Welche Verbindung gibt es zwischen dem mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und der 2001 ermordeten Peggy Knobloch? Diese Frage gibt selbst erfahrenen Kriminalisten Rätsel auf. Die Erklärung, dass die DNA-Probe verunreinigt sein könnte, kann nach Informationen des Bayerischen Rundfunks (BR) mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen werden.

Demnach sei die Meldung falsch, dass beide Fälle im selben rechtsmedizinischen Institut untersucht wurden. Böhnhardts DNA hätten Rechtsmediziner des Landeskriminalamts in München untersucht. Die Rechtsmediziner in Jena wiederum seien nur im Fall der gefundenen Leiche von Peggy involviert gewesen und nicht bei der jetzt gefundenen Spur von Böhnhardt. Damit werde es immer wahrscheinlicher, dass es eine Verbindung zwischen beiden Tatkomplexen gibt, schreibt der BR.

Die Rechtsmedizin der Uni Jena schließt Fehler am eigenen Institut aus. Im Juli seien ausschließlich Skelettreste des Mädchens untersucht worden, teilte das Uniklinikum mit. Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy in einem Waldstück in Südthüringen und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren seien jedoch nicht von der Jenaer Rechtsmedizin durchgeführt worden.

Auch der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stamme die Probe von Böhnhardt. Der Fund der DNA-Spur habe auch das BKA sehr überrascht, sagte Münch. "Der Fall NSU zeigt, dass nichts unmöglich ist."

Der Leitende Oberstaatsanwalt in Bayreuth, Herbert Potzel, will eine mögliche Verunreinigung der DNA-Probe jedoch nicht ausschließen. "Es gibt mehrere Möglichkeiten der Verunreinigung." Details nannte er nicht. "Wir wollen den Weg der Spur genau und sicher überprüfen."

Am Donnerstagabend hatten die Polizei in Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth bekannt gegeben, dass am Fundort der Skelettteile des verschwundenen Mädchens Genmaterial von Böhnhardt gefunden worden war. Dieses habe sich an einem Gegenstand befunden. Die Staatsanwaltschaft wolle unter anderem prüfen, ob eine Verunreinigung zu dem DNA-Treffer geführt haben könnte, sagte Potzel in Bayreuth. "Wir müssen erst mal sortieren, in welcher Reihenfolge wir das abarbeiten", sagte er.

Die damals neunjährige Peggy war am 7. Mai 2001 im nordbayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Am 2. Juli dieses Jahres fand ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Waldstück im Saale-Orla-Kreis – nur rund 15 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt.

Verbindung "nicht aus heiterem Himmel"

Nach Informationen des Spiegel handelt es sich bei dem Gegenstand, an dem die DNA sichergestellt wurde, um ein Stück Stoffdecke. Der Bayerische Rundfunk berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, dass es sich bei dem Stoff um ein Stück von der Größe eines Fingernagels handele.

Die Ermittler hatten am Fundort der Knochen zahlreiche Spurenträger sicherstellen können, sagte Potzel. Man sei sich sicher, dass der Fundort der Skelettteile nicht der Tatort war. Wie lange Peggy nach dem Verschwinden aber noch gelebt hat, ist unklar. Die Knochen seien Peggy im Alter von neun Jahren zuzuordnen, stellte Potzel klar. Offen blieb auch, wie lange die Skelettteile in dem Waldstück gelegen haben.

Mehrfach hatte die Polizei den Fundort abgesucht, weil das Skelett nach Angaben der Ermittler nicht vollständig gewesen war. Potzel äußerte sich nicht dazu, ob die fehlenden Stücke und der auch vermisste Schulranzen des Kindes inzwischen aufgetaucht seien.

Waldhütte nahe Fundort von Peggys Leiche

Die Vorsitzende des Thüringer NSU-Ausschusses, Dorothea Marx (SPD), zeigte sich von den möglichen Zusammenhängen zwischen dem Mord an Peggy und dem NSU wenig überrascht. Es gebe mittlerweile Informationen, dass es in der Nähe des Fundortes von Peggy angeblich eine Art Waldhütte gegeben habe oder noch gibt, die einem Rechtsradikalen aus dem Umfeld des NSU-Trios gehörte, der dort regelmäßig zugange war, sagte sie dem SWR. "Da ergeben sich möglicherweise auch räumliche Verbindungen zwischen dem Fundort der Leiche von Peggy und zu einem möglichen Tatort oder Verbringungsort in dieser Hütte." Die Verbindung komme daher "nicht aus heiterem Himmel".

Auch ein Zusammenhang zwischen dem NSU und Straftaten an Kindern sei nicht neu, sagte Marx und verwies auf den früheren V-Mann Tino Brandt: "Wir wissen ja spätestens seit Tino Brandt, der wegen 66-fachen Kindesmissbrauchs rechtskräftig verurteilt worden ist, dass es da durchaus Verbindungen gibt zu pädophilen Kreisen und auch zu pädophilen Straftaten."

Weitere DNA-Untersuchungen gefordert

Böhnhardt war 2011 im Alter von 34 Jahren gestorben – mutmaßlich durch Schüsse seines Mittäters Uwe Mundlos, bevor dieser sich selbst tötete. Die beiden Rechtsextremisten und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben. In München läuft seit mehr als drei Jahren der Prozess gegen Zschäpe – als einzige Überlebende des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, forderte Zschäpe auf, sich zu den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zu äußern. "Ich würde mir wünschen, dass Frau Zschäpe auch in diesem Fall an der Aufklärung mitwirkt und auspackt, was sie dazu weiß", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. Daimagüler forderte auch eine neue Beweisaufnahme im NSU-Prozess.

Im Brandschutt der Zwickauer Wohnung, in der sich der NSU versteckt hielt, war ein Datenträger mit Kinderporno-Material gefunden worden. Man müsse herausfinden, "wer Kenntnis hatte und wer es da raufgeladen hat – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei", sagte Daimagüler.

NSU-Prozess könnte von Fund beeinflusst werden

Die Obfrau der Linken, Katharina König, forderte einen Abgleich der DNA von Böhnhardt sowie der DNA von Mundlos und Zschäpe mit allen ungeklärten Fällen, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien. Zudem sei aus ihrer Sicht derzeit völlig offen, ob der Münchner NSU-Prozess gegen Zschäpe so weitergehen könne wie bisher.

Petra Pau, Obfrau der Linksfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, sagte ZEIT ONLINE: "Wir wissen noch viel zu wenig über die Verbindungen von Neonazis aus dem NSU-Netzwerk zu Zwangsprostitution, Frauenhandel und Kindesmissbrauch." Die belegten Fälle wie etwa bei Tino Brandt seien den Geheimdiensten frühzeitig bekannt gewesen. "Jetzt müssen alle Asservate mit Kinderbezug auf DNA-Spuren vermisster Kinder untersucht werden. Und dem Untersuchungsausschuss müssen endlich alle Erkenntnisse der Behörden über die Verbindungen des NSU-Netzwerks zur organisierten Kriminalität vorgelegt werden."

Es ist offen, ob der Prozess wie geplant fortgesetzt wird. Für diese und kommende Woche sind keine Verhandlungstermine angesetzt.