und sunnitischen Milizen überlassen sollten.

    In Mossul leben fast nur noch Sunniten. Die meisten sehnen die Befreiung vom IS herbei, fürchten aber Racheakte der Schiiten und wollen auch keine kurdische "Okkupation". 

    Diese Vereinbarung wackelt nun, seit Erdoğan immer lauter vom türkischen Anspruch auf Mossul redet, sich als Schutzherr von Sunniten und Turkmenen geriert – und damit die schiitischen Hashd al-Shaabi provoziert.

    Schutz der Grenzen

    In der Türkei findet die Rhetorik des Präsidenten viel Beifall, weil Erdoğan gern und pathetisch an die Größe des Osmanischen Reiches erinnert. Zu dem gehörte einst Mossul. Nach dem Zerfall des Reiches mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden 1923 im Vertrag von Lausanne die heutigen Grenzen der Türkei festgelegt. Aber Ankara ließ seinen Anspruch auf Mossul und die Städte Kirkuk und Sulemaniah erst 1926 fallen – gegen die Zusicherung, an den Ölvorräten der Region beteiligt zu werden.

    Natürlich geht es nicht Erdoğan nicht darum, die türkische Grenze neu zu ziehen. Das muss er in diesen Zeiten auch nicht. Der Irak ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr in der Lage, seine eigenen Grenzen zu schützen. Die Regierung in Ankara hat nun deutlich gemacht, dass sie die Regierung in Bagdad als Vertreter eines souveränen Staates nicht mehr ernst nimmt.

    Die Offensive auf Mossul ist für Erdoğan vielmehr eine Chance, eine Pufferzone südlich der Türkei zu bilden. In Syrien ist das türkische Militär nicht nur gegen den IS im Einsatz, sondern vor allem auch gegen die syrischen, PKK-nahen-Kurden, die dort eine autonome Region schaffen wollen. Wie ernst es der Türkei ist, zeigten türkische Kampfflugzeuge, die vor anderthalb Wochen kurdische Kämpfer in Nordsyrien unter Feuer nahmen, nachdem diese mehrere Dörfer vom IS befreit hatten.

    Nordirakische Kurden als Verbündete?

    Im Nordirak will die türkische Regierung um jeden Preis verhindern, dass sich die PKK in den Kampf gegen den IS einmischt. Das hat sie schon einmal erfolgreich getan, 2014 bei der Rettung Tausender Jesiden vor dem IS in Sindschar.

    Nun mag man sich wundern, warum sich Erdoğan dazu ausgerechnet die nordirakischen Kurden als Verbündete aussucht. Doch mit Massoud Barzani, dem Präsidenten der autonomen kurdischen Region im Irak, verbindet ihn eine lange, von Machttaktik geprägte Alpha-Männer-Freundschaft. Beide haben ein gemeinsames Interesse am Ölgeschäft und am Handel. Vor allem aber eint sie die Abneigung gegen die PKK. Barzani ist Sohn des legendären Kurdenführers Mahmoud Barzani, Teil einer Dynastie und einer auf Familienbande basierenden Ökonomie, die man kleptokratisch bezeichnen kann. Nichts liegt ihm ferner als die sozialistisch tönende Kaderorganisation der PKK mit ihrer syrischen Bruderpartei. Und nichts stört ihn mehr als die Aussicht, dass die syrischen Kurden gleich "nebenan" einen kurdischen Konkurrenz-Staat aufbauen könnten. Erdoğan und Barzani – die beiden passen bis auf Weiteres gut zusammen.

    Hat Erdoğan damit freie Bahn im Nordirak? Das nicht. Sämtliche Fraktionen, die sich in irgendeiner Weise an der Offensive auf Mossul beteiligen, stehen derzeit unter starkem internationalen Druck, alles zu unterlassen, was die ohnehin fragile Einheit des Irak weiter gefährden könnte. Massoud Barzani ist auf internationale Gelder und Waffen angewiesen. Und er weiß, dass seine autonome Region nicht nur eine lange Grenze mit der Türkei, sondern auch mit dem Iran hat, der den türkischen Expansionsdrang im Nordirak misstrauisch beobachtet.

    Bis auf Weiteres marschieren also keine türkischen Soldaten auf Mossul. Aber Erdoğan hat mit Säbelrasseln und Pöbeln klar gemacht, was er nach der Vertreibung des IS in Mossul und der umliegenden Provinz Niniveh sehen will: ein sunnitisches Machtzentrum, das eher nach Ankara schaut als nach Bagdad.

    Die türkischen Offiziere wirkten jedenfalls durchaus gut gelaunt, als das Zelt von General Yassin an jenem Abend verließen. Sie hatten offenbar das Gefühl, mehr als ein Schokoladenbonbon in der Hand zu haben.

  • 10:14 Uhr
    Yassin Musharbash

    Als erstes kommt der Knall, der sich aus drei Kilometern Entfernung seltsam dumpf anhört, eine Art gewaltiges "Pfump". Dann schießt eine Rauchwolke empor, hoch und steil. "Sprengsatz", sagt ein irakischer Soldat im Flecktarn, dessen Einheit den Zugang zu diesem Abschnitt der Front östlich von Mossul sichert. "War im Boden vergraben." Das verrate die Farbe der Wolke: nach oben getragener Sand habe sie gelb gefärbt. Ob einer seiner Kameraden unten im Dorf auf die Mine getreten oder gefahren ist, oder ob sie kontrolliert zur Explosion gebracht wurde, kann er nicht sagen.

    Nur dass die anderen Explosionen, denen die Soldaten täglich ausgesetzt sind, lauter sind und schwarze Rauchwolken verursachen: Wenn nämlich IS-Kämpfer in mit Sprengstoff vollgepackten Autos sitzen und gezielt in die Soldaten hineinfahren.

    Sprengstoff ist eine der Signaturen des IS beim Versuch, der Offensive von irakischer Armee, kurdischen Peschmerga-Kämpfern sowie schiitischen, sunnitischen und christlichen Milizen etwas entgegenzusetzen. Mal C4, mal TNT. Noch im winzigsten Dorf hat der IS teils perfide Vorrichtungen hinterlassen. Wer eine Haustür öffnet oder auch nur einen Kühlschrank, läuft Gefahr, in die Luft gesprengt zu werden. Zwischen einigen Dörfern gibt es Minenfelder. Mit ihren Suizid-Autos haben Kämpfer in den ersten Tagen der Offensive Dutzende Soldaten getötet; mittlerweile haben Peschmerga und irakische Armee eine gewisse Kompetenz entwickelt, die rasenden Bomben rechtzeitig mit Raketen zu zerstören.

    Hinzu kommt ein Tunnelnetzwerk, das größere Ausmaße hat als erwartet. "Wir haben Waffen- und Sprengstoffdepots in den Tunneln entdeckt", sagt ein Offizier der irakischen Armee. Sogar zwischen Dörfern gebe es Tunnel, ergänzt ein kurdischer Insider, Hunderte Meter lang. In den Schächten verstecken sich IS-Kämpfer nicht nur vor Luftangriffen, sie harren dort manchmal auch aus, während Soldaten das Dorf über ihnen zu sichern meinen. Dann, nachts oder am nächsten Tag, steigen sie aus den Tunneln und greifen an. Ein einzelner IS-Scharfschütze kann die Einnahme eines Dorfes um einen Tag verzögern.

    Die Dschihadisten können zwar kaum hoffen, den Vormarsch so zu stoppen. Aber sie erzwingen einen hohen Blutzoll. Und sie verbreiten Angst.

    Südlich von Mossul hat der IS beispielsweise eine Schwefelfabrik in Brand gesetzt. Hunderte Zivilisten mussten behandelt werden, zwei Todesfälle sind bestätigt. An mehreren Orten brennen Ölquellen und Ölgräben, die der IS angezündet hat, um Luftangriffe zu erschweren.

    Und der IS setzt auf überraschend massive Ablenkungsangriffe. Am vergangenen Freitag tauchten kurz vor Sonnenuntergang wie aus dem Nichts mindestens 74 IS-Kämpfer in der kurdischen Ölstadt Kirkuk auf und begannen Geiseln zu nehmen und Menschen zu ermorden. Es dauerte fast drei Tage, bis die Sicherheitskräfte die Lage unter Kontrolle hatten, es gab mindestens 46 Todesopfer. Anfang der Woche attackierte der IS die westirakische Stadt Rutba und hielt sie über Stunden de facto besetzt. Solche Angriffe führen dazu, dass die irakische Armee sich zu überdehnen droht, weil sie überall einschreiten muss.

    Nach nunmehr einer Woche sind Armee, Milizen und Peschmerga bis an die Stadtgrenzen Mossuls herangerückt. Die bisherigen Vorbereitungen des IS lassen allerdings befürchten, dass er für die Schlacht um seine irakische Hauptstadt weitere böse Überraschungen bereithält. Die USA gehen etwa davon aus, dass die Dschihadisten Giftgas gehortet haben.

    Rund 6.000 IS-Kämpfer werden in Mosul vermutet. Die Führung habe sich mittlerweile abgesetzt, sagt Fadil Barwali, Kommandeur der irakischen Anti-Terror-Division: "Vor drei Tagen hatte ich Informationen, dass IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi in Mossul ist, jetzt ist er es nicht mehr." Barwali ist überzeugt: Am Ende haben die Dschihadisten ihm und seinen Leuten nichts entgegenzusetzen. Aber wenn die bisherigen Erfahrungen ein Maßstab sind, wird die Eroberung Mossuls trotzdem zäh. Kampf von Haus zu Haus, Scharfschützen auf den Dächern, Sprengfallen, menschliche Schutzschilde: Mindestens damit werden die Dschihadisten wohl aufwarten.

  • 17:03 Uhr
    Yassin Musharbash

    Die Straße zwischen Erbil und Mossul ist übersät mit den Spuren der letzten Tage. 
    Ab da, wo die Peschmerga und die irakische Armee dem IS seit Beginn der Mossul-Offensive Land und Dörfer abgenommen haben, finden sich die stummen Zeugen des Krieges auf dem Mittelstreifen und am Fahrbahnrand: Teile von Mörsergranaten, ein Raketenmotor, die kleinteiligen Reste eines explodierten IS-Autos.
    Auf einem kleinen Wachhäuschen linker Hand steht noch "Lang lebe der .... Staat" auf der Wand. "Lang lebe der islamische Staat", stand dort wohl zuvor. Rechts neben der Fahrbahn stecken drei kleine rote Wimpel in der Erde: Hinweise, dass hier noch nicht geräumte Sprengfallen im Boden stecken.
    Nach etwa vierzig Kilometern ist Schluss: Der Checkpoint der irakischen Armee vor dem Städtchen Bartella verhindert das Weiterkommen. Vorgestern standen wir schon einmal hier und es hieß, die Stadt sei befreit, man könne sie noch am selben Tag besichtigen. Das zerschlug sich dann. Es gab doch noch IS-Widerstand.
    Gestern, am Samstag, durften Journalisten dann erstmals hinein. Sie berichteten davon, wie die Kirchenglocken von Bartella zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder läuteten. Bilder kursierten, auf denen irakische Soldaten das Kreuz auf dem Dach wieder aufrichteten.
    Heute, am Sonntag, jedoch: Nein, doch nicht sicher. Oder genauer: nicht mehr sicher. Jedenfalls jetzt, in diesem Moment.

    Mehrere irakische Geistliche warteten am Sonntag Vormittag ebenfalls zunächst vergeblich, in die Stadt zu kommen.
    Einige IS-Kämpfer, so berichtet ein Offizier, hielten sich nämlich noch am Rande der Stadt, zum nächsten Dorf hin, versteckt. Sie seien umzingelt, jetzt gerade würden sie bekämpft. Deshalb dürfen wir nicht hinein.
    Eine Stunde später rücken zwei Kampfpanzer Richtung Bartella vor. Die Stadt sei nun wirklich befreit, heißt es. Und die Panzer? Angeblich sollen sie durch Bartella zum nächsten Dorf weiterfahren.
    Richtig zuverlässig sind die Angaben nicht. Die Front ist unübersichtlich, die IS-Kämpfer anscheinend wie Quecksilber. 
    Es gibt Fortschritte auf dem Weg nach Mossul, das ist unzweifelhaft. Aber die Schritte sind klein und mühsam.

  • 07:41 Uhr
    Andrea Böhm

    Die Waffen, mit denen die Peschmerga in den Krieg ziehen, sind oft älter als sie selbst. Karabiner-Gewehre oder Kalaschnikows aus den Zeiten des Kalten Krieges gehören zum Arsenal. Ihre Smartphones sind brandneu. Apples iPhone, Huawei, Sony und Samsung Galaxy sind die gängigen Marken, darunter auch das explosive Note-7-Modell. Was an der Front aber keinen abschreckt. Jeder ist hier ständig auf Facebook oder Flickr, simst oder fotografiert.


     "Almania? Selfie, please!"


    Die Bitte höre ich hier immer wieder. Deutschland liefert Milan-Raketen an die Kurden – und damit die zuverlässigste Waffe gegen die zu Autobomben umgerüsteten gepanzerten Fahrzeuge des IS. Erinnerungsfotos mit deutschen Journalisten sind deshalb besonders gefragt. Nach dem Selfie folgt meist die Einladung, das digitale Frontalbum anzusehen. 


    Die Peschmerga filmen oder fotografieren alles: Feuergefechte, brennende Autos, Rauchsäulen, Blindgänger, die eigenen Schussverletzungen, Leichen. Als würde es nicht reichen, dass sie all das mit eigenen Augen gesehen haben. "Willst du Bilder von toten IS-Kämpfern?"

    Nein danke, will ich nicht.


    Das ständige Ablichten des Grauens ist keine kurdische Eigenheit. Es ist der Krieg in den Zeiten der sozialen Medien. Libyen, Syrien, Irak. Die Flut der Bilder wechselt zwischen Zeugenschaft, Kriegsberichterstattung, Propaganda, Posten für die Facebook-Freunde, Voyeurismus – und oft verschwimmen dabei die Grenzen.


    Auch Kilometer von der Front entfernt ist das Schlachtfeld omnipräsent. In jeder Hotellobby, in jedem Restaurant, jeder Shopping Mall in Erbil sind das kurdische Rudaw-TV oder ein anderer Kanal eingeschaltet, die rund um die Uhr Bilder von den Kämpfen ausstrahlen. Auf den arabischen Sendern läuft das gleiche Programm – nur eben nicht mit den Peschmerga, sondern mit irakischen Soldaten als Helden.


    Es gibt offenbar kein Limit für das, was gezeigt werden kann. Während des Terroranschlags durch den "Islamischen Staat" in Kirkuk am Freitag liefen Rudaw-Reporter mitsamt Kameramann ganz vorne bei Spezialeinheiten mit und kommentierten atemlos das Geschehen. Das Gesicht eines getöteten IS-Kämpfers wurde ebenso in Großaufnahme eingeblendet wie die abgerissenen Beine eines Selbstmordattentäters, die jemand in eine Mülltonne geworfen hatte. 


    Dazwischen Interviews mit Augenzeugen, die sichtlich unter Schock standen; mit Freiwilligen, die mitsamt ihren Schusswaffen aus allen Stadtvierteln herbeigeeilt waren, um die Stadt zu verteidigen; mit Polizeikommandeuren, die wohl Besseres zu tun hatten, als Interviews zu geben. 


    Der Krieg als medialer Sog, als Dauerberieselung beim Shoppen, als Hintergrund abends in der Kneipe beim Essen. 


    Manchmal schnappt sich ein Kellner die Fernbedienung und schaltet um auf Fußball. Premier League statt Mossul-Offensive. Zumindest für ein paar Stunden. 

  • 17:30 Uhr
    Yassin Musharbash

    "In einer Stunde können wir uns die Kirche in Bartella ansehen", sagt der Kommandeur von Iraks wichtigster Armeedivision, der Golden Division, die auf Einsätze gegen den IS spezialisiert ist.
     
    Bartella, eine vornehmlich christliche Stadt, liegt etwa sechs Kilometer vor uns. Von dort sind es weniger als 20 Kilometer bis nach Mossul, der Hauptstadt des IS. "Bartella", sagt der Kommandeur, "ist eine der Pforten Mossuls".
     
    Eine Stunde, kein Problem. Auf der Armeebasis stehen die schwarz gekleideten Soldaten der Golden Division in Grüppchen herum, rauchen, ruhen sich aus, machen Witzchen. Sie sind müde, viele haben gestern in Bartella gekämpft. Die Auskünfte allerdings sind widersprüchlich. "Die Stadt ist unter unserer Kontrolle", sagt einer. "Wir haben die IS-Kämpfer in der Stadt eingezingelt", sagt der zweite. "Wir zeigen euch die Stadt gleich, wir müssen sie nur noch von Sprengfallen säubern", sagt der dritte.
     
    Als die Stunde um ist, stoppt der Konvoi nach nur zwei Kilometern Fahrt. Weiter geht es nicht, zu gefährlich, heißt es nun. In der Stadt werde noch gekämpft. In der Halbwüste, da, wo Bartella liegen muss, steigen ab und an Rauchwolken auf; von Weitem sind dumpfe Erschütterungen zu spüren, sie stammen offensichtlich von Luftschlägen.
     
    Die Luftschläge gelten vielleicht schon dem nächsten Dorf, das lässt sich nicht sicher bestimmen. Aber mit der Besichtigung der Kirche von Bartella wird es heute nichts mehr. "Die IS-Leute kämpfen bis zum Tod", sagt ein Soldat und schüttelt den Kopf. Die Terrormiliz muss mühsam kleingekämpft werden, selbst wenn die irakische Armee den Ort vermutlich nach herkömmlichen Maßstäben tatsächlich kontrolliert. 
     
    Schon am Morgen hatte es einen weiteren Eindruck von der Hartleibigkeit des IS gegeben. Laut der BBC haben im Nordirak mindestens ein Dutzend IS-Angreifer seit dem frühen Morgen 19 Menschen getötet. Sie griffen eine Polizeistation und ein Kraftwerk an. Zwölf Terroristen sind seither offenbar getötet worden, aber noch Stunden nach dem Angriff seien Schüsse in der Stadt zu hören gewesen. Augenzeugen berichteten, die Dschihadisten seien offen durch die Straßen der Stadt gelaufen.
     
    Die Sorge vor solchen "schlafenden Zellen", die aus dem Hinterhalt an unerwarteten Orten angreifen, bleibt bis auf Weiteres bestehen.

  • 11:13 Uhr
    Andrea Böhm

    Ein Tag an der Front, der etwas anders verläuft, als es die Parole "Es geht voran" aus den Pressezentren von irakischer Armee und Peschmerga vermuten lässt. 

    Es ist der Donnerstag, die Offensive zur Befreiung der Stadt Mossul ist seit Montag im Gang, und mehrere Tausend Peschmerga versammeln sich bei Sonnenaufgang zu dem Vorstoß auf die Stadt Baschika, wenige Kilometer nordöstlich von Mossul und in der Hand des IS. 29 Dörfer rund um Baschika, so die Vorgabe der kommandierenden Offiziere, sollen an diesem Tag befreit und gesichert werden. Von dort aus sollen dann die irakische Armee und sunnitische Milizen weiter auf Mossul marschieren. 

    Wir, der Fotograf Jacob Russell und ich, sind in der Nacht zuvor einige Stellungen der Peschmerga auf den umliegenden Hügeln abgefahren. Die Lichter Mossuls waren von dort aus gut zu sehen. Die Stadt hat – noch – Strom.
     
    An diesem Morgen aber legt sich binnen kurzer Zeit ein grauer, dann schwarzer Schleier über die Ebene. Die Dschihadisten haben Öltonnen und Reifen in Brand gesetzt, um amerikanischen Kampfbombern die Sicht zu erschweren. Gegen sieben Uhr setzt sich die Kolonne der kurdischen Truppen in Gang, angeführt von einem gepanzerten Bagger, der eine Schneise durch das verminte Gelände treiben soll.
    @Andrea Böhm

    Wir befinden uns auf einem Hügel, von dem aus die Peschmerga Artillerie Richtung IS abfeuern. Ein britischer Elitesoldat steht neben uns, ein Spotter, der Stellungen des IS ausmachen und die Koordinaten für Luftangriffe weitergeben soll. Doch wir hören in den nächsten Stunden nur wenige Luftangriffe, während sich die Bodentruppen quälend langsam auf die Dörfer um Baschika zubewegen. Sie sind dem Beschuss im freien Feld ausgeliefert, doch der Gegner lässt sie bis ins erste Dorf herankommen. Gegen neun Uhr sind die Dörfer hinter dem Rauch verschwunden, die Peschmerga fahren und laufen jetzt in eine grau-schwarze Wand.

    Die Peschmerga-Offiziere hatten am Abend zuvor gesagt, sie rechneten damit, dass der Gegner sieben sogenannte Suicide Humvees habe. Gemeint sind gepanzerte Fahrzeuge, die die US-Armee einst der irakischen Armee geliefert hatte. Diese hatte sie 2014 bei ihrer Flucht aus Mossul kampflos den Dschihadisten überlassen. Die Dschihadisten laden diese Humvees nun mit Sprengstoff voll und lassen sie mit einem Selbstmordattentäter am Steuer in gegnerische Stellungen rasen.

    Aber kein Attentäter löst sich aus der Rauchwand. Der IS lässt seine Angreifer kommen. Die erste wuchtige Explosion einer Autobombe ist von unserer Position aus nur zu hören. Wenig später rasen Pick-up-Trucks der Peschmerga zurück Richtung Feldhospital einige Kilometer hinter der Front. Die Verwundeten liegen auf der Ladefläche, mühsam festgehalten von Kameraden, damit sie bei der halsbrecherischen Fahrt über die Feldpiste nicht herausgeschleudert werden.
     
    Am frühen Nachmittag nennt uns ein französischer Militärarzt die vorläufigen Zahlen dieses Angriffs auf Baschika: 9 tote Peschmerga, 18 Schwerverletzte, 19 leicht Verletzte, darunter mehrere Journalisten, die im Konvoi der Angreifer eingereiht waren. "Sehr viele Schusswunden durch Scharfschützen", sagt er.

    Soweit wir rekonstruieren können, ist unter den Toten keiner, mit dem wir uns in der Nacht zuvor länger unterhalten haben. Es klingt absurd, aber für uns macht das diese Nachricht etwas erträglicher.

    @Andrea Böhm

    Die Eroberung der Dörfer um Baschika gerät am Nachmittag ins Stocken und die Peschmerga beschweren sich am Abend über "mangelnde Effizienz" der Luftunterstützung durch die internationale Anti-IS-Koalition.  

    Andernorts geht die Offensive erstaunlich schnell voran. Während die Peschmerga bei Baschika die ganze Wucht des Arsenals des IS zu spüren bekommen, nehmen irakische Spezialeinheiten weiter südlich die Stadt Bartella ein. Aus Mossul melden Bewohner der BBC, der IS werde zunehmend panisch, bezichtige die lokale Bevölkerung kollektiv des Verrats am "Kalifat" und führe immer häufiger öffentliche Exekutionen durch. 

    Zahlreiche hochrangige IS-Kämpfer haben sich inzwischen aus Mossul nach Syrien abgesetzt. Das "Kalifat", das allen "Ungläubigen" den Untergang geschworen hat, sieht offenbar sein eigenes Ende heraufziehen. 

    Aber wir haben während dieser zwei Tage in Baschika zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie aberwitzig hoch der Preis für diesen Krieg gegen den IS ist. Die meisten befreiten Dörfer auf dem Weg nach Mossul sind zerstört. Und wenn er denn will, kann der IS mit einer Handvoll Scharfschützen, Autobomben, Sprengsätzen und Selbstmordattentätern eine Gegenmacht aus westlichen Kampfbombern, Hubschraubern, westlichen Spezialeinheiten, irakischer Armee und kurdischen Peschmerga in Schach halten. Jedenfalls für einige Tage.

  • 15:30 Uhr
    Yassin Musharbash

    Von Amman, der Hauptstadt Jordaniens, bis nach Mossul, der Noch-Hauptstadt des IS, sind es gut 1.000 Kilometer; um den Schlaf bringen die Nachrichten über den Beginn der ja schon länger erwarteten Offensive gegen den "Islamischen Staat" im Irak hier deshalb kaum jemanden. Natürlich reden auch die Jordanier in den Cafés über die aktuellen Entwicklungen, die arabischen Nachrichtensender sind wie gewohnt mittendrin dabei und die Regierung wünscht der irakischen Armee und ihren Verbündeten öffentlich viel Erfolg.

    Aber die Tatsache, dass der der IS erst vor wenigen Tagen erneut nahe der syrisch-jordanisch Grenze zugeschlagen hat, nahe dem inoffiziellen Flüchtlingslager Ruqban nämlich, in dem um die 70.000 Syrer im Niemandsland ausharren, steht für viele hier im Vordergrund. Drei Tote gab es bei dem Selbstmordanschlag, dessen Ziel Mitglieder einer syrischen Rebellengruppe waren. Die Jordanier haben derzeit mehr Sorge vor den Krakenarmen des IS in Syrien als vor jenen im Irak. Sie sind ihnen schlicht näher, rein räumlich. Und einige Beobachter befürchten, dass der IS – als Reaktion auf die Offensive in Mossul – Entlastungsangriffe in Syrien und in der Nähe des jordanischen Staatsgebiets versuchen könnte.

    Die Anhänger des IS, die es auch in Jordanien gibt, halten sich derweil extra bedeckt. Kaum ein Mucks dringt an die Öffentlichkeit. Seit Wochen schon, berichten IS-Mitglieder und -Anhänger hier unter der Hand, sei die Kommunikation zu den Gesinnungsgenossen im Irak nahezu gekappt. Man erfahre kaum noch, was dort los sei.

    Wer die arabischsprachige Propaganda des IS seit Beginn der Offensive liest, erfährt ebenfalls nichts Substanzielles – oder höchstens darüber, wie die Dschihadisten die Lage ihren Anhängern gegenüber schönzureden versuchen. Gestern veröffentlichte der IS ein Video, das Normalität in Mossul vorgaukeln soll. "Mossul ist sicher, Gott sei Dank", sagt ein älterer Mann in die Propagandakamera. "Wir waren gerade erst im Bazaar", pflichtet ein junger Mann bei. "Alles wirklich ganz normal, besser als normal, gewöhnliche Geschäftigkeit", behauptet ein Dritter. Dazu zeigt der IS Bewegtbilder von Fleischspießen auf einem Holzkohlegrill und einer Brotbäckerei bei laufendem Betrieb. In einem zweiten Video zeigt der IS, wie eine Truppe vermummter Kämpfer durch die Stadt patrouilliert und ihren Schutz verspricht.

    Tatsächlich ist die Lage nicht normal, wie glaubwürdigere Gewährspersonen aus dem Inneren Mossuls berichten. Die Straßen seien mehr oder weniger verwaist, sagen sie, alle hätten Angst – vor Luftangriffen ebenso wie vor Racheakten des IS an vermeintlichen Verrätern, von denen es immer mehr zu geben scheint.

    In seinen Verlautbarungen verbreitet der IS unterdessen, dass im Grunde alle Angriffe der irakischen Armee und Peschmerga-Kämpfer zurückgeschlagen worden seien. Den Dschihadisten zufolge habe der IS praktisch keinen Quadratmeter Gebiet verloren; das ist nachweislich falsch, wie unter anderem Dutzende Reporter von der Front aus bestätigen können.

    Einigermaßen zu stimmen scheint nur die Zahl der Selbstmordattentäter, die der IS bisher gegen die Angreifer ins Feld geschickt hat. Rund ein Dutzend allein am ersten Tag waren es wohl. Bei der Beschreibung der Resultate klafft dann wieder eine denkbar große Lücke: Laut Peschmerga und irakischer Armee wurden alle Selbstmordattentäter unschädlich gemacht; beim IS klingt es, als hätten allesamt erfolgreich ihre Ziele getroffen.  

  • 12:32 Uhr
    Andrea Böhm

    Vor acht Tagen ist sie mit ihrem Bruder aus Mossul geflohen. Tausend Dollar mussten sie bezahlen, um sich herausschmuggeln zu lassen aus dem Territorium des "Islamischen Staates", das nun mit Beginn der Offensive zur Befreiung von Iraks zweitgrößter Stadt immer schneller schrumpft. Soha heißt die Frau, sie ist 48 Jahre alt. Mehr will sie über sich nicht preisgeben, zu groß ist immer noch ihre Angst vor der Allmacht des IS. Jetzt ist sie im Camp Degaga gelandet, einem kurdischen Aufnahmelager für Flüchtlinge aus dem "Kalifat".


    Das Camp, rund 40 Kilometer westlich von Erbil gelegen, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, ist längst überfüllt, die Frauen und Kinder unter den Neuankömmlingen werden in den Klassenzimmern der Schule einquartiert, die Männer in der Moschee. Sie sind wahrscheinlich nur die erste Vorhut einer Flüchtlingswelle aus Mossul und den umliegenden Dörfern, die sowohl die UN wie auch Hilfsorganisationen vorhersagen. 300.000, 500.000, vielleicht sogar eine Million Menschen könnten versuchen, vor den Kämpfen um die Stadt zu fliehen. Im kurdischen Nordirak, der in den vergangenen Jahren bereits mehrere Hunderttausend Flüchtlinge aus Syrien und aus dem Territorium des IS aufgenommen hat, fehlen Aufnahmelager. 


    "Wir sind voll", sagt einer der Campleiter aus Degaga, ein Mittvierziger namens Ahmed Abdo, der mit Engelsgeduld abwechselnd Journalisten mit Auskunft versorgt und sich die zunehmend lauten Beschwerden der neu eingetroffenen Frauen anhört. Die einen haben noch keine Matratzen, die anderen ein krankes Kind im Arm, die meisten fordern lauthals die Freilassung ihrer Männer, die in einem eingezäunten Abschnitt des Camps festsitzen. "Die sind nicht in Haft" erklärt Abdo immer wieder. "Wir müssen nur erst klären, ob sie etwas mit dem IS zu tun haben." Die Frauen rauschen immer noch wütend ab. "Die sind völlig erschöpft und stehen unter Schock", sagt Abdo. "Ich kenne das ja." 2014 ist er selbst geflohen. Nicht vor dem IS im Irak, sondern aus Damaskus vor dem Krieg in Syrien. Seither ist er als Flüchtlingshelfer für eine kurdische Wohltätigkeitsorganisation im Einsatz. "Ununterbrochen." So hat er kaum Zeit, sich die Bilder der syrischen und russischen Flächenbombardements in seiner Heimat anzusehen. Mir fällt auf, dass er im Gespräch mit jedem Flüchtling ungemein liebenswürdig ist.


    "Sie können immer noch lächeln?", frage ich. 

    "Was soll ich denn sonst machen", sagt er.


    Im Schulhof kauern Flüchtlingsfrauen im Schatten der Mauer mit ihren Kindern. Tagsüber steigt die Temperatur immer noch auf über 30 Grad. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Menschen hier in kleinen Häusern, Containern und Zelten den Sommer mit Temperaturen von bis zu 50 Grad überstanden haben. Auch hier will keine ihren Namen nennen, geschweige denn fotografiert werden. Eine fürchtet um ihren Mann, den der IS gefangen genommen hat, andere haben Angst um Verwandte. So verhasst der IS ist – viele fürchten auch die Befreier, vor allem die Haschd al-Schaabi, die schiitischen Milizen, die im irakischen Kampf gegen den IS immer wieder Racheakte begangen haben. "Immerhin kann ich jetzt endlich wieder in Ruhe rauchen", sagt eine Großmutter, eingehüllt in schwarzer Abaya und Kopftuch, zündet sich eine an, und lässt als Erstes ihren kleinen Enkel einen tiefen Zug nehmen. 


    Soha hat wie die meisten hier nicht mehr als eine Tasche mit Kleidern und Dokumenten mitgebracht. Darunter auch eine Quittung des IS für ihren beschlagnahmten Fernseher. "Irgendwann haben die ja alles verboten. Das Internet, das Telefonieren, das Rauchen und das Fernsehen." Sie will zurück nach Mossul, sobald die Dschihadisten vertrieben sind. "In ein paar Wochen vielleicht", sagt sie. 


    Es werden wohl eher Monate. Die kurdischen Peschmerga und die irakische Armee sind schnell vorangekommen in den ersten drei Tagen der Offensive. Aus manchen Dörfern wird gemeldet, was Soha auch für Mossul prophezeit: Einige Bewohner haben sich offenbar gegen den IS erhoben. Aus der Stadt selbst ist zu hören, dass die Dschihadisten zum zweiten Mal binnen weniger Tage Dutzende von Deserteuren exekutiert haben. Im kurdischen Fernsehen fabulieren nun manche Kommentatoren von einem "schnellen, leichten Sieg". Das wird es mit Sicherheit nicht. Jedes noch so kleine Kaff muss erst einmal mühsam von Sprengfallen und Landminen geräumt werden. Metertiefe Tunnelgänge, die in den ersten befreiten Dörfern entdeckt worden sind, geben einen Vorgeschmack, was irakische Soldaten, Peschmerga, Milizen und westliche Spezialeinheiten in Mossul erwartet. Tausende von Boobytraps, Scharfschützen, die sich unterirdische Fluchtrouten gegraben haben, Selbstmordattentäter, womöglich auch Anschläge mit Giftgas, das sich der IS inzwischen in Selbstproduktion zugelegt hat. 


    Wir fahren nach drei Stunden in Degaga zurück nach Erbil. Dort ist am Abend im christlichen Stadtteil Ainkawa Jubel zu hören. Das Gerücht geht um, die irakische Armee habe die christliche Stadt Karakosch befreit. Wenige Stunden später dementiert das die irakische Armee. In der Stadt hätten sich immer noch Scharfschützen des IS verschanzt.

     

Voriger Artikel Voriger Artikel Die Linke Für eine Koalition ungeeignet Nächster Artikel Nächster Artikel Kariesprophylaxe Zuckerlobby betreibt Tarnverein für Zahngesundheit
Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

304 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren