Man könnte sagen, es gab Hinweise. Sechs Fotos, die "dem Bereich der Kinder-/Jugendpornografie zuzurechnen" sind, wie ein Ermittler des Bundeskriminalamts in einem Vermerk notierte, wurden auf Festplatten der Terrorzelle NSU in Zwickau gefunden. Die örtliche Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, mit der Begründung, Vorwürfe wie Mord und Terrorismus wögen ohnehin viel schwerer. Die Spur blieb unbeachtet liegen.

Doch selbst wenn nicht: Hätten die Ermittler von den Bildern nackter Mädchen und Jungen eine Verbindung zum Mord an einem Kind herstellen können, zum Tod der neunjährigen Peggy Knobloch, verschollen am 7. Mai 2001 im oberfränkischen Lichtenberg, tot aufgefunden am 2. Juli diesen Jahres, 15 Kilometer entfernt in einem Waldstück in Thüringen? Weil die Ermittlungen ausblieben, gibt es darauf keine Antwort.

Genau das, die Verbindung zum Fall NSU zu prüfen, ist nun Aufgabe der Ermittler unter Führung der Bayreuther Staatsanwaltschaft. Am Fundort der stark verwesten Leiche hatten Polizisten ein winziges Stück Stoff gefunden, aus dem Experten eine DNA-Spur extrahierten. Spurenverursacher, wie es in der Polizeisprache heißt, ist einem Abgleich zufolge Uwe Böhnhardt, Mitglied des NSU.

Der NSU-Prozess läuft unterdessen weiter

Während Kriminalpolizisten nun allen erdenklichen Spuren nachgehen, läuft in München der NSU-Prozess weiter. 316 Verhandlungstage lang haben sich die Richter gemeinsam mit den anderen Verfahrensbeteiligten durch das Leben, die Taten und das Unterstützernetzwerk des NSU gewühlt. So wird es wohl auch weitergehen.

Dass der Fall Peggy Thema im Terrorverfahren wird, ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Zur Anklage wird der Mord in München nicht gelangen. Ein solcher Vorgang ist zwar möglich, doch wäre dafür vieles zu belegen: Von dem Indiz gegen Böhnhardt ausgehend, müsste Beate Zschäpe oder einer der anderen vier Angeklagten eine Beteiligung an der Tat nachgewiesen werden. Diese müsste zudem etwas mit dem Terrorkomplex zu tun haben. Doch wie der Mord an dem Mädchen zu den restlichen NSU-Taten, den Morden und Anschlägen gegen Migranten und deutsche Polizisten passen sollte, ist völlig unklar.

Das macht die aktuelle Lage so verwirrend. Der Fall Peggy ist ein Puzzlestück, das auf dem Tisch liegt, aber nicht passt. Jeder Versuch, es in den Komplex Nationalsozialistischer Untergrund einzusetzen, scheitert. Es gibt Hinweise, es gibt Möglichkeiten, aber keine geht über eine Spekulation hinaus. Das ist extrem frustrierend, sollte aber nicht dazu verleiten, die Ermittlungen mit einem blinden, rasenden Aufklärungseifer zu vermischen.

Daimagüler will neue Untersuchung der Kinderporno-Spur

Der Nebenklageanwalt Mehmet Daimagüler kündigte ohne viel Zeitverzug an, er wolle eine neue Untersuchung der Kinderporno-Spur beantragen. Im Terrorismus-Prozess, wohlgemerkt. Würde das Gesuch tatsächlich vorgebracht, wäre es chancenlos. Der Opfervertreter müsste sich von den Verteidigern der Angeklagten zurecht den Vorwurf gefallen lassen, er wolle den Prozess ausfransen und in fremden juristischen Gebieten wildern.

Trotzdem gilt: Daimagüler gibt lediglich die Fragen wieder, die sich sämtliche Beobachter des Prozesses stellen: Was ist, wenn etwas dran ist an der DNA-Spur, an der Möglichkeit, Uwe Böhnhardt sei in einen Kindermord verwickelt? Solange das Rätsel um den Stofffetzen nicht aufgeklärt ist, werden diese Fragen nicht mehr verschwinden. Sie werden stumme Begleiter des Prozesses bleiben, eröffnen sie doch die Möglichkeit, dass die NSU-Täter noch ganz andere Motive des Mordens hatten als bisher bekannt.

Diese Vorstellung wird den Prozess nicht verändern, aber vielleicht den Blick darauf. Der Fall Peggy ist ein zusätzliches Mysterium, eines von etlichen, die den Fall der Terrorzelle seit jeher begleiten. Das Dickicht der Rätsel ist noch ein wenig undurchdringlicher geworden.