Die EU-Kommission will ein Pilotprojekt für ein kostenloses Interrail-Ticket für Jugendliche in Europa starten. Nach Informationen von ZEIT ONLINE ist dafür bereits für das kommende Jahr zusätzliches Geld im EU-Haushalt eingeplant. Die Brüsseler Behörde begrüße die Idee, den Zugang junger Menschen zu Interrail-Tickets zu erleichtern. Das sogenannte Erasmus-Plus-Programm, das Jugend und Bildung fördert, werde um 50 Millionen Euro aufgestockt. "Ein begrenzter Teil dieses Betrags könnte zur Finanzierung eines Projekts zur Förderung der Mobilität von Jugendlichen genutzt werden", heißt es dazu aus der Kommission. 

Die EU greift damit die Idee der beiden Berliner Aktivisten Vincent Herr und Martin Speer auf, die mit dem #FreeInterrail-Ticket die europäische Identität stärken wollen: Jeder Europäer soll zu seinem 18. Geburtstag einen Gutschein für ein solches Ticket bekommen. Damit hätten alle Jugendlichen die Möglichkeit, Europa zu bereisen, fremde Menschen kennenzulernen und Vorurteile abzubauen. Die Idee begeisterte schnell und bekam immer mehr Unterstützung: bei EU-Abgeordneten, der Z2X-Konferenz von ZEIT ONLINE und inzwischen auch bis in die oberste Spitze der EU. "Es stimmt mit den zwei wesentlichen Prioritäten der Juncker-Kommission überein, einen neuen Schwerpunkt auf Europas Jugend und Mobilität mit geringen Emissionen zu setzen", so die Kommission.

Dass aus der Idee innerhalb weniger Monate nun ein konkretes Projekt der EU werden kann, liegt an der großen politischen Unterstützung. Sozialisten, Grüne, Liberale und Konservative aus dem Europäischen Parlament haben #FreeInterrail auf die Agenda in Brüssel gesetzt. Auf Druck des Parlaments wurde es im Herbst dann begleitend zum Haushalt für 2017 doch noch aufgenommen: Am 17. November einigten sich Parlament und Rat der EU dann auf die Summe von 50 Millionen Euro, von der ein Teil das Interrail-Projekt finanzieren soll. Der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament, Manfred Weber, bestätigte am Dienstagvormittag auf einer Pressekonferenz, dass erstmals Mittel für #FreeInterrail reserviert seien. "Aber das kann nur ein Anfang sein", sagte der CSU-Politiker ZEIT ONLINE. "Jetzt muss ein wirklich dickes Brett gebohrt werden, damit das Projekt möglichst bald breit umgesetzt werden kann. Daran arbeiten wir."

Denn die Pläne der EU-Kommission werden nicht zwangsläufig dahin führen, wo die Initiatoren und Unterstützer hinwollen: wirklich alle rund 5,5 Millionen 18-Jährigen erreichen, die es jedes Jahr etwa in der EU gibt. "Das Pilotprojekt muss gerade jene jungen Menschen erreichen, die aktuell nicht von EU-Programmen profitieren", sagt Martin Speer. #FreeInterrail sei explizit kein Elitenprogramm.  

Die EU-Kommission sieht sich aber unter anderem mit rechtlichen Hürden konfrontiert, die einer simplen Umsetzung im Wege stehen. So dürfe aus Wettbewerbsgründen die Bahn als Verkehrsmittel nicht bevorzugt werden, das Pilotprojekt müsse deshalb auch offen für andere Verkehrsmittel sein. Zum anderen ist die Frage, wie man Jugendliche, insbesondere benachteiligte, erreichen kann. Es gibt ja nicht einfach ein Register aller 18-Jährigen in Europa. Diskutiert wird deshalb die Verteilung über Schulen. Die EU-Kommission erwägt nach Informationen von ZEIT ONLINE, die Gutscheine an Jugendliche ab 16 Jahren zu verteilen, die über das Schulprogramm eTwinning an Projekten teilgenommen haben. In Brüssel ist von rund 10.000 Gutscheinen die Rede, die so in der Pilotphase verteilt werden könnten.

Geht die Idee verloren?

Ein Wettbewerb an Schulen also statt eines bedingungslosen Zugangs für alle? Es klingt wieder mehr nach einem typischen EU-Projekt als nach einer revolutionären Idee. Auch in der Kommission ist man sich des Problems bewusst, möglicherweise damit wieder nur die ohnehin europainteressierten Jugendlichen zu erreichen. Zumindest diskutiert wird deshalb auch, gezielt Schulen jenseits von Gymnasien, wie etwa Berufsschulen, einzubeziehen.

Entsprechend freuen sich die #FreeInterrail-Initiatoren Herr und Speer zwar über die prompte Realisierung ihrer Idee. Aber sie fürchten, dass ihre Ziele verfehlt werden könnten. "Die zwei Kernpunkte der Idee sind: einfacher Zugang und universale Anwendung", sagt Vincent Herr. Es sei ihnen wichtig, dass die EU-Kommission diese Faktoren berücksichtige, wenn sie ein Pilotprojekt vorbereite. "Alles andere würde den Grundgedanken, der so viel Unterstützung bekommen und Begeisterung ausgelöst hast, verwässern."

Sie und ihre Unterstützer im EU-Parlament wollen deshalb weiter dafür arbeiten, dass #FreeInterrail in seiner Einfachheit als Ziel erhalten bleibt und weiter verfolgt wird. Wenn das Pilotprojekt der EU-Kommission 2017 tatsächlich umgesetzt wird, können Abgeordnete des Parlaments für 2018 ein weiteres Pilotprojekt einreichen. Das sehen Abgeordnete wie die Grüne Rebecca Harms als Chance, wieder näher an die eigentliche Idee zu kommen.