Kurz bevor sich der Jugendliche in den Tod gestürzt hat, sollen ihn Nachbarn in der thüringischen Kleinstadt zum Suizid ermuntert haben. "Uns liegen auch Informationen vor, dass einige (...) diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie 'Spring doch'", sagte Bürgermeister Sven Schrade (SPD) am Samstag dem MDR. "So etwas kann man nur verurteilen."     

Eine Mitarbeiterin der Betreuungseinrichtung soll entsprechende Rufe gehört haben, sagte der Geschäftsführer der Unterkunft, David Hirsch. Nach Angaben der Polizei wurde die Mitarbeiterin befragt, ihre Aussage werde nun geprüft.

Die Polizei teilte mit, der 15-Jährige sei zuvor wegen psychischer Probleme behandelt worden. Kurz vor der Tat habe er in der Unterkunft randaliert, weshalb die Polizei gerufen wurde. Als die Beamten eintrafen, saß er bereits auf der Fensterbank im fünften Stock des Plattenbaus. Von dort sei er gesprungen und wenig später an seinen Verletzungen gestorben.

Passant filmte Szenen mit dem Handy

Polizei und Feuerwehr bestätigten, dass sich Schaulustige vor der Unterkunft aufgehalten hätten. Nach Angaben einer Polizeisprecherin filmte ein Passant die Szenen mit einem Handy. Er sei noch vor Ort gebeten worden, das Video zu löschen, was er vor den Augen der Beamten auch getan habe.

Fotos des Jugendlichen mit Hasskommentaren

Bürgermeister Schrade sagte auf Anfrage, zunächst müssten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgewartet werden. Von einem Fremdverschulden werde nicht ausgegangen.

Sollten sich die "Spring doch"-Rufe bewahrheiten, sei das nicht tolerierbar, schrieb der Bürgermeister auf seiner Facebook-Seite. "Es ist verachtenswert, ja unmenschlich. Ob Geflüchtete oder hier Lebende: Wir alle sind Menschen." Zudem schrieb er: "Leider erreichten mich heute auch Bildaufnahmen, die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren."

Anmerkung der Redaktion: ZEIT ONLINE geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden.

Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder auf der Telefonrechnung noch dem Einzelverbindungsnachweis erfasst. Weitere Beratungsangebote sind etwa auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu finden.

Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 - 950 951 und der Festnetznummer 0228 - 71 00 24 24 sowie der E-Mail-Adresse seelefon@psychiatrie.de.