ZEIT ONLINE: Heute ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Wie schlimm ist die Situation für Polizistinnen, dass Sie als Gewerkschaft der Polizei darauf aufmerksam machen?

Dagmar Hölzl: Wir haben den 25. November sonst immer dazu genutzt, um diejenigen, die wir schützen, in den Fokus zu rücken. Wir haben über häusliche Gewalt, Zwangsehe und Menschenhandel informiert. Aber die Zahl der Kolleginnen, die beleidigt, beschimpft und angespuckt werden, steigt. Das wird zu einer großen Belastung. Wenn die, die schützen und helfen sollen, keine Unterstützung erfahren, ist irgendwann die Kraft zu Ende.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist das Problem?

Hölzl: Wir sprechen laut Polizeilicher Kriminalstatistik von 11.000 betroffenen Beamtinnen im vergangenen Jahr. Es geht um Widerstand gegen Polizeivollzugsbeamte und Nötigung, aber auch Körperverletzung.

ZEIT ONLINE: Laut dieser Statistik sind 17,5 Prozent der Opfer Polizistinnen. Wie verhält sich das zur Gesamtzahl der Frauen in der Polizei?

Hölzl: Wir gehen von 30 bis 35 Prozent Frauen in den Polizeien der Länder aus.

ZEIT ONLINE: Das würde ja bedeuten, dass Frauen unterproportional betroffen sind.

Hölzl: Das stimmt, aber es werden mehr. In der Vergangenheit waren Frauen sehr selten betroffen, sie hatten einen Schutz durch ihre Weiblichkeit. Wenn wir eine gemischte Streife rausgeschickt haben, konnte man davon ausgehen, dass die Frau die meisten Widerstände einfach verbal gelöst hat. Männer schreckten davor zurück, eine Frau anzugehen oder anzugreifen. Schimpfworte hat es immer schon gegeben, aber das nimmt massiv zu, und das belastet.  Auf Demos stellen wir fest, dass Leute ganz gezielt nach Frauen in der Polizeikette suchen und dort zuschlagen.

ZEIT ONLINE: Geht es um Straftaten oder um einen respektlosen Umgang?

Hölzl: Beides. Die Polizeibeamtin in Uniform ist keine Respektsperson mehr. Das fängt schon bei Kindern und Jugendlichen an. Aber es geht auch um Straftaten, von der leichten Körperverletzung hin zu Fußtritten und Faustschlägen. Und ich fürchte, das eine bedingt das andere, die Hemmschwelle sinkt.