Liebe Leserinnen und Leser,

Der dritte Teil der Serie Strafe musste leider verschoben werden. Die heutige Kolumne befasst sich stattdessen mit drei interessanten aktuellen Prozessen. Der Strafvollzug wird nachgeliefert.

Erstens:

Schon wieder eine Ankündigung des Äußersten: "Claudia (…) will weitermachen. Zur Not bis zum Bundesverfassungsgericht." Dies berichtet Emma am 28. September. "Claudia" – Emma nennt sie abwechselnd mit vollem Namen und zwecks Wahrung der Privatsphäre nur mit Initialen – ist eine Partei in dem berühmten Theaterstück Wetter von Ferdinand von Sch. Für alle, die das erschütternde Stück noch immer nicht kennen, kurz der Inhalt:

Erster Akt: Wetter, ein sympathischer junger Mann mit vollem Haar, stets fröhlichem Lächeln und gut sitzendem Jackett, beschuldigt das aus Film und Funk bekannte Model Claudia, ihm unter Ausnutzung von Täuschung, Überraschung und Gewalt sexuelle Handlungen abgenötigt zu haben.

Zweiter Akt: Monatelange fieberhafte Recherchen der zuständigen Medien bringen ans Licht, dass diese Claudia ein ganz abgefeimtes Frauenzimmer ist, die mit sieben submissiven Zwergen gleichzeitig jongliert und drei paar Handschellen sowie eine strassbesetzte Lederpeitsche des Bad Oldesloher Edelherstellers "Lady Gnadenlos e.K." besitzt. Frecherweise bestreitet sie die Tat hartnäckig, sodass sich das Opfer – nun früh ergraut – überraschenderweise gezwungen sieht, als Zeuge vor einem echten Gericht auszusagen, was zwangsläufig zu seiner endgültigen Traumatisierung führt: Wetter muss von der Isobarenkarte entfernt werden.

Dritter Akt: Claudia wird unerklärlicherweise freigesprochen, nicht ohne dass ihr der Vorsitzende der Großen Strafkammer in peinlicher Wichtigtuerei nachruft, sie sei garantiert schuldig, habe aber mangels Nachweises leider freigesprochen werden müssen: ganz großes Landgerichtskino also.

Kaum hat Claudia sich von diesem Schlag erholt, geht sie zum Gegenangriff über und verlangt frech Schmerzensgeld von Wetter: Wegen angeblicher Falschbeschuldigung. Und das Unvorstellbare geschieht: Sie obsiegt, und ein deutsches Oberlandesgericht spricht ihr die unermessliche Entschädigungssumme von 7.000 Euro mit der Begründung zu, es sei erwiesen, dass Wetter wider besseres Wissen und in der Absicht, sie in Haft zu bringen, gelogen und die Tat nur vorgetäuscht habe.

Vierter Akt: Großer Schlussmonolog des greisen Wetter mit Gewinnspiel und Schlussabstimmung des Publikums. Wer Wetter glaubt, geht rechts raus, wer Claudia glaubt, geht links raus. Wer keinem glaubt oder sich nicht entscheiden kann, muss sitzenbleiben und den ganzen Mist noch mal anschauen.

So viel zum Plot des Stücks. Zur Inszenierung nur dies: mittlerer Brecht. Viel Schwarz: Betroffene Schauspieler, mal sitzend, mal stehend. Jedoch stets dem Weltenohr zugewandt sprechend, also sehr laut. Ein Wort, noch ein Wort, ein Begriff, verhallend: Umgekehrter Subsumtionsirrtum! Konkubinischer Rechtfertigungsexzess! Das Stadttheater zittert.