Tagsüber fuhren sie Busse im Regionalverkehr, pflegten alte Menschen im Seniorenheim oder lieferten Pizza aus. Abends begann ihr zweites Leben, heimlich und gewalttätig. Sieben Männer und eine Frau aus Freital bei Dresden sollen Rechtsterroristen sein. Das wirft die Bundesanwaltschaft der Clique vor. Sie hat diese Woche Anklage wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gegen die acht erhoben.

Von Juli bis November 2015 sollen die mutmaßlichen Terroristen in dem kleinen sächsischen Ort Anschläge verübt haben. Linke Politiker, ein alternatives Wohnprojekt und Asylbewerber waren ihre Opfer. Im Laufe der Ermittlungen wurde die Liste der Taten, die ihnen zur Last gelegt werden, immer länger.

Im Frühjahr 2016 hatte die Bundesanwaltschaft das Verfahren von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen übernommen und der Gruppe zunächst drei Sprengstoffanschläge angelastet: zwei Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte in Freital und einen Anschlag auf das linke Wohnprojekt "Mangelwirtschaft" in Dresden. Inzwischen rechnet die Bundesanwaltschaft der Gruppe nach Informationen von ZEIT ONLINE mehr Taten zu. Offiziell hat die Bundesanwaltschaft die Anklage noch nicht verkündet. Ein Verteidiger bestätigte jedoch, dass sie ihm bereits vorliegt.

Die Anklage ist eine Zäsur. Nach der Serie der Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte und Politiker seit Beginn des vergangenen Jahres verfolgt die Bundesanwaltschaft erstmals eine mutmaßliche rechte Täterclique als terroristische Vereinigung.

Neue Vorwürfe

Schon die ersten Ermittlungen der sächsischen Polizei legten nahe, dass Mitglieder der Gruppe für weitere schwere Straftaten verantwortlich gewesen sein dürften. Das geht aus Ermittlungsakten hervor, die ZEIT ONLINE einsehen konnte. In der Anklageschrift sind nun tatsächlich neue Vorwürfe hinzugekommen: So wird den Angeklagten unter anderem zur Last gelegt, das Auto eines Stadtrats der Linkspartei in die Luft gejagt zu haben. Sie sollen auch für die Verwüstung eines Parteibüros der Linken in Freital verantwortlich sein.

Während einer Razzia am 19. April 2016 waren fünf Tatverdächtige verhaftet und mehrere Wohnungen durchsucht worden. Drei weitere Verdächtige saßen bereits seit Ende 2015 in Untersuchungshaft.

Die Bundesanwaltschaft nennt die mutmaßliche Terrorzelle "Gruppe Freital", nach dem Wohnort der Täter und nach den Tatorten. Die meisten Angriffe fanden in Freital, einer Kleinstadt bei Dresden statt, fast alle Beschuldigten lebten zuletzt dort. Ein nüchterner Name, verglichen mit Bezeichnungen anderer Rechtsterroristen wie "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) oder "Oldschool Society" (OSS). Die Gruppe aus Freital selbst hatte sich keinen einprägsamen Titel verpasst.

Treffen in der "Kellerbar"

Ein Mitstreiter beschrieb der Polizei die Gründungsgeschichte der mutmaßlichen Terrorzelle so: Nach einer Demonstration gegen Flüchtlinge hätten sie sich in der Freitaler "Kellerbar" zusammengesetzt und einen eigenen Zirkel gebildet. Bewusst hätten sie auf einen Namen für die Struktur verzichtet.

Eine Aral-Tankstelle in ihrer Nachbarschaft im Stadtteil Deuben diente den mutmaßlichen Attentätern später als regelmäßiger Treffpunkt. Bei Bier und Bockwurst sollen die Mitglieder der Gruppe dort ihre Anschläge besprochen haben. Aus Gleichgesinnten wurden Feierabendterroristen.

Die meisten der mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe Freital gingen tagsüber einfachen Berufen nach. Ihre Angriffe verübten sie nachts oder am Wochenende. Am nächsten Morgen traten sie wieder zum Dienst an.

Mörderische Böller

Ihre Tatwaffen kauften sie im benachbarten Tschechien. Dort gibt es Feuerwerkskörper, die in Deutschland verboten sind, weil sie zu viel Sprengstoff enthalten. Bis zu 61 Gramm Sprengladung steckt in ihnen, wie das Bundeskriminalamt (BKA) bei einer Untersuchung der beschlagnahmten Böller ermittelte.

Auch die Sprengwirkung dieser Waffen hat das BKA untersucht. Wer näher als einen Meter an der Detonation steht, riskiert allein durch den Druck Schäden an Lunge und Trommelfell. "Bei Personen im Nahbereich der Explosion" seien "lebensbedrohliche Verletzungen möglich", notierten die Beamten. Würden die Böller mit Nägeln umklebt, seien sie sogar garantiert tödliche Waffen.

Während mehrerer Wohnungsdurchsuchungen entdeckten die Beamten bei einigen der Tatverdächtigen solche nicht zugelassene Pyrotechnik des Typs Cobra 11 und Viper 12. Bei Philip W., einem in Untersuchungshaft sitzenden Busfahrer, fand die Polizei solche illegalen Sprengkörper auch am Arbeitsplatz. Er lagerte sie in seinem Garderobenspind bei den Dresdner Verkehrsbetrieben.

Die Wirkung der Sprengkörper genügte den Beschuldigten aber noch nicht. Vor dem Anschlag auf das Wohnprojekt "Mangelwirtschaft" klebten sie die Böller an Buttersäureflaschen. Die Flaschen sollten während der Explosion bersten und ihren stinkenden und ätzenden Inhalt verteilen. Zuvor wollten die Angreifer die Scheiben des Hauses mit Steinen einwerfen, damit die Ladungen im Inneren zünden. Nur einem Zufall ist es zu verdanken, dass sie von dem Plan abrückten und die Buttersäurebomben vor der Tür explodierten.

Fast hätten die Täter mit ihren Bomben auch getötet. Einer der Anschläge galt einer Asylbewerberunterkunft in Freital. Vier junge Syrer lebten dort. Die Täter klebten die Sprengkörper von außen an drei Fenster der Wohnung. Als sie explodierten, wurden die Fenster zerstört, Glassplitter schossen durch den Raum. Ein junger Syrer wurde verletzt. Es war reines Glück, dass sich keines der Opfer in der direkten Nähe der Explosion befand.