Zwei spektakuläre Verbrechen sollen plötzlich miteinander in Verbindung stehen. Die Neuigkeit, dass DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens Peggy Knobloch gefunden wurden, erstaunt Kriminologen und NSU-Berichterstatter. "Da passt vom Opfer her nun wirklich gar nichts", sagte ein Ermittler. Doch tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass der NSU mit Kindesmissbrauch und -mord in Verbindung gebracht wird.

Böhnhardt und der Mordfall Bernd

Am 6. Juli 1993 verschwand in Jena der neunjährige Bernd Beckmann. Er wurde zwölf Tage später tot aufgefunden. Der Mord ist bis heute ungeklärt.

Es gab Hinweise, dass der Junge vor seinem Tod missbraucht wurde. Nahe der stark verwesten Leiche, die in einem Gebüsch am Ufer der Saale gefunden wurde, stellten die Ermittler damals einen Außenbordmotor sicher, der Enrico T. gehörte – einem Freund Böhnhardts. 2012 sagte T. in einer Vernehmung, ihm sei sein Boot samt Außenbordmotor gestohlen worden. Böhnhardt sei der Einzige gewesen, der wusste, wo das Boot lag.

Der Fall wurde 2014 neu aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft Gera ermittelte noch einmal, weil es "verbesserte Möglichkeiten, Spuren auszuwerten" gebe, sagte der damalige Staatsanwalt Jens Wörmann. Gleichzeitig gab es neue Hinweise von einem Aussteiger aus der Jenaer Szene: Er hatte behauptet, Enrico T. "steht auf kleine Kinder".

Jetzt soll der Fall noch einmal komplett neu geprüft werden. Das kündigte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow an. Nach Angaben des stellvertretenden Leiters der Staatsanwaltschaft Gera, Steffen Flieger, gibt es keine unausgewerteten DNA-Spuren mehr. Nach den bislang geführten Ermittlungen komme Böhnhardt daher nicht als Täter in Betracht.

Im NSU-Prozess fiel der Name Enrico T. häufiger. Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass er daran beteiligt war, die Tatwaffe vom Typ Česká zu beschaffen. Mit dieser Waffe begingen Böhnhardt und Uwe Mundlos nach den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft neun der zehn Morde, die ihnen bislang zugeschrieben werden.

Zschäpe und das Mädchen

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, wurde im Oktober 2011 von einer Zeugin mit einem kleinen Mädchen gesehen. Wie der Tagesspiegel 2015 berichtete, hatten Zschäpe und Böhnhardt ein Wohnmobil im sächsischen Schreiersgrün gemietet. Eine Angestellte der Verleihfirma gab später vor Gericht an, Zschäpe und Böhnhardt seien in Begleitung eines etwa vier- oder fünfjährigen Mädchens gewesen. Es habe längere blonde Haare gehabt, vermutlich Zöpfe. Zu der Frau habe das Mädchen ein engeres Verhältnis gehabt. "Ich glaube, es hat Mama gesagt", sagte die Zeugin.

Kinderpornos auf Zschäpes PC

2011 fanden die Ermittler kinderpornografisches Material auf dem PC von Beate Zschäpe. Zu dem Rechner könnte auch Böhnhardt Zugang gehabt haben.

Der Fund wurde damals nicht weiterverfolgt. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Zwickau sagte im Februar 2013, das Verfahren sei eingestellt worden, weil die zu erwartende Strafe im Verhältnis zu den Strafen für die terroristischen Taten "voraussichtlich nicht beträchtlich ins Gewicht" falle. Will heißen: Das Verfahren wegen des Besitzes von Kinderpornografie wurde nicht weiterverfolgt, weil die sonstigen Vorwürfe – unter anderem die Mittäterschaft an zehn Morden – schwerer wiegen.

Kinderspielzeug im NSU-Wohnwagen

Als sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 2011 in ihrem Wohnmobil erschossen, hinterließen sie zahlreiche Beweisstücke, darunter auch Kindersachen. Die Ermittler fanden eine Wasserpistole, einen Plüschbär, eine Puppe und einen Kinderschuh. Wem die Sachen zuzuordnen sind, ist bis heute unklar. Vermutet wurde, sie könnten den Kindern ihres Freundes und Helfers André E. gehören. E. und seine Frau Susanne haben zwei Söhne und waren nach Angaben von Zschäpe häufig bei ihr zu Besuch. Etwa von 2006 an sei vor allem Susanne mit den Kindern fast wöchentlich zu ihr gekommen. Das habe ihr gutgetan, "da diese Kinder für mich eine Art Ersatzkinder waren", sagte Zschäpe aus. Sie selbst habe keine Kinder bekommen, ließ sie zu Beginn des Jahres eine Aussage vor Gericht verlesen.

An dem Schuh aus dem Wohnwagen fanden die Ermittler Erbmaterial einer unbekannten weiblichen Person. Die Kindersandale liegt in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes. Sie wurde bereits untersucht: Nach Angaben des BKA-Präsidenten Holger Münch stammt die DNA nicht von Peggy.

Tino Brandt wegen Kindesmissbrauchs verurteilt

Der Neonazi und frühere V-Mann Tino Brandt wurde 2014 wegen Kindesmissbrauchs zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Gera war zu der Überzeugung gelangt, dass sich Brandt an Minderjährigen vergangen und die Jungen auch an andere Männer vermittelt hatte. Brandt hatte nach Angaben des Gerichts ein Geständnis abgelegt. Er wurde in 66 Fällen schuldig gesprochen.

Brandt gehört zu den bekanntesten Vertretern der Thüringer Neonazi-Szene und war bis 2001 V-Mann des Verfassungsschutzes. Er baute die Neonazi-Organisation Thüringer Heimatschutz auf, in der auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aktiv waren.

NSU und der Mordfall Peggy

Die Ermittler, die den Mord an Peggy Knobloch untersuchen, sind in dieser Woche auf Genmaterial des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt gestoßen. Demnach fand sich seine DNA an einem Gegenstand, der im Juli mit Skelettteilen der neunjährigen Schülerin entdeckt worden war.

Peggy war am 7. Mai 2001 im nordbayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Am 2. Juli dieses Jahres hatte ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Waldstück im Saale-Orla-Kreis in Thüringen gefunden – nur rund 15 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt. Mehrfach hatte die Polizei anschließend den Fundort abgesucht, weil das Skelett nach Angaben der Ermittler nicht vollständig gewesen war. Auch wird bis heute etwa ihr Schulranzen vermisst.

Klar ist für die Ermittler, dass der Fundort der Skelettteile nicht der Tatort war. Wie lange Peggy nach dem Verschwinden noch gelebt hat, ist aber unklar. Die Knochen seien Peggy im Alter von neun Jahren zuzuordnen, stellte der Leitende Oberstaatsanwalt in Bayreuth, Herbert Potzel, klar. Offen ist auch, wie lange die Skelettteile in dem Waldstück gelegen haben.