Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zunächst, wie immer: ein bisschen Aktuelles

Erstens: Terror in der ARD. Heute beginne ich mit einer kleinen Nachbereitung der letzten Kolumne: Pilot Koch im Tiefflug auf die deutsche Moral! Herr Kleber auf ZDF und Herr Plasberg auf ARD nötigten ihre Auskunftgeber bis ans Äußerste. "Ich und Herr Hirsch", so sprach Herr Baum ein ums andere Mal, "haben die Sache geklärt." Herr Kleber drohte, er wolle "stundenlang weiterdiskutieren", obgleich er noch nicht einmal die Frage verstanden hatte. Zum Glück waren da Gundula Gause und die Regie davor. 

Liebe Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuschauer! Und natürlich: Liebe Kinderinnen und Kinder! Der Kolumnist ist tief beeindruckt, dass angesichts der Ausstrahlung jenes phänomenalen Stücks eines deutschen Dichters – der, wie wir hören, keine Meinung zum eigenen Großvater hat, da er "ihn nichts fragen konnte" – spontan 600.000 von Ihnen, also eine komplett unrepräsentative Menge von etwa 1 Prozent der erwachsenen Deutschen, zu 87 Prozent entschieden haben, dass der Pilot Koch freizusprechen sei.

87 Prozent von einem Prozent würden sich, wie die ARD mitgeteilt hat, gerne abschießen lassen, wenn dadurch – vielleicht –  höhere Ziele und Werte gerettet werden können. Vielen Dank und großes Lob dafür, Bürgerinnen und Bürger! Dem Ex-Verteidigungsminister Jung erglühten bei hart aber fair die Bäckchen angesichts eines derartigen Ausmaßes an Opferbereitschaft, auf die es ihm freilich gar nicht ankommen däät. "Ei des däät isch glei widde duun", ließ der Staatsmann vernehmen, und meinte damit den zweifellos gesetzwidrigen Befehl zum Abknallen von 100 plus X lieben Wählerinnen und Wählern. Angesichts solch krimineller Energie fiel dem Herrn Baum, der in Wirklichkeit "Herr Ich-und-Herr-Hirsch" heißt, leider nichts mehr ein.

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

Sehr erstaunlich übrigens, was der Fernsehzuschauer so unter "Wir" versteht! Nach nur 90 Minuten zweidimensionaler Einwirkung ist er bereit, seine Nachbarn, Freunde, Verwandten und Allerliebsten hinzumeucheln, wenn man ihm bloß klarmacht, dass die sowieso eine "verlorene Gruppe" sind. "Pilot Koch", ein sympathischer junger Programm-Optimierer, darf an die Stelle des Staates treten, und die Frage, ob der Staat UNS (!) – also Sie und bedauerlicherweise auch mich – um höherer Ziele Willen umbringen lassen darf, verdämmert in seiner zärtlichen Liebe für die eigene junge Familie. Nein, so bekannte er, ich kann es nicht sagen, ob ich auch meine eigenen Kinder abgeschossen hätte. Ok, versetzt Herr Jung, die Frage nehm’ ich Dir gern ab: Ich befehle es einfach.

Erstaunlich: Niemand fragt, ob "Wir" nicht vielmehr die Insassen des entführten Flugzeugs sind! Millionen von gutwilligen Fernseh-Glotzern ließen sich einreden, sie seien Richter oder Schöffen und hätten hier irgendetwas zu entscheiden. Obwohl doch der vorgespielte Ernstfall als gegenwärtige, aktuelle Drohung fantasiert war. Daher werden die Sofa-Richter nie gefragt werden, ab welcher Größenordnung das Prinzip "kleineres Übel" über das Prinzip Menschenwürde siegt. Es wird in einem Stabsquartier in Ramstein, Arizona oder Brandenburg entschieden, ob und wann die Bevölkerung eines Dorfs bei Schweinfurt oder Ludwigshafen zu opfern ist für das Fortbestehen des Großen & Ganzen, also der Versorgung der Industrie mit Strom und den nötigsten Chemikalien.

Ach, ach, die Kunst!, seufzt die Produzentin, und: Es kommt doch nicht auf juristische Kinkerlitzchen an, sondern darauf, dass die Menschen mal über ein Problem geredet haben. So kann man es sehen. Man könnte auch sagen: Die Frage, ob das Dargestellte noch irgendetwas mit Wahrscheinlichkeit zu tun hat, ist unerheblich, es kommt nur darauf an, wie man sich fühlt. Oder: Wenn 80 Millionen Menschen den Like-Button für Reichskanzler A.H. drücken, muss doch was dran sein. Alles dreht sich, alles bewegt sich! Kant Feuerbach Radbruch Luhmann – in drei Minuten Werbepause durchdacht und dann frisch abgestimmt.

Zweitens: DerFriedenspreis des Deutschen Buchhandels fällt in diesem Jahr einem übersinnlichen Wesen zu, das wir aus jenen Zeichnungen M.C. Eschers kennen, in denen aus der Spitze des Bleistifts das Krokodil von der einen in die andere Dimension wandert. Ich weiß nicht, ob die schöne Kunst der "Rötel-Zeichnung nach Fotovorlage" auf den Jahrmärkten des Lebens noch vertreten ist – Sie wissen, liebe Leser der Süddeutschen Zeitung, was ich meine.